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Kindertagesstätte in Hannover  (Symbolbild)

Stadt ist vor allem bei jungen Familien beliebt

Zuzug sorgt in Dachau für Betreuungsnotstand

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Dachau kommt wegen des Zuzugs nicht hinterher, ausreichend Betreuungsplätze zu schaffen. Im September dürfte die Situation in Krippen und Kindergärten dramatisch werden.

Dachau – Die kreisfreie Stadt Rosenheim und die Große Kreisstadt Dachau haben viel gemeinsam: Es gibt jede Menge Jobs, tolle Sport- und Freizeitmöglichkeiten und eine schöne Landschaft drum herum. Einziger gravierender Unterschied: Will man von der 63 000-Einwohner Stadt Rosenheim nach München, muss man sich entweder im Auto über die chronisch verstopfte A8 quälen oder den chronisch verstopften und dazu noch unzuverlässigen Regionalzug nehmen, wobei die Fahrtzeit im besten Fall knapp 45 Minuten dauert.

Dass man von Dachau aus gerade mal zehn Minuten mit der Regionalbahn in die Landeshauptstadt braucht, ist vermutlich einer der Gründe, warum gerade Menschen mittleren Alters – diejenigen, die also keine Lust mehr auf die Partyszene im Glockenbachviertel haben, aber auch noch keinen Altersruhesitz im Berchtesgadener Land suchen – nach Dachau ziehen. Dort gründen sie Familien, dort verbringen sie, nach dem Broterwerb in München, ihre Freizeit. „Gerade junge Familien sind von unserer Stadt ganz begeistert“, sagt Oberbürgermeister Florian Hartmann. Dachau weise für diese Personengruppe sicherlich eine „gewisse Attraktivität“ auf.

Das Problem: Der Zuzug in die Große Kreisstadt hat Folgen. Die Kinder der jungen Familien müssen nämlich betreut werden: erst in der Krippe, dann im Kindergarten und schließlich im Hort. Die Stadt Dachau hält dafür – bei 47 000 Einwohnern – 2400 Betreuungsplätze vor. Zum Vergleich: Rosenheim hat trotz wesentlich höherer Einwohnerzahl nur 150 Betreuungsplätze mehr. Auch im Vergleich zu Germering und Fürstenfeldbruck steht Dachau in Punkto Betreuungsplätzen gut da.

Während in Rosenheim, Germering und Bruck die Betreuungssituation aber mehr oder weniger entspannt ist und jedes Kind einen Betreuungsplatz bekommt, wird es in Dachau ab September nicht mehr reichen. Im Krippenbereich fehlen 59 Plätze, im Kindergartenbereich 65 Plätze und im Hortbereich 35 Plätze. Laut Oberbürgermeister Hartmann steht die Stadt dem Problem fast schon hilflos gegenüber: „Wir haben unser Betreuungsangebot in den letzten Jahren massiv ausgebaut. Wir haben außerdem kein einziges großes Neubaugebiet ausgewiesen. Die Thematik kommt einzig und allein durch den Zuzug, wir kommen einfach nicht mehr hinterher.“

Hinzu kommt: Reine Bautätigkeit wird das Problem nicht lösen. Denn von den 159 fehlenden Betreuungsplätzen können 75 allein aus dem Grund nicht belegt werden, weil es kein Fachpersonal gibt. Die städtischen Einrichtungen werden laut Verwaltung „unter Umständen“ den Erzieher-Mangel dadurch umgehen, indem sie trotz fehlenden Fachpersonals die Kinder aufnehmen, damit aber „den Qualifikationsschlüssel nicht einhalten und förderschädlich handeln“. Die freigemeinnützigen Träger wollen dieses Risiko laut Stadt jedoch nicht eingehen.

Auch der sogenannte Einschulungskorridor, den die bayerische Staatsregierung in diesem Frühjahr zur Überraschung beziehungsweise zum Entsetzen der Kommunen eingeführt hat (wir berichteten), führt zu Problemen. „Wir wissen bis heute nicht genau, wie viele Kinder ab September im Kindergarten bleiben“, klagt OB Hartmann. Die Verwaltung rechnet mit zirka 30 Kindern, die ab September – auf Wunsch ihrer Eltern – ein Jahr länger in den Kindergarten gehen.

Da Eltern seit 2013 einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz haben, drohen der Stadt auch juristische Probleme. Es seien bereits mehrere Klageandrohungen angezeigt worden, bestätigt die Verwaltung. Inwieweit Gerichte es würdigen, dass Dachau nachweislich schlicht das Personal fehlt und damit an den fehlenden Krippenplätzen nicht die Schuld trägt, ist laut Hartmann noch nicht klar. Auch die Frage der Zumutbarkeit beziehungsweise wie weit eine Krippe vom Haus der Eltern entfernt liegen kann, müsste dann von Gerichten entschieden werden.

Um sich zumindest im Krippenbereich Luft zu verschaffen, bastelt die Stadt gerade an einer Notlösung. Ab Ende des Jahres könnten drei Gruppen in frei gewordenen Containern untergebracht werden, allerdings seien die Verhandlungen mit möglichen Betreibern noch nicht abgeschlossen, so der OB.

Bis dahin übt man sich in den Reihen des Stadtrats in Galgenhumor. „Das Problem der Vergreisung“, so Anke Drexler (SPD), „trifft uns wenigstens nicht“.

Auch andere Gemeinden haben mit dem Problem zu kämpfen : Kinderbetreuung in Schliersee: Schon wieder alles übervoll

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