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Symbolbild

41-Jährige vor dem Amtsgericht Dachau

Dachauerin kassiert jahrelang Stütze - und geht unterdessen als „Nina Magnolia“ anschaffen

Eine 41-jährige alleinerziehende Mutter hat jahrelang Leistungen vom Jobcenter bezogen - zu Unrecht: Die Dachauerin verdiente gleichzeitig als Prostituierte.

Dachau – Eine 41-jährige, alleinerziehende Mutter eines achtjährigen Mädchens ist gestern vom Schöffengericht Dachau zu einer Freiheitsstrafe in Höhe von einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt worden, weil sie vier Jahre lang zu Unrecht Leistungen vom Jobcenter Dachau bezogen hat. Der Betrugsfall ist delikat, denn in dieser Zeit verdingte sich die Dachauerin in München als Prostituierte.

Ein attraktive Frau betrat gestern in Flipflops den Gerichtssaal. Die langen roten Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die zierliche Figur in ein luftiges, dunkles Sommerkleidchen gehüllt, auf dem lustige Gänseblümchen prangten. Doch so unschuldig die Angeklagte wirkte, so dreist hatte sie das Jobcenter jahrelang an der Nase herumgeführt. Insgesamt 34 600 Euro Stütze hatte sie von 2011 bis 2016 kassiert, wobei sie bei der Behörde angab, über keinerlei Einkommen zu verfügen. Und das wäre vielleicht noch Jahre lang so weiter gegangen, wenn die alleinerziehende Mutter nicht denunziert worden wäre. Bei der Polizei nämlich meldete sich vor gut zwei Jahren ein anonymer Anrufer und gab an, dass die treue Jobcenter-Kundin in einem Massageklub in München als „Nina Magnolia“ anschaffen gehe und dafür 200 Euro die Stunde nehme.

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In der Hauptverhandlung ließ „Nina Magnolia“ über ihren Verteidiger David Aschbichler verlauten: Ja, sie habe als Prostituierte gearbeitet, aber nur einmal die Woche oder auch mal nur einmal im Monat. Dass sie auch bei diesen Angaben geschummelt hatte, wurde deutlich, als der vorsitzende Richter Tobias Bauer aus der Gerichtsakte vorlas. Da stand drin, wie in der Causa „Nina Magnolia“ ermittelt worden war.

Nach dem anonymen Anruf verständigte das Jobcenter das Hauptzollamt sowie das Polizeipräsidium München, die Folgendes herausfanden: „Nina Magnolias“ Identität ist seit 2005 bei Polizeikontrollen mehrfach in Bordellen festgestellt worden. Auf einschlägigen, hoch professionell gestalteten Internetseiten konnten Freier „Nina Magnolia“ als Escort- sowie als Massage-Dame buchen – und zwar montags, dienstags, mittwochs, donnerstags und freitags jeweils über einen Zeitraum von fünf Stunden; an Samstagen und Sonntagen, so hieß auf den Webseiten, stünde die sündige Blume gar ganztägig parat. Treffen konnten bedürftige Herren „Nina Magnolia“ in zwei Klubs, wo sie Zimmer gemietet hatte. Ach ja: „Nina Magnolia“ überweist seit geraumer Zeit monatlich 450 Euro für die Pflege ihrer Pferde an einen Reitstall.

Angesichts dieser Ermittlungen knickte die Angeklagte in der Hauptverhandlung mehr und mehr ein. Sie begann selbst Angaben zu machen. Am Ende weinte sie sogar ein bisschen. Setzt man ihr Sprachpuzzle zusammen, ergibt es eine traurige Geschichte. 1998 sei sie über ihren damaligen Lebensgefährten „ins Milieu abgerutscht“, so die heute 41-Jährige, „und ich hatte keine Chance mehr, da rauszukommen“. Sie habe begonnen Drogen zu nehmen und zu trinken. Sie wurde neunmal wegen Straftaten verurteilt; wegen Betrügereien, Diebstählen, Drogendelikten, Beleidigungen und Körperverletzungen. Schließlich wurde ihr die Tochter weggenommen. Erst 2015 habe sie die Reißleine gezogen. Sie habe eine stationäre Alkoholentgiftung sowie eine Psychotherapie durchgezogen. Noch heute, meinte sie, gehe sie wöchentlich zum Psychologen. Schließlich habe das Jugendamt die Tochter zu ihr zurückkehren lassen. Mutter und Tochter lebten heute von 340 Euro Sozialhilfe, die Wohnung freilich bezahle der Staat. Und, das sagte die Angeklagte noch, sie habe einen Job in ihrem früheren Beruf als medizinisch-technische Assistentin in Aussicht.

Das Schöffengericht ließ am Ende die Schwindeleien der Jahre 2011 und 2012 unberücksichtigt. Die Einstellung erfolgte, weil die Beweisführung diesbezüglich einerseits kompliziert sei und andererseits bei der Strafzumessung nicht ins Gewicht falle, so Richter Bauer. Dann aber war Schluss mit Milde. Das Urteil lautete auf ein Jahr und acht Monate Gefängnis wegen gewerbsmäßigen Betrugs. Über die Bewährung hätten er und seine beiden Schöffen lange gegrübelt, so Richter Bauer, weil die Angeklagte sich während des Prozesses lange Zeit dreist und gleichgültig gezeigt habe. Dennoch muss die 41-Jährige nicht in Haft. Neben dem Teilgeständnis hatte das Gericht vor allem die kleine Tochter im Blick, die ansonsten wieder lange von ihrer Mutter getrennt wäre. 

Thomas Zimmerly

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