Ein Mann griff zwei Frauen an und verletzte sie. Jetzt stand der Angreifer vor Gericht.   (Symbolbild)
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Ein Mann griff zwei Frauen an und verletzte sie. Jetzt stand der Angreifer vor Gericht. (Symbolbild)

Verhandlung am Amtsgericht

Randalierer attackierte Frauen in der AOK: Schläger muss jetzt ins Gefängnis

  • Stefanie Zipfer
    vonStefanie Zipfer
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Bei der AOK gab es im Juni einen dramatischen Zwischenfall. Ein Mann griff zwei Mitarbeiterinnen an und verletzte sie. Jetzt stand der Angreifer vor Gericht. Das Urteil: Der Schläger muss ins Gefängnis.

Dachau – Im Grunde sei er seit Jahren ein Verfolgter. Immer wieder werde er für „Dinge ungerechtlich angeschuldigt“, für die er gar nix könne. Seit er sein Heimatland, die Slowakei, verlassen habe, werde er nur um Geld betrogen, von Behörden gepiesakt und überhaupt eigentlich fast immer falsch verstanden. Und jetzt, seufzte der Bewohner der Obdachlosenunterkunft an der Freisinger Straße, „sitze ich schlussendlich hier“.

„Hier“ bedeutete: auf der Anklagebank im Amtsgericht Dachau, vor Amtsrichter Tobias Bauer. Der gab zwar zu, nicht zu wissen, ob oder, wenn ja, welchen Ungerechtigkeiten der Mann in seinem früheren Leben ausgesetzt war, jetzt aber wisse er nur, was in der Anklageschrift stehe, was die Zeugen ausgesagt hätten und was auf messerscharfen Beweisfotos zu erkennen sei. Und das sei nun mal, in Summe, ziemlich eindeutig.

Der Wildfischer sei ausfällig geworden und habe ihn mit dem Tode bedroht

So sagte der Fischereiaufseher des Vereins Petri Heil Dachau glaubhaft aus, dass der Angeklagte am 19. Juni dieses Jahres am Schuster-Kanal in Hebertshausen gefischt hätte. Die Angel habe vor ihm gelegen, genauso wie ein Messer. Darauf angesprochen, so erinnerte sich der Fischereiaufseher, sei der Wildfischer ausfällig geworden und habe ihn mit dem Tode bedroht. Dass er nur „am Genießen seiner Freizeit“ gewesen sei, dass er keine Angel und schon gar kein Messer besitze, glaubte dem Angeklagten vor Gericht daher niemand.

Doch diese Straftat war laut Richter Bauer „noch harmlos“ gegen das, was sich drei Tage später ereignen sollte.

Doch diese Straftat war laut Richter Bauer „noch harmlos“ gegen das, was sich drei Tage später ereignen sollte. Weil er Arbeitslosengeld II, also Hartz IV, beantragen wollte, ging der Angeklagte ins Dachauer Jobcenter. Dort schickte man ihn jedoch weiter zur AOK, er solle sich krankenversichern. Der Mann tat wie ihm geheißen; der geltenden Maskenpflicht im Gebäude kam er nach, indem er sein T-Shirt über Mund und Nase zog. Am Schalter, hinter einem sogenannten Spuckschutz aus Plexiglas, erklärte ihm die AOK-Kollegin jedoch, dass man sich in Deutschland nicht so einfach für eine Krankenversicherung anmelden könne: Sie brauche noch diverse Unterlagen von ihm. Und überhaupt – das T-Shirt war dem gescheiterten Antragsteller mittlerweile vom Gesicht gerutscht – bitte sie ihn doch, seinen Mund und seine Nase zu bedecken.

Die 34-Jährige war sofort ausgeknockt und ging zu Boden.

Diese Bitte brachte das Fass dann wohl zum Überlaufen. Mit der Faust drosch der Unversicherte gegen die Scheibe, die daraufhin aus der Verankerung gerissen und gegen die AOK-Kollegin geschleudert wurde. Unter Ignorierung des Absperrbands stürmte er dann auf die andere Seite der Schalter, in Richtung der Mitarbeiterin, die ihm eine Versicherung verweigert hatte. Doch deren Kollegin, die das Geschehen beobachtet hatte, bewies Mut: Sie stellte sich dem Angreifer in den Weg – woraufhin dieser ihr mit der Faust ins Gesicht schlug. Die 34-Jährige war sofort ausgeknockt und ging zu Boden. Immer noch rasend vor Wut, versuchte der gebürtige Slowake sogar noch einen Schreibtisch auf die Verletzte zu werfen. Dies verhinderten dann jedoch weitere Kollegen, die zudem die Polizei riefen.

Während sich die beiden AOK-Mitarbeiterinnen vor Gericht als immer noch traumatisiert von dem Vorfall präsentierten, meinte der Angeklagte nur achselzuckend: „Einen Streit? Mit den beiden Damen? Hat es nie gegeben!“ Richter Bauer nannte diese Einlassung denn auch „dummes Zeug“. Die Straftaten seien „ohne jeden Zweifel belegt“.

Auch der Öffentlichkeit sei es nicht zu vermitteln, wenn es für einen derartigen „Übergriff“ eine Freiheitsstrafe auf Bewährung gebe.

Anders als die Staatsanwältin, die dem Angeklagten eine gute Sozialprognose attestierte und daher eine Freiheitsstrafe auf Bewährung forderte, schickte Bauer den Mann für neun Monate ins Gefängnis: Dieser habe „kein Geld, keine Arbeit, keine familiäre Bindung, keine Zukunftsperspektive“. Was also solle ihn da bitte „von der Begehung weiterer Straftaten abhalten“? Überhaupt, so Bauer, sei der Angriff auf zwei unschuldige, körperlich unterlegene AOK-Mitarbeiterinnen nichts, was sich eine Gesellschaft gefallen lassen dürfe. Auch der Öffentlichkeit sei es nicht zu vermitteln, wenn es für einen derartigen „Übergriff“ eine Freiheitsstrafe auf Bewährung gebe.

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