Mann zeigt auf Urne
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Immer mehr Angehörige möchten ihre Toten erst nach dem Lockdown bestatten lassen. Robert Kraus ermöglicht das.

Bestatter aus dem Landkreis Dachau berichten

Bestattungen in Zeiten von Corona

Die Arbeit der Bestatter hat sich in Corona-Zeiten verändert. Zwei von ihnen erzählen von befremdlichen Szenarien und ein neues Angebot für Angehörige.

Dachau – Die Bilder aus Meißen, die gestapelte Särge zeigten, gingen Mitte Januar durch alle Medien. Man kam mit den Beerdigungen von Covid-Opfern nicht hinterher. Von solchen Zuständen sind die Bestattungsunternehmen in Bayern weit entfernt. Mit der Beisetzung von Corona-Toten sind die Bestatter Robert Kraus aus Prittlbach und Ralf Hanrieder aus Dachau natürlich regelmäßig konfrontiert. Doch sie stellen klar: „Das in Meißen war klares Missmanagement“, betont Hanrieder. Ungeschultes Personal, zu wenig Kühlmöglichkeiten – all das hätte in Dachau „nie passieren können“, versichert der Bestattungsunternehmer und bekommt dabei Recht von Tobias Wenzel von der Landesinnung der Bestatter in Sachsen und von Stephan Neuser, Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Bestatter.

Genauso wie sein Dachauer Kollege Kraus hat zwar auch Hanrieder bisher im Winter 2020 mehr Aufträge als sonst verzeichnen müssen. Engpässe habe es aber zu keinem Zeitpunkt gegeben, weder in den Krematorien, noch bei den Zulieferern, betonen Kraus und Hanrieder unisono. Auch personaltechnisch war die Situation noch zu bewältigen, wobei Ralf Hanrieder sich derzeit durchaus Verstärkung wünschen würde.

Beim ersten Lockdown war es für die Bestatter im Landkreis Dachau fast unmöglich gewesen, ausreichend Schutzkleidung, Masken, Desinfektionsmittel und vieles mehr zu bekommen (wir haben berichtet). Die Preise stiegen ins Astronomische, die Verunsicherung war groß. „Ich habe für eine einfache OP-Maske damals 2,50 Euro bezahlt“, erinnert sich Robert Kraus, der Neben seinem Hauptsitz in Prittlbach weitere Filialen in Karlsfeld und in der Krankenhausstraße in Dachau betreibt. Teilweise über Umwege musste er sein zwölfköpfiges Team ausstatten. Inzwischen haben sich die Preise normalisiert, berichtet Ralf Hanrieder.

Allerdings sei die Zahl seiner Aufträge im Vergleich zu 2019 deutlich gestiegen. Vor allem Tote aus Alten- und Pflegeheimen gab es zu betrauern. Hanrieder betreibt Filialen in München, Germering, Fürstenfeldbruck und Unterschleißheim. In Dachau hatte er im letzten Quartal 2020 etwa 26 Prozent mehr Aufträge als im Vergleichszeitraum 2019. In Fürstenfeldbruck und Unterschleißheim waren es hingegen weniger Tote, die er beerdigte.

Dreharbeiten in den Räumen von Ralf Hanrieder (links). Der Bericht „Wohin mit den Corona-Toten“ des Teams von „SAT1-Akte“ ist in der Mediathek des Senders zu finden.

20 Prozent aller Verstorbenen waren mit dem SARS-CoV-2- infiziert, so Hanrieder. Die Toten dürfen nicht aus dem Leichensack genommen, nicht gewaschen, nicht hergerichtet, nicht eingekleidet und auch nicht verabschiedet werden. Für Angehörige wie für Bestatter nach wie vor ein befremdliches Szenario.

Am Waldfriedhof in Dachau gehen die strengen Vorschriften weiter. Maximal 25 Trauergäste dürfen bei Beerdigungen dabei sein. In der Aussegnungshalle sind es gar nur 16. Kein Händeschütteln, keine Umarmungen, keine tröstende Nähe ist erlaubt.

Deshalb entscheiden sich immer mehr Angehörige, ihre Toten erst zu bestatten, wenn der Lockdown aufgehoben oder zumindest weitgehend gelockert ist, so Hanrieder. In diesen Fällen bieten er und sein Kollege Kraus an, die Urne einzulagern, bis ein Abschiednehmen wie zu Zeiten vor Corona wieder möglich ist.

Simone Wester

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