+
Enge Freundschaft: Georg Stefan Troller (M.) mit Regisseur Michael Verhoeven. Rechts Gabriele Hammerm ann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau. 

Bewegendes Zeitzeugengespräch

Journalistenlegende und Holocaust-Überlebender Georg Stefan Troller (98) zu Gast im Rathaus Dachau

Georg Stefan Troller, 98-jährige Journalistenlegende und Holocaust-Überlebender, war bei einem Zeitzeugengespräch in Dachau – und zog sein Publikum, darunter Schauspielerin Senta Berger und Regisseur Michael Verhoeven, in seinen Bann.

1938 mit 16 Jahren als Sohn eines jüdischen Pelzhändlers aus Wien über die Tschechoslowakei und Frankreich nach Amerika geflohen, von dort als US-Soldat zurückgekehrt, die Befreiung Münchens erlebt, das Grauen in Dachau fotografiert, als Fernsehjournalist zur Legende geworden: so klingt Georg Stefan Trollers Leben im Telegramm-Stil. „Das erzählt sich so leicht“, sagt der 98-Jährige und seine Haselmausaugen blitzen. „In Wirklichkeit war alles hundertmal komplizierter.“

Zum Beispiel die Flucht aus dem besetzten Österreich. Obwohl die Eltern aus Mähren stammten, konnte Troller nur illegal in die Tschechoslowakei einreisen. Das Land habe sich den Flüchtlingen verschlossen, „das ist ja die Norm, heute wie damals“, sagt der alte Herr im samtbraunen Cordsakko trocken. Stundenlang sei er nachts mit seinem Schleuser über die Felder geschlichen. Den Inhalt seines Koffers musste er im Haus des Schleppers lassen, angeblich als Alibi für den Fall, dass die Grenzer sie schnappten. „In Wahrheit hat er sich alles unter den Nagel gerissen, ich habe mein Zeug nie wieder gesehen“, raunzt Troller mit einer wegwerfenden Handbewegung.

Vom Alter geschrumpft, aber nicht gebeugt, sitzt Georg Stefan Troller am Abend des Holocaustgedenktags auf dem Podium im Dachauer Rathaus. Das Foyer, alle Treppenstufen und die Galerie sind besetzt, vom Heavy-Metal-Fan bis zur Geschäftsfrau reicht die Spanne. In der ersten Reihe hören Senta Berger und ihr Mann Michael Verhoeven, die mit Troller eng befreundet sind, gebannt zu. Denn der Fernsehjournalist und legendäre Interviewer zahlreicher Prominenter in den 1970er-Jahren ist der geborene Erzähler. Sein Plauderton schnurrt den Zweiten Weltkrieg fast auf Anekdotenformat – allerdings mit herbem Beigeschmack.

Auf welch schmalem Grat seine Flucht vor den Nazis verlief, wie oft ihm einfach nur Glück zu Hilfe kam: Georg Stefan Troller weiß es noch genau. In der Reichskristallnacht zum Beispiel versteckte er, der 16-jährige Buchbinderlehrling, sich im Keller seines Chefs. Durch ein Fenster sah er auf den Hinterhof, der zur Polizeiwache gehörte. „Die ganze Nacht über wurden Juden eingefangen und auf den Hof gebracht, wo junge freiwillige SA-Leute die Juden zum Turnen brachten“, erinnert Troller sich. Er habe auf seinem Papierstapel gelegen und beobachtet, wie die vornehmen alten Wiener Herren schikaniert wurden.

„Und wie ich so hinausschaue, sieht mich plötzlich einer von ihnen an“, sagt der Zeitzeuge und schweigt einen langen Moment. „Und ich sehe ihn an.“ Troller verharrt vor dem Blickwechsel, den sein inneres Auge für immer bewahrt hat. Der 98-Jährige lässt die Szene offen. Ein trockenes „Naja“ dient ihm noch oft an diesem Abend als Füllwort für die Leerstellen, die das Unsagbare in seinen Erzählstrom reißt. Später sei ein SA-Mann durch die Hintertür in den Keller gekommen und habe auf den Papierstapel gepinkelt, auf dem der Junge reglos lag. „Das war für mich das Symbol meiner Lage: Ich bin ein Mensch, auf den man ungestraft pinkeln darf“, schließt Troller die Erinnerung an diese Nacht.

