Armut auf 160 Seiten: Brigitte Detering, Lena Wirthmüller, Landrat Stefan Löwl, Heidi Schaitl, Sabrina Hutner und Beate Deuter (von links) stellten Auszüge aus dem Armutsbericht vor. foto: landratsamt dachau

Armutsbericht für den Landkreis Dachau

Heute sorglos, morgen arm

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Es gibt nicht wenige Menschen im Dachauer Land, die arm sind. Und es gibt solche, die bald arm sein werden, es aber noch nicht gemerkt haben. Im Auftrag des Landkreises Dachau hat die Caritas einen Armutsbericht für die Region erarbeitet. Die Zahlen und Fakten daraus belegen dies.

Landkreis – Verhungern wird im Landkreis Dachau niemand. Und in der Regel haben alle ein Dach über dem Kopf. Doch es gibt nicht wenige, die selbst für kleine Dinge wie einen Kinobesuch oder ein Schnitzel in einem Wirtshaus kein Geld übrig haben. Oft leiden bei diesen Menschen die sozialen Kontakte oder brechen im schlimmsten Fall ab. In ihrem Armutsbericht hat die Caritas Dachau zahlreiche Daten und Fakten aufgelistet. Sie stammen aus dem Jahr 2016. Zudem enthält das Dossier Empfehlungen, wie arme Landkreisbürger besser über die Runden kommen könnten, wenn sie denn die Angebote der Caritas annehmen würden.

Der Konjunktiv verrät es: Viele arme Dachauer tun dies nicht. Aus Scham, Angst oder Verzweiflung. Dies wurde in einem Pressegespräch deutlich, zu dem Landrat Stefan Löwl sowie Vertreter der Caritas Dachau luden. „Die Armutsarbeit gehört zu den Kernaufgaben des Caritas-Zentrums“, sagt deren Kreisgeschäftsführerin Heidi Schaitl. Sie und ihre Kolleginnen schilderten Beispiele aus ihrer täglichen Beratungspraxis; von armen Menschen in dem vermeintlich wohlhabenden Landkreis Dachau. Der gesamte, 160-seitige Armutsbericht, den die Caritas im Auftrag des Landkreises verfasste, wird am 4. Mai im Kreistag vorgestellt.

In der Metropolregion München gilt eine Einzelperson als arm, wenn sie nicht mehr als 1350 Euro netto im Monat zum Leben hat. Wie viele Menschen im Landkreis Dachau arm sind, ist schwer zu sagen, denn wer legt schon freiwillig seine Steuererklärung offen. Aber die Berater von der Caritas Dachau erleben es tagtäglich, dass Dachauer über existenzbedrohende Geldsorgen klagen.

Von den 350 Klienten der Organisation ist die größte Gruppe die der selbstständigen, oft als Ich-AG fungierenden Handwerker aller Art. Sie haben bisweilen nur eines im Sinn: arbeiten. „Sonst kümmern sie sich um gar nichts und übergeben alles dem Steuerberater“, sagt Lena Wirthmüller. Beim Lohn, so die Caritas-Beraterin, würden sie nur die Bruttobeträge sehen. Rechne man nach, dann gebe es Handwerker, die netto für 3,40 Euro die Stunde buckeln. Auch um ihre Rente kümmern sie sich nicht, so die Feststellung der Caritas. „Sie könnten es, aber sie tun es nicht“, erklärt Beraterin Beate Deuter.

Weiter im Fokus der Caritas: Rentner. Von den rund drei Milliarden Euro Einlagen privater Sparer bei der Sparkasse Dachau gehören zwei Milliarden Menschen, die über 60 Jahre alt sind. Dennoch sind viele Dachauer im Alter arm. Und man kann es kaum glauben: Darunter sind Senioren, die eine Immobilie besitzen – aber kein Geld mehr zum Leben, beispielsweise solche, die keine gesetzliche Rente beziehen. Deren Problem: Um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, müssten sie ihr Haus oder ihre Wohnung verkaufen. Doch was dann? Die Chancen, eine Sozialwohnung zu bekommen, sind äußerst gering. Und die horrenden Mieten für private Wohnungen fressen in manchen Fällen nach Angaben der Caritas das Geld aus dem Immobilienverkauf so schnell auf, dass es nicht bis ans Lebensende reicht.

Landrat Löwl rät allen armen Landkreisbürgern, sie sollen „frühzeitig an die Rente denken“ und „die Beratungsangebote vorher annehmen, sonst ist es zu spät“. Diese gestalten sich laut Lena Wirthmüller „sehr individuell“. In jedem Fall „wird versucht, das Vermögen zu halten“, so die Caritas-Mitarbeiterin. Gebe es Immobilien, dann könnten diese etwa untervermietet werden. Oder der Betroffene bildet eine Wohngemeinschaft. Caritas-Beraterin Deuter gibt jedoch zu: „Das gestaltet sich schwierig. Viele ältere Menschen sind nicht im Wohngemeinschaftsmodus.“

Neben Beratungen soll es ab Herbst das Netzwerk „Armut im Landkreis Dachau“ geben. Die Politik, Kirchen, Verbände sowie die Wirtschaft sollen gemeinsam den Menschen helfen, für die selbst kleine Dinge unerschwinglich sind.

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