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Annalena Baerbock in Dachau: Kurz, aber herzlich

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Von: Stefanie Zipfer

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Warb um Mut und Vertrauen: Annalena Baerbock am Dienstag in Dachau. © Norbert Habschied

Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat der Großen Kreisstadt am Dienstagabend einen zirka einstündigen Besuch abgestattet. Sie hielt eine engagierte Rede, posierte geduldig für Selfies und nahm einen fairen Fußball mit nach Hause. Ihre grüne Basis war begeistert. Dem Rest der 1500 Besucher war die Stippvisite dann aber doch ein wenig zu kurz.

Dachau – Klar, man soll nicht vergleichen. Aber als Robert Habeck vor drei Jahren, lässig mit einer Hand in der Hosentasche, eineinhalb Stunden auf der Bühne des Dachauer Festzelts stand und über Gott, die Welt und das grüne Wahlprogramm redete, da hingen ihm knapp 2500 Zuhörer an den Lippen. Johannes Becher, Grünen-Landtagsabgeordneter aus Freising, erinnerte sich am Dienstagabend noch gut an Habecks Auftritt: Dieser sei „die Initialzündung“ für die folgende bayerische Landtagswahl gewesen, „das war der Start für den besten grünen Wahlkampf aller Zeiten! Von Dachau ist ein Signal ausgegangen für ganz Bayern!“

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1500 Besucher, Medienvertreter aus ganz Deutschland: die Grünen-Kundgebung war gut besucht. © Norbert Habschied

Annalena Baerbock wollte nun exakt drei Jahre nach Habeck im Biergarten auf der Thomawiese das selbe Kunststück schaffen, wobei – das muss der Fairness halber gesagt werden – die Rahmenbedingungen ganz andere waren. Sie sprach im Freien, es war nasskalt, eine rechte Stimmung mochte nicht aufkommen. Dazu noch die Corona-Auflagen, die Mindestabstand und FFP2-Masken auf den Wegen vorschrieben. Und schließlich noch die Sicherheitsmaßnahmen: Klar, eine Kanzlerkandidatin muss besser geschützt werden als ein Grüner stellvertretender Ministerpräsident von Schleswig-Holstein.

Dennoch gab die 40-Jährige Gas. Der frühere CDU-Politiker Thomas de Maizière hatte einmal gesagt: „Diese Frau hat mich beeindruckt!“ Wer Annalena Baerbock am Dienstag auf der Thomawiese zuhörte, konnte diesen Eindruck nachvollziehen. Ohne Skript rauschte Baerbock durch sämtliche Themen, die sie – im Falle ihrer Wahl – angehen würde: das Gesundheitssystem, das Bildungssystem, das Steuersystem, Afghanistan, Europa und selbstverständlich den Klimaschutz. Letzterer lasse sich nämlich nicht durchsetzen, indem man – den Namen Söder nannte sie in diesem Zusammenhang nicht – „einfach mal Bäume umarmt“. Klimaschutz sei auch „harte Industriepolitik“, und wie die funktioniere, beweise gerade „ein grüner Ministerpräsident bei Ihnen um die Ecke“. Am 26. September, bei der Bundestagswahl, würden daher Weichen gestellt: Ob die Jobs der Zukunft in Dachau oder in China und den USA landen; und ob das Bundesverkehrsministerium weiterhin ein Ort sein soll, „an dem alte Generalsekretäre entsorgt werden“. Am Ende rief sie das Publikum noch dazu auf, zu „fragen, zu löchern, zu diskutieren“, das schließlich sei „der Sinn von Wahlkampf“.

Zum Diskutieren allerdings blieb der Kandidatin dann keine Zeit mehr, sie nahm als Gastgeschenk noch einen fairen Fußball mit nach Hause – „das ist toll, bisher hab ich nämlich in jeder Stadt ein Trikot bekommen, ein Ball fehlte mir noch“ – posierte für Selfies (siehe Infobox) und verschwand in ihren grünen Wahlkampfbus.

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Auf Tuchfühlung mit den Anhängern: Annalena Baerbock nahm sich nach ihrer Rede noch Zeit für Selfies mit ihren Fans.  © Norbert Habschied

Zu viel Nähe zu den Fans?

Das Landratsamt hatte den Baerbock-Auftritt als politische Veranstaltung für 1500 Besucher genehmigt. Auflagen: Die Besucher müssen abseits des Sitzplatzes FFP2-Masken tragen und 1,5 Meter Abstand halten (wir berichteten). Dass das Sitzen am Platz ohne Maske erlaubt wurde, begründet das Landratsamt auf Nachfrage damit, dass man damit dem vorangegangenem „Sommer auf der Thomawiese“ habe Rechnung tragen wollen: „Was im Biergarten zwei Wochen lang erlaubt ist, wollten wir bei der politischen Veranstaltung dann nicht verbieten.“ Nach dem Auftritt Baerbocks habe es aber im Lauf des gestrigen Tags von verschiedenen Stellen Nachfragen beziehungsweise Hinweise gegeben, ob alle Auflagen auch tatsächlich eingehalten worden seien, speziell die Selfie-Szenen Baerbocks mit ihren Fans seien gemeldet worden. Im Landratsamt aber betont man: „Sollte eine offizielle Anzeige kommen, müssen wir der Sache nachgehen.“ Ansonsten nehme man die Meldungen zur Kenntnis. zip