Mit einem gefälschten Visum gelangte der junge Mann von der Tschechoslowakei an die nordfranzösische Küste. Dort verbrachte er als „ungehöriger Ausländer“ neun Monate in verschiedenen Internierungslagern. Dann wieder ein Glücksfall: Obwohl Troller eine aussichtslose Wartenummer hatte, gab ihm der amerikanische Vizekonsul in Marseille ein Visum. „Er sagte, Amerika braucht Soldaten! Ich war 18 Jahre, also genau richtig. Da greift er in einen Stapel mit Visa und zieht wahllos eines hervor, auf dem das Bild eines alten Juden mit Vollbart klebt. Er macht das Bild ab und klebt meines darauf – so bekam ich ein Visum. Was aus dem alten Juden geworden ist, weiß Gott allein.“ Und wieder schweigt Georg Stefan Troller, der Überlebende.

In Amerika wurde der Geflüchtete 1943 zum Kriegsdienst eingezogen, erlebte 1945 die Befreiung Münchens und dokumentierte die Gräuel im KZ Dachau. Wenige Tage nach der Befreiung fuhr er als Teil des US-Vernehmungsteams in das Lager. „Die Lebenden waren alle schon weg, nur die Toten lagen zu hunderten auf dem Appellplatz“, erinnert sich Troller.

Der junge Soldat entdeckte die Waggons des Zugs, mit dem KZ-Häftlinge aus Buchenwald nach Dachau geschickt worden waren. „Ich dachte erst: Das sind Wachspuppen, die ein wahnsinniger Anatom ausgestellt hat, damit die amerikanische Wochenschau etwas zu filmen hat“, sagt er. „Dann begriff ich: Das waren alles meine Leute. Da hätte auch ich liegen können.“ In einem Versuch, mit der unerträglichen Situation fertig zu werden, habe er begonnen, alles zu fotografieren. Die Bilder schickte er viele Jahre später an die KZ-Gedenkstätte Dachau.

Wenn Georg Stefan Troller an sein Nachkriegsjahr als US-Soldat in München denkt, wird er sehr nachdenklich. „Das Leitwort der Münchner war damals: Wir haben ja schon alles abgebüßt in den Bombennächten“, kritisiert er. Alle hätten plötzlich jüdische Großmütter gehabt oder von nichts gewusst. „Niemand hatte von Hitler, dem Regime, der Partei, der SS, der Gestapo gehört, alle haben nur vom Krieg gesprochen, in den man so hineingerutscht sei.“ Er habe erwartet, dass „die Deutschen in Sack und Asche auf den Kirchenstufen beteten“. Stattdessen habe jeder nur Rechtfertigung gesucht. „Nie übernahm jemand Verantwortung oder bezeichnete sich auch nur im Geringsten als schuldig“, sagt Troller.

Und das ist für die Zuhörer mit Blick auf den wachsenden Rechtsextremismus in Deutschland vielleicht Trollers wichtigste Botschaft dieses Gedenkabends: Jeder hätte es wissen können. Jeder trägt Verantwortung.  dn/epd


Pfarrer Björn Mensing über den Auftritt Trollers: „Wir sollten Zeitzeugen-Gespräche führen, solange es möglich ist!“

