Frau steht an Pult, links Fahne
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Benafsha A. hat Karriere gemacht, arbeitete in Afghanistan als Staatsanwältin für die Regierung. Das bringt sie in Lebensgefahr.

Die Staatsanwältin kämpfte für Frauenrechte

Drama um Schwester in Kabul: Familie in Oberbayern voller Angst - „Die Taliban werden sie töten!“

  • Stefanie Zipfer
    VonStefanie Zipfer
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Sie blieb zurück, um in Afghanistan zu helfen. Jetzt versteckt sich Benafsha A. vor den Taliban. In Dachau bangt ihre Schwester Lida um Benafshas Leben.

Dachau – Die Dachauerin Lida A. fürchtet um das Leben ihrer Schwester Benafsha. Die 48-Jährige stand bis zum Einmarsch der Taliban in Kabul als Staatsanwältin in Diensten der afghanischen Regierung. Nun versteckt sich Benafsha in einem Keller vor den neuen Herren. Lida A. ist überzeugt: „Wenn sie nicht aus Afghanistan flüchten kann, werden die Taliban meine Schwester töten.“

Lida A. und ihre Schwester Benafsha sind zwei Powerfrauen. Mit viel Fleiß, Beharrlichkeit und einer gehörigen Portion Optimismus bildeten und arbeiteten sich die beiden nach oben. Die eine, Lida, ist Mutter von drei wohl geratenen Kindern und seit Februar 2020 Leiterin des „Denk mit!-Kinderhauses“ in Dachau; die andere, Benafsha, hat vier Kinder, brachte es in der afghanischen Hauptstadt Kabul sogar bis zur Staatsanwältin und kämpfte dort nicht nur für Recht und Ordnung, sondern auch für Frauenrechte.

Afghanin aus Dachau bangt um das Leben ihrer Schwester - sie blieb in Kabul zurück

Und das ist nun Benafshas Problem. „Sie hat nicht damit gerechnet, dass es so schnell geht. Sie wollte bleiben und sich weiter für den Rechtsstaat einsetzen“, erzählt Lida mit tränenerstickter Stimme. Der Optimismus, Fleiß und die Beharrlichkeit der Schwestern könnten für Benafsha nun nämlich das Todesurteil bedeuten.

Anders als ihre vier Brüder und zwei Schwestern, die Ende der 1990er-Jahre alle nach Europa gingen, blieb die heute 48-jährige Benafsha in Afghanistan. Sie war damals bereits verheiratet, ihr Mann hatte die Heimat nicht verlassen wollen. Nach Ende des Taliban-Regimes aber nutzte Benafsha die neuen Möglichkeiten, die sich ihr nach dem Einmarsch der US-Amerikaner boten. Sie wurde Juristin und arbeitete für die afghanische Regierung.

Dachau: Afghanische Familie flüchtete nach Europa - nur eine Schwester blieb zurück und bangt nun um ihr Leben

Diese Regierung gibt es nun aber nicht mehr, die Taliban sind zurück. Und Benafsha dürfte aus zwei Gründen nicht ins Weltbild der neuen Herren passen: Sie ist eine erfolgreiche Frau und sie ist Repräsentantin einer soeben abgesetzten Regierung. Schwester Lida A., die seit dem Jahr 2001 in Dachau lebt, ist sich sicher: „Die werden sie töten. Sie wird erschossen, oder was auch immer. Wir befürchten das Schlimmste!“

Noch, so berichtet Lida, könne sich ihre Schwester verstecken, „bei Freunden im Keller“. Doch die Familie sei bereits bedroht worden, es sei daher „eine Frage der Zeit, bis sie sie holen“. Die 41-jährige Dachauerin telefoniert (noch) jeden Tag mit ihrer Schwester, auch die anderen Familienmitglieder würden den Kontakt halten. Um das Leben der Schwester dauerhaft zu schützen, aber müsste Benafsha außer Landes geschafft werden. „Sie muss raus aus Afghanistan!“

Dachauerin besorgt um Schwester in Kabul: „Sie muss raus aus Afghanistan!“

Wie das gelingen soll, ist Lida und den übrigen Geschwistern, die ebenfalls in Deutschland beziehungsweise den Niederlanden leben, noch nicht ganz klar. Benafsha war leider nicht bei den Ortskräften der Bundeswehr angestellt, zudem will Deutschland seine Rettungsflüge wohl schon am morgigen Freitag einstellen. „Meine Schwester hat sich für Menschen eingesetzt. Jetzt müssen sich bitte die Politiker einsetzen, dass sie dafür nicht sterben muss!“, fleht Lida.

Während sich Lida A. vor allem an die deutschen Politiker wendet, versuchen es ihre Kollegen bei der Stadt Dachau über ihre italienischen Kontakte. Tanja Jörgensen-Leuthner, die seit Jahren im Kulturamt beschäftigt ist und gegenüber der italienischen Partnergemeinde Fondi als Übersetzerin fungiert, hat bereits Salvatore de Meo kontaktiert. Der frühere Bürgermeister von Fondi, der seit vergangenem Jahr für die Europäische Volkspartei im EU-Parlament sitzt, soll Benafsha A. einen Platz in den italienischen Rettungskontingenten beschaffen. Das Auswärtige Amt, dem die Familie A. bereits alle Daten der Schwester weitergeleitet hatte, antwortet nach Aussage Lida A.s nicht. Die in Europa lebenden Verwandten werden dagegen von Stunde zu Stunde panischer, denn: „Uns läuft die Zeit davon!“

Was Lida A. wichtig ist zu betonen: Ihre Schwester würde als Flüchtling niemandem auf der Tasche liegen. „Wir als Familie bürgen für sie!“ Denn so, wie sich Lida A. in Dachau nach oben gearbeitet hat, würde sich auch die ältere Schwester Benafsha hierzulande schnell einfinden, ist sich Lida sicher.

Versteckt im Keller in Kabul: Familie aus Dachau bangt um das Leben ihrer Schwester

Deren Geschichte ist ohnehin ein Muster für geglückte Integration: Als 14-Jährige war sie mit der Mutter und sechs Geschwistern über Moskau nach Deutschland geflohen. Das Mädchen lernte deutsch, machte den Quali und später – als mittlerweile 32-jährige, verheiratete Mutter von zwei Kindern – die Mittlere Reife an der Abendschule; anschließend folgte die Ausbildung zur Erzieherin. Lidas zwei ältere Kinder gehen mittlerweile zur Uni.

Von ihrem Kabuler Kellerversteck aus will Benafsha A. noch so lange es geht Videos drehen und über die Facebook-Seite ihrer Schwester Lida auf ihre verzweifelte Situation aufmerksam machen. Lida und die Familie in Deutschland halten die Erinnerung an Benafsha währenddessen mit Fotos am Leben. Das jüngste Bild stammt vom Mai: Da war Benafsha noch innerhalb der Kabuler Staatsanwaltschaft befördert worden.

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