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Cannabis soll legal werden: Gefahr oder längst überfällig? Vier Experten schätzen die Lage ein

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Von: Verena Möckl

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Die Ampel-Koalition plant die Legalisierung von Cannabis: Ist das eine Gefahr oder günstige Gelegenheit? Das denken ein Apotheker, eine Drogenbeauftragte, ein Politiker und die Polizei.

Dachau – Noch ist Cannabis verboten. Doch das könnte sich bald ändern. Die neue Ampel-Regierung möchte die Droge legalisieren. Zu medizinischen Zwecken wurde Hanf bereits 2017 freigegeben. Das könnte nun auch für Genusszwecke passieren. So stehen die Experten in Dachau zu der Entscheidung.

Die Drogenberaterin zur Legalisierung von Cannabis: „Mindestalter auf 21 Jahre“

„Ich glaube nicht, dass das Verbot von Cannabis Menschen von ihrem Konsum abgehalten hat. Dadurch haben nicht weniger Menschen die Droge genommen, daher denke ich auch nicht, dass nach einer Legalisierung von Cannabis die Zahlen dramatisch in die Höhe schießen.

Für unter 18-Jährige sehe ich eine Legalisierung aber problematisch. Denn das Gehirn befindet sich da noch in der Adoleszenz, also der Entwicklung. Wenn das Gehirn ausgereift ist, sind gesundheitsschädigende Folgen deutlich weniger zu erwarten.

Wenn es nach mir gehen würde, würde ich das Mindestalter für Marihuana und Hasch auf 21 Jahre hochsetzen. Das betrifft auch Alkohol, der mindestens genauso beeinträchtigend für das jugendliche Gehirn ist.

Gemeinsam gegen die Stigmatisierung von Suchtkranken: Sylvia Neumeier (Dritte von links) und ihr Team von Drobs. 
Gemeinsam gegen die Stigmatisierung von Suchtkranken: Sylvia Neumeier (Dritte von links) und ihr Team von Drobs.  © Foto: Drobs

Die Drogenberaterin

Sylvia Neumeier ist Stadträtin in Dachau und Leiterin der Dachauer Drogenberatungsstelle Drobs.

Dass die Arbeit durch eine Legalisierung für uns zunehmen wird, glaube ich nicht. Es werden weiterhin Menschen zu uns in die Beratung kommen, die Schwierigkeiten mit ihrem Konsum haben. Ich denke, dass man eher bereit ist, sich Hilfe zu suchen, wenn ich weiß, dass etwas nicht verboten ist.

Wenn die Gelder, die bislang für die Verfolgung eingesetzt wurden, in die Präventivarbeit fließen, kann ich der Legalisierung auf jeden Fall etwas Positives abgewinnen. Aufklären ist besser als verurteilen.“ - Sylvia Neumeier

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Verkauf von Cannabis: Apotheker betont: „Auf keinen Fall wie Kamillentee im Drogeriemarkt“

„Da schlagen zwei Herzen in einer Brust. Durch die Legalisierung kann man den Schwarzmarkt austrocknen und viele aus der Kleinkriminalität holen. Durch eine definierte Qualität und einen geregelten THC-Gehalt kann man den Konsum sicherer machen.

Wenn ich ehrlich bin, sehe ich in einer Legalisierung aber vor allem Risiken. Man öffnet es schließlich einem breiten Spektrum – jeder könnte, der wollte. Daher sollte man Cannabis auf keinen Fall im Drogeriemarkt verkaufen, als wäre es Kamillentee.

Wir brauchen klare gesetzliche Spielregeln.

Maximilian Lernbecher
Der Dachauer Apothekensprecher Maximilian Lernbecher schaut mit gemischten Gefühlen auf die Legalisierung von Cannabis.
Der Dachauer Apothekensprecher Maximilian Lernbecher schaut mit gemischten Gefühlen auf die Legalisierung von Cannabis. © dn

Der Apotheker

Maximilian Lernbecher ist Apotheker in der Oberen Apotheke in Dachau und Dachaus Apothekersprecher.

Wir brauchen klare gesetzliche Spielregeln: ein Mindestalter von 25 Jahren und eine Begrenzung des THC-Gehalts, um den High-Effekt zu kontrollieren. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, es gesellschaftlich gewünscht wird und es mit meinen heilberuflichen Aufgaben als Apotheker vereinbar ist, dann habe ich nichts gegen eine Legalisierung.

Saubere Verkaufsstellen statt schmuddelige Coffeeshops

Der Vorteil von Apotheken als Verkaufsstellen ist, dass wir eine beratende Grundkenntnis haben. Wir sind geschult, was Betäubungsmittel angeht, und haben auch schon bestimmte Berechtigungsscheine. Die Apotheken allein werden aber nicht für flächendeckende Versorgung reichen.

