Coronavirus Dachau Feierbar Roxibar Lockerungen Bayern Söder Sorgen Biergarten
+
Das war’s! Klaus Fiedler muss nach 13 Jahren seine urige Kneipe Feierbar aufgeben. Er fühlt sich von der Politik im Stich gelassen. 

„Nicht mehr stemmbar“

Wegen Corona: Dachauer Kneipenwirt gibt bekannte Bar auf - „Fühle mich von Söder...“

  • Thomas Zimmerly
    vonThomas Zimmerly
    schließen

Immer wieder gibt es in Bayern Corona-Lockerungen, doch nicht für Bars und Kneipen. Ein Kneipen-Wirt in Dachau muss nun aufgeben.

  • Immer wieder gibt es in Bayern Corona-Lockerungen, doch nicht für Bars und Kneipen.
  • Der Dachauer Gastronom Klaus Fiedler muss aufgeben - die Feierbar schließt.
  • Auch der Betreiber der Roxibar hat Sorgen.
  • Alle Nachrichten zum Coronavirus in Bayern lesen Sie in unserem News-Ticker. Außerdem bieten wir Ihnen in einer Karte die aktuellen Fallzahlen im Freistaat.
  • Noch mehr lokale Geschichten gibt es in unserem wöchentlichen Regionen-Newsletter für Dachau oder in unserer App.

Dachau – Nach quälenden Wochen des Wartens, wann er endlich wieder seine Kneipe öffnen darf, hat sich Klaus Fiedler vergangenes Wochenende an seinen PC gesetzt und eine E-Mail an den bayerischen Landesvater verfasst. Darin schreibt der 54-jährige Dachauer Gastronom, dass er sich vom „sehr geehrten Herrn Ministerpräsident Söder“ „gelinde gesagt“ auf den Arm genommen fühle. Der Herr Ministerpräsident und seine Getreuen in den Ministerien würden die Kneipenbesitzer hinhalten, so Fiedler. Und weil es „nicht einmal eine Prognose wegen einer Wiedereröffnung gibt“, müsse er nun – nach fast 13 Jahren – seine „kleine, urige Kneipe in Dachau aufgeben“.

Corona in Bayern - Dachauer Kneipe darf nur Biergarten öffnen: „Das ist nicht stemmbar“

Fiedlers Situation ist folgende: Die kleine, urige Kneipe ist die Feierbar in der Friedenstraße. Innen 35 Quadratmeter groß, dazu der Biergarten mit etwa 36 Quadratmetern. Draußen darf er seit 18. Mai wieder bedienen, drinnen nicht, weil die Feierbar kein Speiselokal ist.

Zur Erinnerung: In Restaurants darf seit 25. Mai wieder gegessen werden. Vom Betrieb des Gartens allein kann Fiedler aber nicht leben. „Das ist nicht stemmbar“, hat er festgestellt. Die von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger in seiner legendären Pressekonferenz beschriebenen 15 Meter langen Kumpeltische sucht man in der Feierbar vergebens. Alles in allem zwölf „Kumpels“ könne er aufgrund der Abstandsregeln versorgen, so Fiedler. Zu wenig, um rentabel zu sein, zumal seine Münchner Brauerei seit Juni wieder Pacht verlangt, nachdem sie auf diese im April und Mai noch großzügigerweise verzichtet hatte. Auch der Corona-Soforthilfe-Zuschuss in Höhe von 9000 Euro half Fiedler nicht aus der Krise, das Geld sei längst verbraucht.

Coronavirus in Bayern: Maßnahmen gehen an Kneipen und Bars vorbei

„Damit kann ein Wirt, ein, zwei, drei Monate überbrücken – nicht länger“, weiß Ursula Zimmermann, Geschäftsführerin des Vereins zum Erhalt der bayerischen Wirtschaftskultur. Weitere staatliche Maßnahmen wie die Ende Mai beschlossene Senkung des Mehrwertsteuersatzes im Zeitraum vom 1. Juli bis 30. Juni 2021 für zubereitete Speisen in Restaurants und Gaststätten von 19 auf 7 Prozent gehe an den Kneipen vorbei, so Zimmermann. Ob die am Mittwochabend von der Bundesregierung beschlossene generelle Verminderung des Satzes von 19 auf 16 Prozent sowie des ermäßigten Satzes beispielsweise auf Lebensmittel von 7 Prozent auf 5 ab Juli bis Ende des Jahres einen positiven Effekt auf den Konsum bzw. Einnahmen der Wirte haben, muss abgewartet werden.

