Impfzentrum, Menschen
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Bei der Eröffnung des Impfzentrums in Dachau am 27. Dezember herrschte noch optimistische Betriebsamkeit. Mittlerweile ist es dort ruhiger geworden. Grund: Es fehlt Impfstoff. Entsprechend begehrt sind die wenigen Impftermine. hab

Fehlender Impfstoff

Chaos bei Corona-Impfungen - Senioren verärgert: „Als Bürger fühlt man sich verarscht“

  • Stefanie Zipfer
    vonStefanie Zipfer
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Am 27. Dezember erfolgte der offizielle Impfstart im Landkreis Dachau. Doch seitdem ist nicht mehr viel passiert, wegen Impfstoff-Mangels können erst seit gestern Impftermine vereinbart werden. Bei den Bürgern wächst der Unmut.

  • In Deutschland gibt es derzeit zu wenig Corona-Impfstoff - das bekommen auch die Bürger in Dachau zu spüren.
  • Der Versuch, einen Impftermin zu vereinbaren, scheitert bei Senioren an einer völlig überlasteten Telefonleitung - und stundenlangen Warteschleifen.
  • Auch das Landratsamt fühlt sich von der Staatsregierung im Stich gelassen.
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Dachau – Josef Krimmer aus Tandern kann sich noch gut an die, wie er es nennt, „schillernden Bilder bei der Impfzentrumeröffnung“ erinnern. Zahlreiche Lokalpolitiker und die Verantwortlichen der Rettungsdienste BRK und Johanniter hatten sich am 27. Dezember getroffen, um den offiziellen Impfstart im Landkreis zu verkünden. BRK-Kreisgeschäftsführer Paul Polyfka hatte den Impfstart als „Wende“ in der Corona-Pandemie bezeichnet, und auch Landtagsabgeordneter Bernhard Seidenath hatte darin „einen entscheidenden Schritt im Kampf gegen Corona*“ gesehen.

Nach Impfstart in Dachau: „Entscheidender Schritt im Kampf gegen Corona“ angekündigt - doch bei Bürgern wächst der Unmut

Dieser „schillernden Bilder“ und Worte eingedenk also machte sich Krimmer gestern Vormittag daran, für seine 91-jährige Mutter einen Termin für die Corona*-Impfung zu vereinbaren. Als sogenannte Hochbetagte gehört Krimmers Mutter nämlich zu den insgesamt 9110 Landkreisbürgern, die über 80 Jahre alt sind und damit laut Bundesregierung höchste Priorität bei der Reihenfolge der Corona-Impfung haben.

Das Landratsamt hatte Josef Krimmers Mutter sowie die anderen über 80-Jährigen per Brief bereits zum Jahresende über den Impfstart informiert und angekündigt, dass ab 2. Januar individuelle Impftermine vereinbart werden könnten. Weil sich zum Jahreswechsel jedoch herausstellte, dass in der Bundesrepublik weit weniger Impfstoff vorhanden ist als benötigt, wurden die individuellen Impftermine erst einmal verschoben. Aber, so lautete das jüngste Versprechen der Politik: Am 11. Januar geht es los! Und: Ab 7. Januar soll man sich direkt einen Termin besorgen können.

Corona in Dachau: Probleme mit Impfterminen - völlig überlastete Telefonleitung und stundenlange Warteschleife

Leider war dies nicht der Fall, wie sowohl Josef Krimmer, als auch der Dachauer Seniorenbeirat Dieter Moser und Anneliese Sch. aus Haimhausen gestern leidvoll erfahren mussten. „Nachdem ich 50 Minuten in der Anrufschleife gewartet habe und von Anrufernummer 102 mühsam vorgerückt bin, kam zweimal der Text ,Sie sind der Nächste zur Terminvergabe’ und dann kam das Belegt-Zeichen und der Anruf wurde beendet. Ich war rausgeschmissen worden, konnte es nicht glauben“, berichtet Krimmer.

