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Im Dachauer Alten- und Pflegeheim Friedrich-Meinzolt-Haus zelebrierten der Gemeindereferent der Heilig-Kreuzkirche, Markus Grimm, und die Pfarrerin der Gnadenkirche, Ulrike Markert, eine ökumenische Osterandacht – mit Sicherheitsabstand. Die Bewohner konnten aus ihren Fenstern zuhören.

Wegen der Corona-Pandemie wird Ostern dieses Jahr zu einer Einzelveranstaltung

„Es gab schon wesentlich schlimmere Dinge“

  • Stefanie Zipfer
    vonStefanie Zipfer
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Für viele ist Ostern das schönste Fest im Jahr: Die Familie kommt zusammen, rundherum grüßt der Frühling, christliche Traditionen geben den Feiertagen einen rituellen Rahmen. Doch wegen der Corona-Pandemie wird das Gemeinschaftsfest dieses Jahr zu einer Einzelveranstaltung. „Es gibt Schlimmeres“, finden jedoch die Älteren – und machen den Jungen damit Mut.

Dachau – Das Friedrich-Meinzolt-Haus in Dachau-Ost wird von rund 150 Senioren bewohnt. Etwa 40 davon sind rüstig, der Rest ist pflegebedürftig, wie Heimleiterin Silvia Große erklärt. Für beide Gruppen gelten jedoch derzeit die gleichen Regeln: Die Bewohner dürfen nicht raus zu ihren Angehörigen, und die Angehörigen nicht rein. Kontakt untereinander ist den Bewohnern ebenfalls nur unter strengsten Auflagen erlaubt – der Spaziergang im Garten zum Beispiel darf nur zu zweit unternommen werden, wenn die Gesprächspartner zwei Meter voneinander Abstand halten.

Wer nun aber denkt, die Stimmung unter den Senioren sei deshalb tief traurig, der irrt: „Die Bewohner haben nicht so viel Angst vor der Einsamkeit“, berichtet Heimleiterin Große. Vielmehr seien es die Angehörigen, die sich Sorgen machten und bei ihr anriefen: „Viele wollen loswerden, was sie bedrückt. Die Angehörigen beschäftigt das Alleinsein der Heimbewohner wesentlich mehr als die Heimbewohner selbst.“

Die Anschaffung eines Tablet-Computers inklusive Schulung der Heimbewohner sei daher auch eher den Befürchtungen der Angehörigen draußen geschuldet als dem Mitteilungsbedürfnis der Bewohner drin. Klar, gibt Heimleiterin Große zu, „ich kann’s nicht beschönigen, die Situation ist schwierig“. Aber mit kleinen Musikkonzerten im Heim-Garten, denen die Bewohner von ihren Fenstern aus lauschen können, „machen wir eben alle gerade das Beste draus“.

Dass dieses Beste für sie absolut okay ist, bestätigt Christine Hallinger. Die 90-Jährige gehört zu den Rüstigen im Meinzolt-Haus und sieht die Sache pragmatisch. „Ich habe noch nie so viel telefoniert“, berichtet sie lachend über ihre alltäglichen Gesprächsrunden mit den Freunden im Haus. Alles andere sei doch nebensächlich: „Ich bin einfach froh, dass ich gesund bin.“ In ihrem Leben habe sie schon Dinge erlebt, so erzählt sie weiter, die wesentlich schlimmer gewesen seien als ein Osterfest unter Ausgangsbeschränkungen.

Geboren im ehemaligen Jugoslawien, wurden sie und ihre Familie als Deutsche nach dem Krieg erst einmal zwei Jahre lang in ein Lager nahe Belgrad interniert. „Ab dem 26. April 1945 hatte ich Hunger“, erinnert sich Christine Hallinger an die Zeit der Gefangenschaft. Doch auch nach der Flucht nach Deutschland prägte erst einmal bittere Armut ihr Leben: „Wir kamen als Bettler, wir hatten nichts mehr.“ Und ausgerechnet dann, als sie dachte, dass ihr Leben nun eine gute Wendung nehme – sie war verheiratet, hatte einen neunjährigen Sohn, die Familie hatte sich ein kleines Haus bei München gekauft –, verunglückte ihr Ehemann tödlich: „Ich war erst 36, hatte 30 000 Mark Schulden auf unser Haus und musste mein Kind ernähren.“

Doch Christine Hallinger gab nie auf. Ihr Job bei BMW sicherte jahrzehntelang ihr Einkommen, 2002 zog sie schließlich zu ihrem Sohn nach Dachau, seit 2014 lebt sie im Friedrich-Meinzolt-Haus. Dort erfreut sie sich – normalerweise – über regelmäßige Besuche ihrer Familie, zu der mittlerweile auch zwei Enkel und ein vier Monate altes Urenkelchen zählen. „Ich bin zufrieden“, betont Hallinger immer wieder. Und sieht an den geltenden Ausgangsbeschränkungen sogar noch etwas Gutes.

Die 90-Jährige ist nämlich seit Jahren eine begeisterte Strickerin, regelmäßig versorgt sie die Frühchenstation der Münchner Geburtsklinik Dritter Orden mit kleinen Babyschühchen. „Jetzt hab ich mehr Zeit zum Stricken, da schaff’ ich zur Zeit richtig viel“, erklärt sie stolz. Jetzt habe sie „schon wieder sechs Paar fertig“!

Die Auftritte der Knabenkapelle Dachau, die während der Ostertage täglich kleine Nachmittagskonzerte im Garten des Meinzolt-Hauses gibt, wird sie aber trotz der Strickarbeit nicht verpassen wollen. Sorgen müsse man sich jedenfalls nicht um sie machen, betont sie abschließend: „Ich weiß, was es heißt, eingesperrt zu sein.“ Die Situation jetzt „regt mich da gar nicht auf“. Und allen, denen die Corona-Pandemie Angst macht, rät sie zu: „Humor. Der hat mich in meinem Leben immer wieder auf die Beine gebracht“.

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