Das Publikum spendete Applaus, vor allem die grüne Basis war angetan. Roderich Zauscher, seit Jahrzehnten Grünen-Mitglied und Kreisrat aus Odelzhausen, etwa fand: „Ich fand sie gut, ziemlich klar und deutlich, sie war nicht nebulös.“ Auch der Dachauer Grünen-Stadtrat Richard Seidl lobte Baerbock als „total unkompliziert“. Sie habe einen guten Mittelweg gefunden zwischen der großen Weltpolitik, die einen Bundestagswahlkampf nun mal ausmache, und bayerisch-zünftiger Biergartenatmosphäre. Eine klassische Festzeltrede „hätte in dem Rahmen eh nicht gepasst“.

Anke Drexler, SPD-Stadträtin, dagegen fand – bei alller Sympathie für eine 40-jährige Grüne, die sich das höchste Amt des Landes zutraut – Baerbocks Rede „inhaltlich wirklich schwach“. Auch ÜB-Stadtrat Peter Gampenrieder meinte, Baerbock habe „alle Themen ein bisschen angerissen, aber keins so richtig durchgezogen“. Günter Dietz, CSU-Stadtrat, fasste es schließlich so zusammen: „Es war sehr kurz. Und sehr oberflächlich.“

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Johanna Klein, 24, Volt-Mitglied aus Dachau © Habschied

„Ich mag ihre Art, wie sie auftritt. Das war sehr angenehm. Sie hat einen guten ersten Eindruck auf mich hinterlassen. Inhaltlich hat sie alles Wichtige abgearbeitet. Ich finde es gut, dass sie ein grünes Verkehrsministerium will. Das sehe ich auch so. Schade finde ich, dass sie nicht so viel auf das Thema sauberen Strom etwa in Bezug auf E-Autos eingegangen ist.“

Johanna Klein, 24, Volt-Mitglied aus Dachau
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Ulrich Rauhut, 72, Grünen-Mitglied aus Röhrmoos © Habschied

„Annalena Baerbocks Rede hat mich auf jeden Fall überzeugt. Sie hat frei gesprochen. Natürlich kann sie in ihrer Rede nicht auf alles eingehen. Sie hat alle Brennpunktthemen angesprochen. Der Vorwurf, sie habe zu wenig Erfahrung, ist ein riesen Blödsinn. Das zeigen aktuelle Themen wie Klima oder Afghanistan. Von den drei Kanzlerkandidaten ist sie auf jeden Fall die Beste.“

Ulrich Rauhut, 72, Grünen-Mitglied aus Röhrmoos
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Renate Leipnitz, 58, Koordinatorin aus Dachau © Habschied

„Annalena Baerbock hat das Zeug zur Kanzlerin. Sie ist eine Frau und eine Mutter. Sie ist sehr authentisch. Mir hat ihre Rede sehr gut gefallen. Sie hat ein Programm drauf. Das sind nicht einfach nur Worthülsen. Bei ihr habe ich das Gefühl, dass beim Klimaschutz endlich was in die Gänge kommt. Ich möchte nicht immer ,hätte’, ,würde’, ,könnte’, hören. Es geht ums Machen.“

Renate Leipnitz, 58, Koordinatorin aus Dachau
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Jan Veeh, 25, Student aus Röhrmoos © Habschied

„Ich fand ihren Auftritt gut. Ihre Rede hat mich überzeugt, weil sie den Schwerpunkt auf Inhalte gelenkt hat und nicht auf Show und Stimmungsmache. Ich konnte zu jeder ihrer Aussagen zustimmen und werde sie wählen. Das wollte ich auch schon, bevor ich sie hier reden gehört habe. Aber es war für mich wichtig, mir einen persönlichen Eindruck von ihr zu machen.“ 

Jan Veeh, 25, Student aus Röhrmoos
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Gaby Schünemann, 62, Grünen-Fan aus Unterbachern © Habschied

„Annalena Baerbock ist sympathisch und mutig. Ich fand ihre Rede aber etwas zu kurz. Sie hat über die Umwelt genauso lange gesprochen wie über Afghanistan. Ich hätte mir gewünscht, dass sie mehr auf Themen wie Naturschutz, Tierwohl und die Flutwelle eingeht. Ich werde sie aber selbstverständlich wählen. Wir brauchen Leute aus der neuen Generation!“

Gaby Schünemann, 62, Grünen-Fan aus Unterbachern
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Christian Zörner, 25, Politik-Assistent aus Weichs © Habschied

„Annalena Baerbock hat ihre Rede gut vorbereitet. Sie hatte regionale Bezüge. Sie ist aber nicht die geborene Rednerin. Ihre Ansprache wirkte auf mich nicht natürlich, sondern ein bisschen gezwungen. Da ich in der Politik arbeite, habe ich auch ein Interesse an ihrem Auftritt. Ihre Chancen zur Kanzlerin schätze ich nicht gut ein, aber ich würde es ihr zutrauen.“ 

Christian Zörner, 25, Politik-Assistent aus Weichs

Interviews: Verena Möckel

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