Luftreiniger
+
Umstritten: Luftreiniger. Ob die Geräte das Corona-Infektionsrisiko in Schulen verringern, ist ungewiss.

Breite Skepsis gegen Söder-Ansage

Luftreiniger in Klassenzimmern: Dachauer Landkreis-Politiker halten Geräte für ineffizient und zu teuer

Der Beschluss des bayerischen Staatskabinetts vom Dienstag, dass zum neuen Schuljahr hin alle Schulen mit mobilen Luftreinigern ausgestattet werden sollen, stößt im Landkreis auf wenig Begeisterung. Im Schul- und Kreisausschuss des Kreistags äußerte Landrat Stefan Löwl (CSU) zuletzt eine klare Meinung: „Sie sind nicht das, was man sich von ihnen erhofft!“

Auch Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) war gegenüber den Stadträten in der vergangenen Woche skeptisch: Zur Wirksamkeit der Geräte gebe es „zig Studien“. Die Stadt würde gerne lieber die Linie weiterverfolgen, die Luftreiniger, von denen insgesamt fünf Stück angeschafft wurden, wirklich nur in den Klassenzimmern einzusetzen, wo – mangels Fenstern – keine Lüftung möglich ist. Zudem hätten die Schulen in Stadt und Landkreis ja auch bereits für viel Geld CO2-Ampeln für die Klassenzimmer gekauft. Hartmann findet es daher wichtig, dass „wir uns auf Landkreis-Ebene bei diesem Thema verständigen“.

Skeptisch: Dachaus OB Florian Hartmann

Kontroversen mit dem Landrat dürfte es aber wenig geben. Löwl hält die Geräte ebenfalls nur dort für nötig, wo es keine ordentliche Lüftung geht, wie er in der jüngsten Sitzung Schul- und Kreisausschuss sagte. Dazu nannte er beispielhaft Physiksäle, in denen es nur Oberlichter gebe. Die habe der Landkreis beschafft – nach Anforderung der Schulen. Im Einsatz sind dort momentan etwa 40 Stück, wobei einige Schulen die Geräte aus technischen Gründen gar nicht nicht nötig haben. „Bei Klassenzimmern, wo man normal lüften kann, ist das Lüften effektiver, nach aktuellem Stand der Wissenschaft“, ergänzte der Landrat.

Ihm würden permanent die Eltern schreiben und ihn zum Kauf von Geräten auffordern, so Löwl. „Dann antworte ich ihnen: Kauft Pullis, weil sie werden trotzdem frieren!“ Dazu verlas er eine Stellungnahme des Robert-Koch-Instituts. Deren Tenor: Luftreinhaltungsgeräte können das Risiko einer Übertragung nicht effektiv verringern. „Wenn wir die Dinger reinstellen“, so der Landrat, „ist es nett, aber wir werden trotzdem Maske haben, wir werden trotzdem Distanzunterricht haben, wir werden trotzdem die Fenster offen haben.“

Kritisch: Landrat Stefan Löwl.

Löwl ging in Sachen Bedenken gegen die Geräte sogar noch einen Schritt weiter: „Wenn wir sie kaufen mit dem Ziel, dass kein Distanzunterricht stattfinden wird, dann ist das die falsche Investition. Wenn wir sie kaufen, dass man meint, man muss die Fenster nicht aufmachen, ist es eine falsche Investition.“ Es gebe ein neues Gutachten aus Hessen, wo drinstehe, dass die Wirkung der Geräte ungefähr gleichzusetzen sei mit einer dreiminütigen Stoßlüftung alle 30 Minuten.

Kreisrat Carsten Schleh (Grüne) konterte Löwls Gutachten aus Hessen mit einer Forschungsstudie der Universität Münster. Die Gelehrten aus Nordrhein-Westfalen hätten Klassenzimmer mit zwei oder drei Luftreinigern mit solchen, in denen nur die Fenster geöffnet werden könnten, verglichen. „Und die haben festgestellt, dass die Virenlast in der Atemluft massiv geringer ist“, so Schleh. Luftreinigungsgeräte seien immens teuer, gab er zu, „aber genau das würde verhindern, dass der Wechselunterricht kommt. Das sollten wir uns überlegen, ob uns diese enorme Summe das wert ist, dass wir eine hohe Inzidenz in der entsprechenden Altersgruppe verhindern können“.

