Mehrere Männer stehen nebeneinander.
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Allzeit bereit, um Tumorpatienten auch in Coronazeiten zu behandeln: Klinikgeschäftsführer Florian Aschbrenner (2.v.r.) mit den Leitern der gerade ausgezeichneten Kompetenzzentren (v.r.) Prof. Dr. Florian Ebner, Prof. Dr. Hjalmar Hagedorn, Dr. Bernd Baier, Prof. Dr. Axel Kleespies, Prof. Dr. Norbert Grüner, Prof. Dr. Dirk Hempel und Dr. Levani Shoshiashvili.  

Interview mit Chefarzt am Amper-Klinikum 

Wegen Corona-Pandemie: Einige Patienten kamen zu spät ins Krebszentrum - deutlich mehr Palliativfälle

  • Thomas Zimmerly
    vonThomas Zimmerly
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Die Corona-Pandemie hat dafür gesorgt, dass einige Krebs-Patienten mit bereits fortgeschrittenen Tumorerkrankungen im Amper-Klinikum Dachau vorstellig wurden.

  • Im Amper-Klinikum Dachau wurden im Sommer einige Krebspatienten vorstellig.
  • Bei mehreren waren de Tumore bereits fortgeschritten.
  • Offenbar sorgte die Corona-Pandemie zu einer Verzögerung der richtigen Diagnose.

Dachau – Die Deutsche Krebsgesellschaft hat gleich fünf Fachzentren des Amper-Klinikums zertifiziert und damit die hohe Qualität bei der Diagnose und Therapie bestätigt – und das nach einer Prüfung mitten in der Pandemie. Das teilte das Klinikum mit. Zwei Sätze in dem Schreiben stimmen sehr betrüblich: „Wir haben leider feststellen müssen, dass uns durch die gesamten Sommermonate hindurch vor allem Patienten mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen vorgestellt wurden. Hier muss angenommen werden, dass die Pandemie zu einer Verzögerung der richtigen Diagnose geführt hat.“ Die Worte stammen von Professor Dr. Axel Kleespies, Chefarzt der Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Onkologischen Chirurgie im Amper-Klinikum. In einem Gespräch mit den Dachauer Nachrichten wird Kleespies, der als herausragender Experte in der Bekämpfung von Krebserkrankungen gilt, deutlicher.