Die 85-jährige Haimhauserin Sch. verbrachte gestern ganze zwei Stunden am Telefon, wartete sich dabei von der Anrufernummer 119 bis 19 vor, bevor auch sie aus der offensichtlich völlig überlasteten Leitung geworfen wurde. Bei einem erneuten Versuch – sie war zwischenzeitlich auf Platz der 43 in der Anruferwarteliste vorgerückt – wurde ihr mitgeteilt, dass keine Termine mehr verfügbar seien und sie es zu einem anderen Zeitpunkt noch einmal versuchen sollte.

Corona in Dachau: Senioren verärgert - „Leute-Verarschung“ bei Impfterminvergabe

Auch der Dachauer Seniorenbeirat und Awo-Vorstand Moser probierte gestern unter der vom Landratsamt zur Terminvereinbarung empfohlenen Telefonnummer 116 117 sein Glück, wobei er erst „gewartet und gewartet und gewartet“ habe, dann von einem Mitarbeiter zum nächsten vermittelt und schließlich auf die Internetseite des Landkreises verwiesen worden sei.

Der Tanderner Krimmer spricht denn auch von einer „Leute-Verarschung“ bei der Impfterminvergabe. Rentnerin Sch. sagt, dass es „schon ein starkes Stück“ sei, was da auf dem Rücken der alten Leute gemacht werde. Und Seniorenbeirat Moser ist ebenfalls überzeugt, dass angesichts stundenlanger Warteschleifen und Computergesteuerter Ansagen am Telefon „viele Rentner das Handtuch schmeißen und verzweifeln“ werden. So könne man doch nicht mit Senioren umgehen, schimpft er. Überhaupt, so fragt er: „Was brauchen wir denn dieses ganze digitale Drumrum? Viele Senioren sind schon froh, wenn sie das Telefon bedienen können!“

Dachau: Landratsamt kann Corona-Frust nachvollziehen - und fühlt sich von Regierung im Stich gelassen

Am Landratsamt kann man den Ärger und den Frust vieler Menschen nachvollziehen. Allerdings fühlt man sich dort gerade ebenfalls im Stich gelassen – und zwar von der Staatsregierung. Leider darf das meiste von dem, was die Zuständigen in der Dachauer Kreisverwaltung zu dem Thema sagen, nicht zitiert werden. Immerhin kann geschrieben werden, dass man „genervt“ sei. Im Grunde habe man nämlich bisher stets nur die Wünsche der „großen Politik“ umgesetzt.

Dafür, dass einen Tag, nachdem die Hochbetagten über ihre Impfberechtigung informiert worden seien, aus München die Ansage komme, „Kommando zurück, wir haben nicht genug Impfstoff“, dafür wolle man am Landratsamt aber sicher keine Verantwortung übernehmen.

Dachau: Ziel sind 1000 Corona-Impfungen pro Tag

Landratsamtssprecher Wolfgang Reichelt betont denn auch, dass „wir alles in unserer Macht stehende tun“. Dazu gehöre auch, stets Impfstoff zu bestellen, um das Ziel von 1000 Impfungen pro Tag bald umsetzen zu können. Doch seien die Bestellungen, so Reichelt, ebenfalls „nichts, was wir beeinflussen können“. Der Landkreis würde zwar bestellen, „aber ob wir den Impfstoff bekommen, wissen wir nicht“. Diese Unsicherheit führe daher auch zu der unschönen Situation, dass immer nur für wenige Tage im Voraus Impftermine vergeben werden können.

Die Anrufer Krimmer, Moser und Sch. haben es gestern übrigens nicht geschafft, einen der wenigen Termine zu ergattern. Was Dieter Moser dabei „am lächerlichsten“ fand: „In dem Schreiben vom Landratsamt wird auch schon auf die zweite Folgeimpfung hingewiesen. Dabei funktioniert ja noch nicht einmal die Erste!“

Auch die Feuerwehren, das THW oder die Wasserwacht hatten in den vergangenen Monaten in der Corona-Pandemie ein großes Problem: Sie konnten keine Übungen abhalten. Alles zur Corona-Lage im Kreis Dachau gibt es hier im Corona-Ticker. *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

(Von Stefanie Zipfer)

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