Zwei Busse
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Die Stadtbusse fahren nach Einführung des Zehn-Minuten-Takts zu oft ohne Fahrgäste durch die Stadt.

Skeptiker fühlen sich bestätigt: Bilanz der Taktumstellung katastrophal

Alle zehn Minuten ein (leerer) Bus

  • Stefanie Zipfer
    vonStefanie Zipfer
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Der Dachauer Stadtrat hat den Zehn-Minuten-Takt für vier Buslinien beschlossen. Doch die Auslastung ist äußerst gering. Skeptiker sehen sich bestätigt.

Dachau – Leere Busse, leere Kassen: Die Bilanz der von vielen so heiß ersehnten Verkehrswende in Dachau ist bislang verheerend. Die Auslastung der Busse der Linien 720, 722 und 726 im Zehn-Minuten-Takt ist meilenweit entfernt von den ursprünglich kalkulierten zehn Gästen pro Fahrt; oft genug kurven die Busse komplett leer durch die Straßen.

Robert Haimerl, Chef der den Busverkehr betreibenden Stadtwerke, gibt zu, dass die Coronakrise zu „deutlichen Umsatzeinbrüchen“ allerorten geführt habe. Aber war diese Entwicklung nicht absehbar? Hätte man die Einführung des Zehn-Minuten-Takts im vergangenen Dezember nicht verschieben müssen?

„Ja klar“, sagt Oberbürgermeister Florian Hartmann. Dies sei ja auch der Grund gewesen, warum die Verwaltung dem Stadtrat im vergangenen April einen entsprechenden Vorschlag unterbreitet hatte. Denn schon damals sei ersichtlich gewesen: Viele Pendler bleiben im Homeoffice, und vor allem ältere Fahrgäste meiden Bus und Bahn aus Angst vor einer Ansteckung. Angesichts wegbrechender Steuereinnahmen wäre die Verschiebung für die Kämmerei eine willkommene Ersparnis gewesen.

Doch Grüne und Bündnis für Dachau, die Hartmann im Wahlkampf noch unterstützt hatten, verweigerten die Gefolgschaft; auch die CSU bestand auf der vereinbarten Einführung des Zehn-Minuten-Takts ab Dezember 2020. Das Großprojekt – bestehend aus der Einstellung von 36 neuen Mitarbeitern, dem Kauf zwölf neuer Busse, dem Bau zweier Bushallen sowie einer Erdgastankstelle – kam damit ins Rollen.

„Wenn wir ein Zeichen bekämen, wären wir die letzten, die das Thema nicht noch einmal diskutieren würden“, sagt SPD-Stadträtin Christa Keimerl.

Nicht ganz ein Jahr später dürften sich die Skeptiker im Rathaus bestätigt fühlen: Dass die teuer erkaufte Verkehrswende „grade keiner haben will, das zeichnet sich leider ab“, so Hartmann. Dennoch, das ergab zuletzt eine Anfrage der SPD, ist es noch nicht zu spät. Auch wenn Busse gekauft und Hallen gebaut sind, ließe sich noch Geld sparen. Führte man nämlich wieder einen 20-Minuten-Takt ein, bräuchten die Busse weniger Treibstoff, und die Busfahrer könnten in Kurzarbeit geschickt werden. In Summe würden den Stadtwerken damit 50 000 Euro mehr pro Monat in der (ohnehin leeren) Kasse bleiben.

Doch für diesen Plan B fehlt den Stadtwerken aktuell das politische Mandat des Stadtrats. Und dass sie diesen Auftrag bekommen werden, daran will aktuell niemand glauben.

Allein auf die Anfrage der SPD hin, was sich durch eine temporäre Takt-Ausdünnung einsparen ließe, habe sie einen „regelrechten Shitstorm bekommen“, berichtet SPD-Fraktionsvorsitzende Christa Keimerl. Das Thema nun noch mal im Stadtrat auf die Tagesordnung zu heben, möchte sie sich nicht antun: „Es zeichnet sich ab, dass wir keine Mehrheit finden. Das ist vergebene Liebesmüh.“

Beim MVV in München klagt man angesichts der Coronakrise ebenfalls über gesunkene Fahrgastzahlen. Ausmaße wie in Dachau hat die Krise dort allerdings nicht. Sprecherin Franziska Hartmann betont nämlich, dass dort, vor Einführung neuer Linien oder neuer Takte, „sehr genau geprüft werde“, ob sich die Investition lohnt. Ergebnis dieser „sehr genauen“ und oft jahrelangen Arbeit sei, dass im MVV-Zuständigkeitsbereich „noch nie eine Linie eingestellt werden musste“.

Dass es auch ökologisch nicht allzu sinnvoll ist, wenn leere Busse durch die Straßen fahren, gibt die MVV-Sprecherin zumindest indirekt in Richtung ihrer Dachauer Kollegen zu bedenken: „Wir gehen immer davon aus, dass es für die Umwelt rentabel ist, wenn fünf bis sechs Leute im Bus sitzen.“ Das sei dann schon mal umgerechnet ein Auto weniger auf der Straße.

Doch von durchschnittlich sechs Personen pro Fahrt kann in Dachau aktuell keine Rede sein. Und dass die Fahrgäste nach Ende der Krise sofort wieder zurückkehren, davon gehen Verkehrsexperten ebenfalls nicht aus. Keimerl betont daher: „Wenn wir ein Zeichen bekämen, wären wir die letzten, die das Thema nicht noch einmal diskutieren würden.“ Schließlich sei eine gewisse Lernkurve bei dem einen oder anderen Stadtratskollegen nicht ausgeschlossen.

CSU-Fraktionssprecher Florian Schiller will ihr in dieser Analyse zwar nicht ganz folgen, da für eine echte Verkehrswende nun mal ein „langer Atem nötig“ sei. Allerdings erklärt er auch, dass es „natürlich ein Dilemma“ sei und seine Fraktion „auf Basis der zuletzt von den Stadtwerken veröffentlichten Zahlen“ zumindest zu einer erneuten Diskussion bereit wäre. Und wenn man den städtischen Busverkehr schon kurzfristig effizienter gestalten wolle, habe er eine andere Idee: „Auf der Ringlinie 719 könnte man doch bitte statt der kleinen die großen Busse einsetzen.“ Die City-Bus-Linie, so Schiller, sei nämlich die Einzige, die wirklich gut nachgefragt werde.

Kommentar: Stadtrat sollte Verkehrswende verschieben

Mit Ideologie sollte man grundsätzlich keine Politik betreiben. Aber in Krisenzeiten, wenn das Geld ohnehin knapp ist, kann es nicht angehen, dass Entscheidungen von Millionen teuren Ausmaßen nach Weltanschauung gefällt werden. Niemand bestreitet, dass der öffentliche Personennahverkehr gefördert werden und dass es erst ein Angebot an Bussen geben muss, bevor ein Bürger sein Auto dafür in der Garage stehen lässt. Aber genauso wenig darf bestritten werden, dass diesen grünen Plänen nun seit einem Jahr eine Pandemie in die Quere kommt. Die Bürger passen sich an, bleiben im Homeoffice oder steigen aufs Radl. Wieso kann sich nicht auch der Stadtrat mit der neuen Realität anfreunden und sagen: Na gut, wir haben eh kein Geld, dann verschieben wir eben die Verkehrswende um ein paar Monate? Bei den Sportvereinen hat der Stadtrat ja schon bewiesen, wie fix er den Rotstift ansetzen kann.

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