Beängstigendes Verschwinden von Mutter (41) und Tochter (16): Wie vom Erdboden verschluckt

Beängstigendes Verschwinden von Mutter (41) und Tochter (16): Wie vom Erdboden verschluckt
+
Ein neuer, von der EU geförderter Biolegehennenstall nach Bioland-Vorschriften steht seit 2015 in Gartelsried bei Hilgertshausen. Landwirt Thomas Kölbl ist dort Herr über 2970 Hennen und 30 Hähne.

Interview mit dem BBV-Obmann über Brüssel, Dachau und die Zukunft der Landwirtschaft

Anton Kreitmair: „Ohne die EU wären wir schlechter dran“

  • schließen

Für nichts gibt die EU mehr Geld aus als für die Landwirtschaft. Dies als Subventionswahnsinn abzutun, wäre jedoch zu kurz gegriffen. Im Interview mit der Heimatzeitung erklärt Anton Kreitmair, Präsident des Bayerischen Bauernverbands (BBV) in Oberbayern, warum die EU – trotz all ihrer Schwächen – vor allem für den Verbraucher ein Gewinn ist.

Herr Kreitmair, die Landwirtschaft ist der Politik viel Geld wert. Wie genau läuft die Subventionierung ab, wie setzen sich die Zahlungen zusammen?

Anton Kreitmair: Zunächst einmal: Ich spreche ungern von Subventionen. Ich würde es lieber Ausgleichszahlung nennen. Das Geld bietet einen Ausgleich für unsere Bauern im Welthandel, die ja wesentlich höhere Standards erfüllen müssen als beispielsweise Bauern in Brasilien. Ziel ist also, unsere bäuerlichen Strukturen zu erhalten.

Anton Kreitmair, Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbands (BBV) 

Und wie funktioniert dieser Ausgleich?

Das System beruht auf zwei Säulen. Die erste Säule ist die Flächenförderung der EU. Diese Direktzahlung an die Betriebe richtet sich allein nach deren Fläche. Für die Landwirte bedeutet diese erste Säule rund 50 Prozent ihres Einkommens. Die zweite Säule beruht auf der sogenannten Förderung des ländlichen Raums; dies sind individuelle Programme, die die Länder gemeinsam mit der EU finanzieren, die aber von Brüssel genehmigt werden müssen. Weil der Freistaat Bayern viel Geld hat, kann den Bauern hierzulande für ein bestimmtes Programm mehr gezahlt werden als beispielsweise Bauern in Schleswig-Holstein für das selbe Programm.

Aber können Direktzahlungen, die sich pauschal nach Fläche richten, gerecht sein? Produktionskosten in Dachau sind doch wesentlich höher als in Rumänien...

Das stimmt, und das ist auch ein großer Streitpunkt innerhalb der EU. Natürlich wird versucht, die Zahlungen je nach Einkommensstruktur zu bereinigen. Aber natürlich versucht auch jedes EU-Mitgliedsland, das meiste Geld für seine Bauern herauszuholen.

Warum kann die Politik die Landwirtschaft nicht einfach dem freien Markt überlassen?

Wenn es den Ausgleich nicht mehr geben würde, würde folgendes passieren: Es würde sehr schnell nur noch Großbetriebe geben. Am schlimmsten aber würde es den Verbraucher treffen, denn an die Ausgleichszahlungen sind ja sehr strenge Produktionsstandards geknüpft. Dennoch, da gebe ich den EU-Kritikern recht: Man hat es mit den Regulierungen übertrieben.

Inwiefern?

Noch einmal: Zu den Grundzügen der EU-Agrarpolitik stehe ich. Wir profitieren sehr von der EU! Aber einige Entscheidungen muss man zurückverlagern zu den Staaten beziehungsweise Ländern. Sonst wird die EU irgendwann in Frage gestellt. Konkretes Beispiel ist der Gewässerschutz, der unbestreitbar wichtig ist. Eine entsprechend strenge Düngeverordnung aber, die in Regionen mit riesigen Schweinemastbetrieben wie in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen Sinn macht, trifft unsere Bauern unangemessen hart.

Wie soll Ihrer Meinung denn die Landwirtschaft der Zukunft im Landkreis Dachau aussehen?