Apropos zubereitete Speisen: Pfiffige Kneipiers hatten den Einfall, ihre Boazn mit dem Kredenzen von Würstln in Speiselokale verwandeln zu wollen. Nicht so Klaus Fiedler. „Die Idee hatte ich auch“, sagt er, doch nach einem Telefonat mit dem Ordnungsamt war für ihn klar: „Ich habe nur eine Konzession für eine Schankwirtschaft. Und etwas halb Illegales machen, das mag ich nicht!“

Coronavirus/Dachau: Sorgen auch bei der Roxibar

Es gebe laut Ursula Zimmermann noch eine Gegebenheit, die den Kneipenwirten zu schaffen macht: die Zurückhaltung der Menschen. „Die Leute wollen nicht rein. Sie sind sehr vorsichtig“, sagt Ursula Zimmermann. Dazu kommt die für viele Gäste unangenehme Maskenpflicht.

Die Sorgen von Klaus Fiedler teilt auch Matthias Schilcher, der in Dachau die derzeit geschlossene Roxibar betreibt. Er sieht durchaus die Gefahr, dass es gerade in den engen Kneipen zu erneuten Infektionen kommen könnte. Schilcher sagt nur: „Ischgl!“ Eine zweite Welle „täte dann richtig weh“, so Schilcher. Dennoch möchte auch er das Roxi gerne wieder aufsperren. Allerdings ohne Einschränkungen: „Das Roxi mit Halbgas fahren macht keinen Sinn und keinen Spaß.“

Wie es für Klaus Fiedler nun weitergeht, weiß er nicht. Der zweifache Familienvater, der in Karlsfeld wohnt, betrieb seine Feierbar hauptberuflich. „Ich habe noch keine Pläne“, so der Wirt, „ich muss halt von meinen Reserven leben.“ Und er wird seine Gäste vermissen. „Ich hatte zu 99,9 Prozent Stammpublikum“, verrät er. Menschen, die er seit 30 Jahren und noch länger kenne.

Ursula Zimmermann bringt es auf den Punkt: „Die Lage ist sehr, sehr schwierig!“ Und so wie sie die Staatsregierung einschätze, „werden wir Bayern vermutlich die Letzten in Deutschland sein, die die Kneipen wieder öffnen“.

Kommentar: Freistaat reizt seine Befugnisse auf Kosten der Bürgerrechte aus

Als wären die Gastronomen in der Coronakrise wegen der Verbote und Regulierungen nicht schon genug gebeutelt, sie können überdies als Paradebeispiel dafür herhalten, wie perfide der Freistaat seine Befugnisse aufgrund des Infektionsschutzgesetzes ausreizt. Biergärten durften ab 18. Mai wieder öffnen, Restaurants ab 25. Mai, jeweils an Montagen also. Die Verlängerung der Außenbereichs-Öffnungszeiten von 20 auf 22 Uhr sollte laut Plan der Staatsregierung am 2. Juni erfolgen, dem Dienstag nach Pfingsten. 

Warum erfolgten die Gestattungen trotz sinkender Infektionszahlen nicht schon vor den für Lokalbesitzer lukrativen Wochenenden bzw. vor den Pfingstfeiertagen? Ganz sicher handeln Söder und Co. – auf Kosten der Bürgerrechte – auch (!) wegen der sehr guten Umfragewerte seit Corona so restriktiv. Als ein Augsburger Restaurantbesitzer vor Gericht durchsetzte, dass Biergärten in der Fuggerstadt bereits am Donnerstag vor Pfingsten bis 22 Uhr geöffnet bleiben dürfen, weitete die Regierung erst am Tag danach und nach langen Beratungen die Öffnung auf ganz Bayern aus. Dicht bleiben müssen vorerst die Innenbereiche der Kneipen und Bars. Ministerpräsident Markus Söder sieht die Abstandsregeln bedroht, „wenn man nicht nur Cola-light trinkt“, wie er er auf einer seiner zahlreichen Pressekonferenzen sagte. Es steht zu befürchten, dass auch im Fall der Kneipen die Gerichte den Türöffner spielen müssen. 

Alle Nachrichten aus Dachau lesen Sie immer bei uns.

Auch interessant

Kommentare