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Amtsgericht Dachau

Prügel an der Endstation

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Eine ziemlich wilde Räuberpistole hat sich am 17. Juni in Karlsfeld ereignet. Daran beteiligt: ein rumänischer Busfahrer und sein griechischer Arbeitskollege, ein betrunkener Pole sowie eine unbekannte Pfeffersprayerin. Vor dem Amtsgericht zeigten sich die Beteiligten reuig. Und das Gericht ließ Milde walten.

Dachau – Richter Lukas Neubeck hat am Dachauer Amtsgericht wahrscheinlich schon viel erlebt. Aber diese Geschichte, die er am Mittwoch zu verhandeln hatte, sei einfach zu unglaublich – „wenn man sie nicht auf Video sehen könnte“.

Tatsächlich ergab das Video eines Augenzeugen in Kombination mit den Aussagen der drei Angeklagten eine wilde Geschichte, die sich – in Kurzform – so zusammenfassen lässt: Ein 35-jähriger, in München lebender Pole hatte Streit mit seiner Ehefrau. Den Ärger daheim wollte er mit einem im Landkreis Dachau lebenden Freund sowie jeder Menge Alkohol vergessen. Nach einigen Whiskey-Mixgetränken sowie sechs bis sieben Dosen Bier machte er sich per Bus auf den Heimweg. Die Linie 710, das wusste er, verkehrt von Dachau bis Moosach. Was er nicht wusste: Einmal pro Tag, nämlich um kurz vor 21 Uhr, endet der Bus in Karlsfeld.

Dort, an der Endstation St.-Anna-Straße, wollte der 45-jährige Busfahrer aus Rumänien den Polen denn auch zum Aussteigen bewegen. Der Fahrgast aber, schwer angetrunken, sah dies nicht ein, vermutete Willkür. Vor Gericht gab er zu: „Da bin ich wütig geworden.“ In der Folge prügelte er auf den Busfahrer ein und brach ihm dabei den linken Ringfinger.

Zeitgleich kam der 710er-Bus aus der Gegenrichtung, am Steuer der griechische Busfahrer. Er erkannte die Not seines Kollegen, stürmte aus seinem Bus und zog den Angreifer von seinem im Fahrersitz eingekeilten Opfer weg.

Nun verlagerte sich das Gerangel vor den Bus, die beiden Busfahrer wollten den betrunkenen Fahrgast festhalten, bis die Polizei eintrifft. Bis hierher, so Richter Neubeck, habe sich das Verhalten der Busfahrer noch absolut im legalen Rahmen bewegt.

Doch dann ging das Temperament mit dem angegriffenen Rumänen durch. Sein Problem: Ab dem Zeitpunkt gab es mehrere Augenzeugen – und einer davon filmte das Geschehen auch. Zwei Faustschläge ins Gesicht des Polen – einer davon brach ihm sogar den Eckzahn ab – sind damit bezeugt. Der Geschlagene sagte dazu: „An das, was vor dem Schlag passiert ist, kann ich mich nicht mehr so erinnern. Aber der Schlag, das war, als ob ich plötzlich nüchtern geworden wäre!“

Doch der ausgeschlagene Zahn sollte nicht das einzige Unheil bleiben, das dem Elektronik-Fachhelfer zustieß. Wie aus dem Nichts tauchte in der Szenerie plötzlich eine Frau auf, die eine Pfefferspraydose zückte und dem Polen in die Augen sprühte. Ihr Tun begleitete sie mit dem an den Polen gerichteten Satz: „Du Arschloch!“ Bis heute, so Neubeck, konnte die Frau nicht ermittelt werden.

Am Ende ließen Gericht und Staatsanwaltschaft Milde walten. Das Verfahren gegen den griechischen Angeklagten wurde eingestellt. Er habe seinem Kollegen nur helfen wollen, betonte Neubeck.

Der rabiate Fahrgast und der nicht weniger rabiate Busfahrer wurden wegen vorsätzlicher Körperverletzung schuldig gesprochen. Beide wurden durch die Angriffe des jeweils anderen verletzt, zeigten sich aber reuig und geständig. Klar, räumte Neubeck ein, sei die Aggression von dem Fahrgast ausgegangen. Doch die Schläge ins Gesicht „waren fünf Nummern zu viel!“ Der Rumäne habe die Beherrschung verloren und überreagiert. Wieso habe er den Polen nicht einfach festgehalten? „Bei seiner Alkoholisierung wäre der nicht weit gekommen“, vermutete der Richter.

Was die Angelegenheit am Ende fast tragisch macht: Keiner der Beteiligten ist bis zu jenem Abend strafrechtlich in Erscheinung getreten. Alle haben sie nur befristete Arbeitsverträge. Die Geldstrafen in Höhe von 1600 Euro für den Polen und 3200 Euro für den Rumänen treffen sie daher härter als die Schläge selbst.

Rubriklistenbild: © picture-alliance / dpa

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