Die Landwirtschaft wird sich weiter entwickeln: vom früheren reinen Nahrungsproduzenten der Nachkriegszeit zum heutigen Energielieferanten und künftigen Umwelt- und Landschaftsbewahrer.

Die Größe der Betriebe wird dabei keine Rolle spielen?

Ich habe immer gesagt: Größe ist nicht die Lösung. Wir vom Verband wollen die kleinen Strukturen erhalten. Das geht in Form von Wachstum durch Entwicklung.

Wie meinen Sie das?

Man muss sich doch einfach die Realität anschauen. Früher war es die Regel, dass der Partner, der in einen Hof einheiratet, seinen Beruf aufgibt und auf dem Hof mitarbeitet. Heute ist das nicht mehr selbstverständlich. Es wird also immer öfter eine Kombination geben: Ein Partner arbeitet zum Beispiel in der Stadt, während der andere Partner den Betrieb in kleinerer Form weiterführt.

Würden Sie Landwirten empfehlen, auf Biolandbau umzustellen?

Biolandbau ist im Moment sicher nicht die alleinige Lösung. Da muss einfach das Verhältnis passen, und gerade wird mehr Bio produziert als konsumiert. Die Verlierer dabei sind vor allem die Kleinbetriebe.

Was halten Sie von Direktvermarktung? Oder muss man ein sehr schlechtes Gewissen haben, wenn man sein Fleisch im Supermarkt kauft?

Da muss man wieder realistisch sein. Einem Arbeitnehmer ist es nun mal nicht zu verdenken, wenn er nach der Arbeit eben nicht mehr eine halbe Stunde zum nächsten Bauernhof zum Einkaufen fahren will. Ein schlechtes Gewissen muss man also nicht haben, wenn man seine Einkäufe im Supermarkt erledigt – wo es ebenfalls Produkte regionaler Herkunft gibt und gutes Fleisch mit dem Siegel „Qualität aus Bayern“.

Wagen wir noch einen Blick in die Zukunft: Wird es in 20 Jahren noch Bauern im Landkreis Dachau geben?

Ja! Vielleicht nicht mehr so viele wie heute, ganz klar. Aber der Beruf des Bauern ist der schönste auf Erden: Man ist frei, selbständig und hat – auch dank der EU – eine finanzielle und politische Sicherheit. Wir leben seit bald 75 Jahren in Frieden und Wohlstand. Ohne die EU wäre das nicht gegangen.

Serie zur Europawahl

Anlässlich der Europawahl am 26. Mai widmet sich die Heimatzeitung in den kommenden Wochen der Frage: Wie wirkt sich die Arbeit des EU-Parlaments auf die Region aus? Was hat Dachau von Brüssel? In Teil 1 der Serie geht es heute um das Thema Landwirtschaft. Weitere Artikel befassen sich – unter anderem – mit dem Brexit oder der Arbeit von EU-Abgeordneten.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Berufsschule: 38 Schüler mit einer eins vor dem Komma
In der Nikolaus-Lehner-Berufsschule in Dachau wurden 263 Auszubildende verabschiedet. Dieser Jahrgang hat sich vor allem durch eines ausgezeichnet: Zielstrebigkeit. 
Berufsschule: 38 Schüler mit einer eins vor dem Komma
Vinzenz Nepomuk aus Dachau
Ganz besonders stolz auf ihr Nesthäkchen sind die Schwestern Clara (acht Jahre) und Josefine (3,5 Jahre). Beide kuscheln gern mit ihrem kleinen Brüderchen. Der erste …
Vinzenz Nepomuk aus Dachau
Zwei Überfälle auf dem Haimhauser Brauereifest
Nach zwei Überfällen auf junge Männer auf dem Brauereifest in Haimhausen sucht die Kriminalpolizei nach Zeugen. Nach ersten Ermittlungen sind zwei Männer im Alter von 19 …
Zwei Überfälle auf dem Haimhauser Brauereifest
Tourist übersieht Stoppschild – drei Verletzte
Weil der Fahrer eines Smarts am Dienstagabend in Eschenried die Vorfahrt eines Fords missachtete, kam es zu einer Kollision, bei der drei Personen verletzt wurden, zwei …
Tourist übersieht Stoppschild – drei Verletzte

Kommentare