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Nehmen die Klagen der Bahnnutzer ernst: Heiko Büttner, Stefan Löwl und Bernd Rosenbusch (v.l.). 

Bürgerdialog über öffentlichen Nahverkehr

In 15 Jahren wird bei der Bahn alles besser

Das Thema S-Bahn und ÖPNV bewegt die Menschen: Rund 70 Interessierte kamen in den Dachauer Sparkassensaal, um sich zu informieren und ihrem Ärger Luft zu machen. Die Chefs hatten Verständnis, aber bis sich die Lage verbessert, wird es dauern.

Die gute Nachricht zuerst: Die Dauerklagen oder gar Leiden der Nutzer im Öffentlichen Nahverkehr werden an oberster Stelle nicht nur gehört, sondern sehr, sehr ernst genommen und stoßen auf einen ebenfalls sehr, sehr großen Verbesserungswillen. Ziele sind die zweite Stammstrecke, die Ringbahn Nord und der verstärkte Einsatz von Bussen. Die schlechte Nachricht: Bevor sich Entscheidendes ändert, dauert es Jahre.

MVV-Geschäftsführer Dr. Bernd Rosenbusch und S-Bahn-München-Chef Heiko Büttner beschrieben bei der Veranstaltung in der Bürgerdialog-Reihe des Landratsamts engagiert und offen die Ist-Situation. Die „hochkarätigen Vertreter“, wie Landrat Stefan Löwl sie als Gastgeber des Bürgerdialogs begrüßte, ließen keine Schwachstelle in der aktuellen Versorgung aus. Aber auch ihre Lösungen präsentierten sie mit Zuversicht. Rund 70 Besucher kamen am Mittwochabend in den Sparkassensaal und informierten sich über Herausforderungen und laufende Maßnahmen der S-Bahn, das zukünftige Angebot sowie aktuelle Neuentwicklungen. Sie machten aber auch ihrem Unmut Luft.

„Die verstopfte Stadt“, so Bernd Rosenbusch vom MVV, hat ihre Ursachen im Umland, das noch zu wenig eingebunden ist. Das wirke wie ein Trichter: „Die Pendler fahren in ihrem Ort außerhalb der MVV-Grenze noch entspannt los und kommen dann an jeder Einfallsstraße in dichteren Verkehr, bis am Mittleren Ring nichts mehr geht.“ Wobei München schon in Karlsfeld beginnt: „Darüber kann man stundenlang reden, was sich dort abspielt.“ Damit diese Pendler auf ihr Auto verzichten, müsse man sie schon im Außenraum zum Umsteigen bewegen – durch eine Erweiterung des Verbundes und attraktive Angebote.

Über das leidige Thema Qualität – oder das Gegenteil davon wie Verspätungen und Unzufriedenheit der Kunden – lässt sich ebenfalls trefflich streiten. „Wir haben hier viel versemmelt. 1,3 Millionen Beschwerden im Jahr, also 3500 pro Tag und 178 in der Stunde, das ergibt 2,9 pro Betriebsminute – das müssen Sie erst mal schaffen.“ Damit schafft es der MVV-Chef schon mal, dass sein Publikum über so viel Selbstironie schmunzelt.

Nichts zu lachen gibt es bei den Ursachen für diese Misere: die zurückgebliebene Infrastruktur. Die Deutsche Bahn investiere enorm in Prestigeobjekte wie in die ICE-Strecke München-Berlin. „Aber es müssen endlich die regionalen Strecken in den Ballungsräumen ausgebaut werden“, so Rosenbusch. Das sieht auch sein Kollege Heiko Büttner von der S-Bahn München so. „Die Fahrgastzahlen sind von 240 000 im Olympiajahr 1972 bis 840 000 im Jahr 2018 gestiegen. Aber die Infrastruktur ist nicht mitgewachsen.“ Sie stammt teilweise noch aus den 60er-Jahren, wie das „berühmte Stellwerk“ Dachau-Ost. Er erklärte auch detailliert, wie „externe Störungen“ die Pünktlichkeit beeinflussen: „Es gibt jeden Tag je einmal den Notfall ,Person im Gleis’ und ,Notarzt’, einmal die Woche Suizid.“ Aber auch an einer schnelleren Einsteigzeit werde akribisch getüftelt: „Wir sind Sekundenjäger.“ Die Information der Fahrgäste sei ein noch ungelöstes Problem und führe zu einem „Imageproblem“. An einem neuen digitalen System wird fieberhaft gearbeitet – was dazu führen könnte, dass vorerst der Smartphonenutzer aktuellere Daten hat als es die Anzeigentafel auf dem Bahnsteig hergibt. Das löste einiges Erstaunen bei einem Zuhörer aus.

Überhaupt gab es im Publikum großen Diskussionsbedarf. Vor allem Indersdorferinnen bemängelten die „blöden Takte“ der S 2, die aus Altomünster kommt. „Es gibt zu bestimmten Zeiten nur jede Stunde eine Bahn. Wir sind Fahrgäste zweiter Klasse.“ Eine Zuhörerin aus Günding ärgerte sich, dass sie immer als „Sekundärleisterin“ einspringen und ihre Kinder chauffieren müsse, wenn mal wieder ein Bus ausfällt.

Etliche Kommunalpolitiker aus dem Landkreis meldeten sich zu Wort. Beim Thema Bus regen nicht nur sie sich auf: Warum gibt es keine extra Busspuren, warum keine Erlaubnis, auf dem Standstreifen der Autobahn zu fahren?

Einig sind sich alle, dass Bürgerwille und politischer Wille endlich zusammen kommen müssen. „Und wir fangen heute an, damit wir in zehn bis 15 Jahren Ergebnisse haben“, so Stefan Löwl. Damit gibt er noch ein wenig Hoffnung mit auf den Heimweg. Elfriede Peil

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