Pfarrer Dr. Björn Mensing (Foto) hat im Rahmen seiner Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit bereits sehr viele Zeitzeugen gehört. Doch der Abend mit Georg Stefan Troller hat ihn nachhaltig beeindruckt. Zum einen war es die Art Trollers, über seine Vergangenheit zu sprechen. „Er hat mit uns Momente geteilt, die ihm am eindrücklichsten und schlimmsten in Erinnerung geblieben sind. Und das unglaublich detailliert und genau.“ Trotzdem habe Troller auch eine ganz besonders humorvolle Art, von einem Leben zu erzählen – wie von seinen waghalsigen Erlebnissen, als er fürs Fernsehen mit Kamerateam auf dem Aufzug des Pariser Eiffelturms stand und immer wieder über einen rotierenden Bügel springen musste. Mensing hat sich vor Trollers Auftritt viele Videos mit ihm angesehen – doch er weiß: „Einen Zeitzeugen persönlich zu erleben, ist einfach etwas ganz anderes.“ Einige Erlebnisse Trollers erschütterten Mensing mit am meisten. Es geht um die Art der Deutschen, wie sie kurz nach dem Krieg mit den Nazi-Verbrechen umgingen. Troller war als GI dabei, als sich Bürger die Leichen im damaligen KZ ansehen sollten – um das Ausmaß der Verbrechen zu begreifen. Doch Troller hörte keine Worte des Mitgefühls oder der Reue, was er hörte waren Sätze wie: „Wie könnt ihr uns das antun, dass wir uns das ansehen müssen?“ Er war ein Jahr in München stationiert – immer wieder erlebte nur eine „völlige Verdrehung, eine totale Täter-Opfer-Umkehr“, wie es Mensing nennt. Troller erzählte diese Dinge zum ersten Mal vor einem Dachauer Publikum. Deshalb sieht es Björn Mensing als wichtig an, „solange es noch irgendwie möglich ist, persönliche Gespräche mit Zeitzeugen anzubieten, gerade auch mit jenen, die bisher noch nie in Dachau waren“. Ein Gespräch mit einem Zeitzeugen, wäre laut Mensing auch für alle Politiker und Kandidaten der Kommunalwahl enorm wichtig. Er weiß: „Gespräche mit Max Mannheimer haben Menschen dazu gebracht, ihre radikalen Einstellungen abzulegen.“ Deshalb plädiert er auch dafür, dass „die Schulen jedes Potenzial ausschöpfen, das bei der Erinnerungsarbeit möglich ist“, denn in der Schule, da seien alle da, „nicht nur die, die sich ohnehin für dieses Thema interessieren – so wie gestern in Dachau“. Christiane Breitenberger


Georg Stefan Troller: Weltbürger, Autodidakt und Menschenforscher

Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, Goldene Kamera, den Grimme-Preis sogar drei Mal: Georg Stefan Troller hat in seinem 98 Jahre andauernden Leben zahllose Auszeichnungen erhalten. Die Wochenzeitung Die Zeit hat über Troller einmal geschrieben, er sei Weltbürger, Autodidakt und Menschenforscher, den die Zeitläufe zum Journalisten gemacht hätten. Er sei der „große Fragesteller unter den Fernsehjournalisten“. Am 10. Dezember 1921 in Wien als Sohn eines jüdischen Pelzhändlers geboren, wird Troller zunächst Buchbinder. 1938 flieht er alleine vor den Nazis über die Tschechoslowakei nach Frankreich. 1941 erlangt er in Marseille ein Visum für die USA. Die Eltern konnten über Portugal fliehen. In den USA wird er 1943 zum Kriegsdienst eingezogen und ist 1945 an der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau und Münchens beteiligt. Aufgrund seiner Deutschkenntnisse wurde er von der US Army bei der Vernehmung von Kriegsgefangenen eingesetzt. Nach dem Krieg geht Troller 1949 nach Paris und wird Reporter bei Hörfunk und Fernsehen. Er führt zahllose Interviews und trifft sich dazu mit den ganz Großen: etwa Alain Delon, Juliette Gréco, Muhammad Ali oder den „Playboy“-Chef Hugh Hefner. Troller lebt bis heute in Paris. Mit seinem rund gestutzten Bart sehe er immer noch aus wie ein „exzentrischer Großwildjäger“, so Die Zeit, ein „Haudegen mit Haltung“. dn

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Fiese Liebes-Schwindler vor dem Dachauer Gericht
„Love-Scamming“ ist eine moderne Form des Heiratsschwindels via Internet. Zwei Frauen sind nun auf einen virtuellen Liebhaber hereingefallen und haben dabei viel Geld …
Fiese Liebes-Schwindler vor dem Dachauer Gericht
Spieler schlägt Automaten kaputt
Die Geschäftsführung eines Spielsalons in der Rudolf-Diesel-Straße in Dachau-Ost alarmierte am vergangenen Sonntag gegen 14.30 Uhr die Polizei und teilte mit, dass ein …
Spieler schlägt Automaten kaputt
Das Überlebensgeheimnis von Sport Strefling
Der Online-Handel macht vielen Sportgeschäften zu schaffen. Die Branche stehe vor einem Umbruch, prognostiziert eine Marktuntersuchung. Wie schafft es das Dachauer …
Das Überlebensgeheimnis von Sport Strefling
Dachau-Newsletter: Hier geht es zur Anmeldung
Unser brandneuer Dachau-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus dem Landkreis Dachau - hier geht es zur Anmeldung. 
Dachau-Newsletter: Hier geht es zur Anmeldung

Kommentare