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Lieber regional bestellen als im World Wide Web: Dies wünschen sich (v.l.) Optiker Christian Tannek, AEZ-Chef Markus Auer, Netzwerkerin Kirsten Hermes, Landrat Stefan Löwl, „Candisserie“-Chefin Isabel Seeber, Edeka-Markt-Inhaber Daniel Schermelleh sowie Apotheker Maximilian Lernbecher. 

Ladenbesitzer helfen sich

Wegen fehlendem Umsatz - Einzelhandel hofft auf Treue der Kunden

  • Stefanie Zipfer
    vonStefanie Zipfer
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Der Dachauer Einzelhandel stemmt sich gegen die Corona-Krise. Über einen gemeinsamen Lieferdienst sollen die Kunden dazu bewegt werden, weiterhin lokal einzukaufen.

  • Dem Dachauer Einzelhandel bricht wegen der Corona-Krise der Umsatz weg.
  • Einige Ladenbesitzer haben deshalb einen Lieferdienst auf die Beine gestellt.
  • Der soll die Kunden dazu bewegen, weiterhin lokal einzukaufen. 

Dachau – Isabel Seeber wäre bereit für Ostern. Ihr Lager, sagt die Inhaberin der „Candisserie“ an der Münchner Straße, ist „voll bis unters Dach“ mit süßen Köstlichkeiten. Allein: Seebers Krokanteier und Schokohasen, in deren Herstellung sie nach eigenen Worten einen fünfstelligen Betrag investiert hat, warten derzeit vergeblich auf Abnehmer. Die „Candisserie“ ist geschlossen, genauso wie alle anderen Geschäfte und Einrichtungen, die nicht als systemrelevant gelten. Die Sprecherin der IG Münchner Straße, eines Zusammenschlusses von Selbständigen, gibt zu, zunächst „unter Schockstarre“ gestanden zu sein – bis sie am Dienstagabend ein Aufruf von Christian Tannek ereilte.

Optiker Tannek ist im Gegensatz zu Seeber zwar als systemrelevant eingestuft und darf als solcher seine insgesamt vier Filialen öffnen. Die Lage sei aber auch für ihn „dramatisch“, er habe tatsächlich „Existenzangst“, wie er zugibt. Denn Kunden, die einfach nur Lust auf eine neue Sonnenbrille hätten, würden derzeit fernbleiben. Und die Kunden, die zwar auf eine Sehhilfe oder entsprechende Utensilien angewiesen seien, würden aus Sicherheitsgründen in den Online-Handel wechseln. „Unser Terminkalender war vor drei, vier Wochen noch voll; jetzt ist er leer“, gibt Tannek zu, der gemeinsam mit seinem Bruder den seit über fünf Jahrzehnten in Dachau ansässigen Familienbetrieb leitet. Kündigungen in seiner 22-köpfigen Mitarbeiterschaft will er zwar unbedingt vermeiden – gerade Optiker sind heiß begehrte Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt – kann aber zumindest Kurzarbeit nicht ausschließen.

Corona-Krise in Dachau: „Dass es in Dachau bald dunkel wird“

Daher hatte er an besagtem Dienstagabend eine Idee: Was, fragte er sich, wenn wir uns zusammentäten, um gemeinsam unsere Kunden dauerhaft zu halten? Die „Verführungen“ durch das Internet – in seinem Fall Optik-Riesen wie Fielmann, der in Dachau „noch nie einen Cent Gewerbesteuer bezahlt hat“ – seien zwar groß, aber durch gute Kommunikation und gutes Handwerk könne man seiner Ansicht nach das Schlimmste verhindern. Und das Schlimmste für ihn wäre: „Dass es in Dachau bald dunkel wird.“

Daher erfand Tannek mit Unterstützung von Isabel Seeber und der Unternehmerin Kirsten Hermes die Facebook-Seite „Corona Hilfe Dachau“, wo sich nun Dachauer Firmen eintragen können, die ihre Produkte auch gern an die Kunden liefern. Bei einem gemeinsamen Vorstellungstermin am Mittwoch am Landratsamt gemeinsam mit Landrat Stefan Löwl erklärte Tannek, dass der Service dazu beitragen solle, „der Corona-Krise entgegenzutreten“ – und damit sowohl den Menschen, als auch der Wirtschaft dienen solle. Seeber ergänzte Tanneks Worte, indem sie an die Dachauer Kunden appellierte, Solidarität zu zeigen. Löwl war begeistert und „stolz auf unseren lokalen Einzelhandel, der versucht, Lösungen aufzuzeigen“.