Wenn es zu einer gesellschaftlichen Aufgabe wird, sind wir sicher mit dabei. Aber nicht zu jedem Preis. Ich lasse mich nicht mit einem schmuddeligen Coffeeshop in einem Atemzug erwähnen.

Bei uns würde das ordentlich gemacht werden – mit Jugendschutz, Schulungen für Cannabis-Verkäufer und regelmäßigen Betäubungsmittelkontrollen – dann wäre auch ein gewisser Gewinn für die Gesellschaft da. Cannabis kann neben einer berauschenden Wirkung ja auch einen heilenden Effekt haben.“ - Maximilian Lernbecher

Die Polizei zur Freigabe von Cannabis: „Fatale Signalwirkung“

„Grundsätzlich wird die Freigabe von Cannabis zu Genusszwecken seitens der Bayerischen Polizei kritisch gesehen und abgelehnt. Eine Freigabe entfaltet eine fatale Signalwirkung für Erwachsene auf Jugendliche.

Es kann der Eindruck entstehen, die Droge sei gar nicht so gefährlich, weil sie legal zu erwerben ist. Cannabis-Konsum ist aber gesundheitsgefährdend. Es kann ein dauerhafter Verlust von Konzentrations-, Lern- und Leistungsfähigkeit befürchtet werden.

Durch eine Legalisierung kann die Hemmschwelle sinken, Cannabis zu konsumieren. ,Zertifizierte Verkaufsstellen‘ und deren Umfeld könnten sich als Anlauf- und Kontaktanbahnungsstelle für Drogenabhängige entwickeln.

Inwiefern Auswirkungen einer Legalisierung von Cannabis auf die polizeiliche Arbeit festzustellen sein werden, muss allerdings abgewartet werden, zumal zum jetzigen Zeitpunkt noch keine konkreten Rahmenbedingungen einer Legalisierung bekannt sind.“ - Schriftliche Stellungnahme von Michael Graf, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord.

Der Kreisrat zur Legalisierung von Marihuana und Hash: „Alle Daten sprechen dafür“

Jonathan Westermeier ist der Landrats-Kandidat der Linken. Für ihn ist die Regulierung von Cannabis längst überfällig.
Jonathan Westermeier ist der Landrats-Kandidat der Linken. Für ihn ist die Regulierung von Cannabis längst überfällig. © fkn

Der Kreisrat

Jonathan Westermeier ist Kreisrat Dachau für die Linke/Die Partei und Kreisvorsitzender

„Zuallererst möchte ich lieber von einer regulierten Abgabe sprechen, als von einer Legalisierung von Cannabis. Es geht nicht darum, ein neues Produkt einzuführen, sondern einen bestehenden Markt zu regulieren. Alle Daten sprechen dafür, dass die Prohibition nur Nachteile bringt und keins der Ziele erreichen kann.

Die Gesetzgebung hat laut der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht eigentlich keinen Einfluss auf den Konsum. Ich glaube, dass es zwar nach der Legalisierung einen kurzen Peak geben wird, bei dem die Zahl der Konsumenten zunehmen wird, aber das wird nicht ins Gewicht fallen und mit der Zeit wieder abnehmen.

Heimische Nutzpflanze und ökologischer Gewinn

In der Debatte um die Legalisierung von Cannabis gibt es einen wichtigen Aspekt, der bislang kaum in der Öffentlichkeit thematisiert wurde: Cannabis ist in erster Linie eine heimische Nutzpflanze.

Durch eine Regulierung hätten wir große ökologische Gewinne. Man kann tausende Produkte aus der Hanfpflanze gewinnen und braucht dafür keine Pestizide. Hanfpflanzen verbessern auch die Böden. Aus ihnen lassen sich nachhaltige Produkte gewinnen, zum Beispiel Kleidung, Papier und sogar nachhaltiges Plastik. Aus dem Abfallprodukt, das bei einer Legalisierung entstehen würde, hätten wir also eine große Menge an neuen nachhaltigen Rohstoffen.

Entkriminalisierung und Regulierung von Cannabis

Ein weiterer positiver Aspekt einer Regulierung von Cannabis ist sicher die Entkriminalisierung. Cannabis-Konsumenten zu bestrafen, bringt nur Nachteile und erfüllt keins seiner Ziele. Wir haben in Deutschland 300 000 Strafverfolgungen in Zusammenhang mit Cannabis, die völlig sinnlos sind.

Da werden komplette Lebenswege von jungen Menschen von vorneherein verbaut, weil sie zum Beispiel den Führerschein abgeben müssen, ohne dass der Konsum in Zusammenhang damit stand. Die Entkriminalisierung und Regulierung von Cannabis ist für mich ein längst überfälliger Schritt. Ob es soweit kommt, hängt am Willen der Ampel.“ - Jonathan Westermeier

vm

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In Ebersberg haben Fachleute zuletzt vor der Freigabe gewarnt. Ein Arzt brachte eine völlig neue Lösung für die Debatte um Legalisierung von Cannabis ins Spiel.

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