Herr Professor Kleespies, Sie sprechen in der Pressemitteilung davon, dass vor allem Patienten mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen zu Ihnen gekommen sind. Können Sie dazu Zahlen nennen?
Hierzu müssen wir die sogenannten „Primärfälle“ eines Zentrums erfassen. Als Primärfälle werden diejenigen Krebserkrankungen bezeichnet, die in einem festgesetzten Zeitraum an einem Zentrum erstmalig, also neu diagnostiziert wurden. Betrachten wir beispielsweise die Patienten des Darmkrebszentrums Dachau, so sehen wir, dass wir in den Monaten Januar bis Oktober dieses Jahres 50 Patienten mit neu diagnostiziertem Darmkrebs behandelt haben. Hiervon zeigten acht Patienten (16 Prozent) eine Ausdehnung des Tumorleidens, welches als nicht mehr heilbar gilt und palliativ behandelt wird. Im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres (Januar bis Oktober 2019) haben wir 55 Patienten mit neu diagnostiziertem Darmkrebs behandelt. Hiervon zeigten lediglich drei (5,4 Prozent) ein palliatives Tumorstadium. Einschränkend muss man hinzufügen, dass es sich hier um niedrige Zahlen handelt, die statistisch nicht sicher bewertbar sind. Dennoch untermauern sie zumindest unsere Wahrnehmung einer Häufung von Patienten mit fortgeschrittener Tumorerkrankung.
Um was für Tumorarten handelt es sich ganz allgemein?
Neben dem Darmkrebs haben wir ähnliche Beobachtungen auch beim Bauchspeicheldrüsenkrebs und bei den gynäkologischen Tumoren gemacht, also den Tumoren des weiblichen Unterleibs.
Was waren die Gründe, warum die Patienten erst über die Sommermonate ins Krankenhaus kamen?
Hierzu können nur Vermutungen angestellt werden. Nur in Notfällen werden die Patienten direkt in unserem Krebszentrum oder in einem unserer Organzentren vorstellig. In aller Regel erfolgt der erste Patientenkontakt beim Hausarzt oder niedergelassenem Facharzt, zum Beispiel beim Internisten, Endoskopiker oder Frauenarzt, zur Routineuntersuchung, zur Vorsorge oder bei Beschwerden. Patienten, bei denen sich dann der Verdacht auf eine Tumorerkrankung ergibt, werden von den jeweiligen Praxen an unser Krebszentrum überwiesen. Wir müssen davon ausgehen, dass Patienten zu Beginn der Pandemie im Frühjahr bis Frühsommer ambulante Arzttermine nicht wahrgenommen haben oder verschieben mussten. Die Ungewissheit über das Risiko eines Arzt- oder Klinikbesuchs hat zu diesem Zeitpunkt eine nicht unerhebliche Rolle gespielt.
Geben Sie in diesem Zusammenhang Politikern wie Angela Merkel, Markus Söder oder Karl Lauterbach eine Mitschuld, die seit Monaten den Menschen mit ihren Aussagen Angst machen?
Es geht hier nicht um Schuldzuweisungen. Angstreaktionen in der Bevölkerung zu vermeiden, ist sehr schwierig, wenn die tägliche Berichterstattung aus benachbarten europäischen Ländern Gesundheitssysteme an deren Belastungsgrenze zeigt. Nach meiner ganz persönlichen Wahrnehmung haben alle im Gesundheitswesen und in der Politik tätigen Personen in den vergangenen Monaten versucht, immer wieder aufs Neue die Gefahrenlage richtig einzuschätzen, die Gesellschaft mit ihren gesunden und erkrankten Individuen gesundheitlich zu schützen, Panik zu vermeiden und dennoch eine nicht mehr beherrschbare Infekt-Situation in den deutschen Krankenhäusern und in den Arztpraxen abzuwenden. Die ganze Pandemie ist ein stetiger Lernprozess.
Aus dem Helios Amper-Klinikum hieß es bereits zu Beginn der Pandemie, dass alle notwendigen Vorsichts- und Schutzmaßnahmen getroffen wurden und sich Krebstherapien wegen Corona nicht verzögern würden. Wie ist hier die aktuelle Situation?
Patienten mit Krebserkrankungen wurden in unserem Zentrum über den gesamten bisherigen Zeitraum der Pandemie umfassend und ohne Zeitverzögerung diagnostiziert und behandelt. Krebspatienten waren von der politisch verordneten „Verschiebung planbarer Operationen“ in unserem Klinikum dezidiert ausgeschlossen. Das wird auch zukünftig so sein. Durch eine zügige Umsetzung umfassender Hygienemaßnahmen für Personal und Patienten und durch die parallele Implementierung digitaler Sitzungen für notwendige Tumorkonferenzen konnten alle wichtigen Abläufe des Krebszentrums aufrechterhalten werden.
Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) wies bereits im Mai darauf hin, dass „die Angst vor Covid-19 nicht dazu führen darf, dass die Früherkennung oder die Durchführung wirksamer Therapien verzögert wird. Der Schaden für Patienten wäre immens“. Sehen Sie das auch so?
Ja, auch andere Fachgesellschaften haben hierauf hingewiesen, und auch wir hatten frühzeitig die Befürchtung einer zweiten „Krebswelle“ durch die Verzögerung von Krebsdiagnosen. Wir haben daher sehr früh den Dialog mit dem Vorstand der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) gesucht und gemeinsam mit dem Landratsamt Dachau und anderen politischen Mandatsträgern dafür Sorge getragen, dass trotz erschwerter Bedingungen in der Hochzeit der Pandemie die Krebstherapie am Standort Dachau in vollem Umfang verfügbar war und ist.

Krebs-Auszeichnung für das Helios Amper-Klinikum Dachau 

Die Deutsche Krebsgesellschaft hat das Brust-, Darm-, Pankreaszentrum sowie das Kopf-Hals-Tumorzentrum und das Cancer-Center am Helios Amper-Klinikum Dachau zertifiziert und damit die hohe Qualität bei der Diagnose und Therapie bestätigt. „Sie beweist, dass wir den Krebspatienten in unserem Klinikum die höchsten Standards und perfekte Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Behandlung bieten“, so Klinikgeschäftsführer Florian Aschbrenner. Und Professor Dr. Axel Kleespies, Chefarzt der Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Onkologischen Chirurgie am Dachauer Krankenhaus, bekräftigt: „Diese Zertifizierung bestätigt nicht nur unsere fachlichen Qualifikationen – sie ist vor allem das Ergebnis der hervorragenden Zusammenarbeit unserer Ärzte, Pfleger, Therapeuten und Psychologen. Nur mit einem eingespielten Team können reibungslose Prozesse gewährleistet werden.“ Das perfekte Zusammenspiel habe sich gerade in der Hochphase der Pandemie und des Lockdowns gezeigt: „In hoher Geschwindigkeit konnten wir unsere eingespielten Diagnose-, Entscheidungs- und Kontrollprozesse der neuen Situation anpassen. Keine einzige Tumorkonferenz musste vertagt oder aufgeschoben werden“, so Kleespies.

Die Coronavirus-Pandemie nimmt kein Ende und immer neue Folgen werden bekannt. Hinsichtlich der Diagnose anderer Krankheiten wie zum Beispiel Krebs warnen Ärzte vor fatalen Effekten.  Britische Forscher rechnen nun mit tausenden Krebs-Toten aufgrund der Corona-Maßnahmen. In Deutschland könnte die Situation sich verschärfen.

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