Corona in Dachau: Optiker, Apotheken, AEZ und Supermarkt machen mit

Neben Tannek und Seeber sind auch Apotheker Maximilian Lernbecher, AEZ-Chef Markus Auer und Edeka-Markt-Inhaber Daniel Schermelleh an Bord des neuen Angebots. Sowohl Auer als auch Schermelleh haben bereits Aushilfen eingestellt, um die Online-Bestellungen an den Mann zu bringen.

Klar, gibt Tannek zu, das Projekt stecke noch „ganz am Anfang“, gerade die Bezahlungsmodalitäten müssten noch geklärt werden. Auch wäre er um Hilfe dankbar, was den Aufbau einer eigenen Homepage betrifft. Stand jetzt wird das Liefersystem „über Rechnung“ laufen, mittelfristig sei ein Sepa-Lastschriftverfahren geplant.

„Candisserie“-Chefin Seeber hofft, mit dem Projekt nun die Stimmung unter den niedergeschlagenen Selbständigen kippen zu können. Denn vielleicht, so ihr Wunsch, könne ja „ein Bewusstsein unter den Bürgern entstehen, die Dachauer Geschäfte am Leben erhalten zu wollen und uns in den kommenden Wochen nicht zu vergessen“.

Corona-Krise in Dachau: Mitglieder zahlen weiterhin Beitrag für Fitnessstudio

Dass die Dachauer zu dieser Solidarität bereit sind, beweist aktuell der Fall des Anima-Fitnessstudios. Mit 40 festen und 20 freien Mitarbeitern sei die Situation für ihn natürlich „sehr sehr schwer“, gibt Inhaber Wolfgang Perret zu. Doch dank Kurzarbeit und der bereits vielfach bekundeten Bereitschaft seiner Kunden, auch während der Schließungszeit einen Beitrag leisten zu wollen, sieht er einen Silberstreif am Horizont. „Wir werden das zusammen stemmen“, ist er nun überzeugt – und will die Krise nun sogar für Renovierungen, eine Grundreinigung und nach Möglichkeit sogar für Investitionen nutzen. Letztlich, sagen Perret wie auch Seeber und Tannek, dürfe man nämlich auch nicht vergessen: „Wenn man nach Italien schaut, dann geht’s uns hier doch noch gut“!

Das Netzwerk

„Corona Hilfe Dachau“ ist unter der gleichnamigen Facebook-Seite sowie unter E-Mail dachau-corona-hilfe@web.de zu erreichen. Bitte beachten: Das Angebot gilt nicht nur für ältere, kranke Menschen, sondern bewusst auch für Jüngere!

Vermehrt Nachfragen bei Arbeitsagentur

Die Agentur für Arbeit in Freising, die auch den Landkreis Dachau betreut, bestätigt, dass es in den vergangenen Tagen „vermehrt“ zu Nachfragen von Arbeitgebern nach Kurzarbeitergeld gekommen sei. Die Hotline für den Arbeitgeberservice 0800/4555520 sei daher „verstärkt besetzt“ worden. Weitere Informationen finde man unter www.arbeitsagentur.de/news/corona-virus-informationen-fuer-unternehmen-zum-kurzarbeitergeld. Landrat Stefan Löwl bittet Arbeitgeber in diesem Zusammenhang jedoch, „weiter zu arbeiten, wo risikolos weiter gearbeitet werden kann“, man solle „das Leben nicht stillstehen lassen“. Somit würde außerdem verhindert, dass „am Ende der Krise ein Berg Arbeit da liegt“.

Nun hat Dachau als einer der ersten Gemeinden in ganz Bayernfür bestimmte Patienten ein Hilfskrankenhaus eingerichtet. 

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