Überzeugt: Kreisrat Carsten Schlehe.

Den Punkt Kosten erläuterte wiederum der Landrat. 4500 bis 5000 Euro würde ein Luftreiniger kosten, kleinere Geräte immerhin noch 3500 Euro, so Löwl, „dazu brauchen wir eine europaweite Ausschreibung und die Dinger müssen gebaut werden“. Für den Landkreis müssten laut Löwl 450 Klassenzimmer ausgestattet werden, dazu die Grund- und Mittelschulen sowie die Kitas. Und: Wenn der Kreis die Beschaffung normal ausschreibe, „schaffen wir das nie bis zum Oktober“.

Ins gleiche Horn blies Fürstenfeldbrucks Landrat Thomas Karmasin auf der Tagung des Bayerischen Landkreistages am Dienstag in Bergkirchen: „Lüfter für alle Klassenräume sind bis Mitte September nie und nimmer zu schaffen“. Bis das alles in den jeweiligen Kreisgremien abgesegnet und dann organisiert und beschafft sei, so Karmasin, sei der Winter vorbei und es sei eher Mitte nächsten Jahres. Diese Skepsis teilte im Übrigen sogar die Spitzenbeamtin Andrea Degl vom bayerischen Bauministerium.

Stinksauer ist Hebertshausens Bürgermeister Richard Reischl (CSU). „Das lässt sich nicht länger als gute Politik verkaufen, das ist ein Offenbarungseid“, schimpft er. Am Dienstagabend sei er über den Beschluss der bayerischen Staatsregierung so wütend gewesen, „dass ich aus der CSU austreten wollte“. Diesen Schritt hat Reischl dann doch nicht getan, „auch wenn ich nach wie vor darüber nachdenke“. Er fragt sich, „wie lange wir uns diese Politik noch gefallen lassen“. Noch im vorigen Herbst seien die Luftreiniger nur für Räume empfohlen worden, die nicht per Fenster zu lüften sind, sagt Reischl. „Jetzt sind diese Lüfter plötzlich überall von Vorteil.“ Dabei sei der Wirkungsgrad gering, die Lüfter würden kaum fünf Prozent bringen. „Der Freistaat gebe da „200 Millionen Euro aus für Dinge, die nichts bringen“. Es gehe allein darum, die Eltern zu besänftigen. In Hebertshausen würden 97 Lüfter benötigt, hat Reischl schon eruiert, 300 000 Euro müsste die Gemeinde dafür ausgeben. „Nicht einmal 50 Prozent bekomme ich zurück.“ Denn neben Klassenzimmern und Kita-Räumen müssten im Sinne der Gleichbehandlung auch in Feuerwehr- oder Dorfgemeinschaftshäuserndie geräte aufgestellt werden. Überall eben, wo sich Menschen versammeln. Dazu komme der „exorbitante Stromverbrauch“ und die Wartung der Geräte. Reischl will in Hebertshausen keine Lüfter anschaffen. Sondern versuchen, „die Eltern mit Fakten zu überzeugen“.

Sauer: Bürgermeister Richard Reischl.

Anfang der Woche gab es hinsichtlich der Luftreinigungsgeräte eine Dienstbesprechung mit Vertretern der 17 Landkreiskommunen sowie dem Kreis. Das Ergebnis des Treffen fasst Löwl so zusammen: „Wir beschaffen diese Geräte nicht, solange wir vom Freistaat nicht wissen, welche Geräte es sind, und solange nicht das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit oder das Robert-Koch-Institut uns mitteilt, dass diese Geräte auch tatsächlich geschlossene Fenster und volle Klassen ermöglichen.“ ps/rds/zim/zip

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare