Spielen für die Polizei eine große Rolle: Wildunfälle.
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Spielen für die Polizei eine große Rolle: Wildunfälle.

Tiere im Ernteschock

Polizei und Jäger sind besorgt: 1043 Wildunfälle in zwölf Monaten im Landkreis Dachau

  • Thomas Zimmerly
    VonThomas Zimmerly
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1043 Wildunfälle haben sich in den vergangenen zwölf Monaten im Landkreis ereignet. Jäger und Polizei machen sich deshalb große Sorgen. Der Jagdschutzverein klärt auf, warum es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Autofahrern und Tieren kommt. Die PI Dachau gibt Tipps, was zu tun ist, wenn es kracht.

Landkreis – Im vergangenen Mai erfasste ein Auto im Gemeindegebiet Bergkirchen ein Reh. Das Tier wurde durch die Luft geschleudert, durchschlug die Windschutzscheibe eines entgegenkommenden Lieferwagens und flog gegen den Beifahrersitz, der Gott sei Dank leer war. Die Fahrer beider Fahrzeuge erlitten einen Schock, blieben ansonsten glücklicherweise unverletzt. Dieser spektakuläre Wildunfall ist einer von sage und schreibe 1043, die im Zeitraum von Ende August 2020 bis Ende August 2021 bei der Polizeiinspektion Dachau aktenkundig wurden. Sechs Menschen erlitten nach einer Kollision mit einem Tier leichte Verletzungen, eine Person schwere.

Polizei und Jäger machen sich große Sorgen

Aufgrund der Vielzahl der Zusammenstöße machen sich die Polizei Dachau und die örtlichen Jäger im Landkreis große Sorgen um die Autofahrer und das Wild. „Wildunfälle spielen in der Verkehrsstatistik der Polizei Dachau eine große Rolle. Der Landkreis Dachau ist ländlich geprägt, die Verkehrsdichte ist hoch. Immer wieder kommt es zu Wildunfällen, im Schnitt 20 Wildunfälle pro Woche“, sagt Polizeihauptkommissar Andreas Knorr, Verkehrsexperte der PI Dachau. Der Jagdschutz- und Jägerverein Dachau (JJVD) ergänzt, dass gerade jetzt die Gefahr von Wildunfällen groß sei.

Der JJVD erklärt die Problematik aus Sicht der Wildtiere: Für die Tiere kommt es zum Ernteschock

Der JJVD erklärt die Problematik aus Sicht der Wildtiere – und beginnt bei den Landwirten. Diese, so der JJVD, hätten immer modernere Maschinen, die immer schneller die Felder abernten würden. Für Wildtiere sei es ein Schock, wenn sie plötzlich ohne Nahrung und Deckung dastünden. Durch die Ernte ändere sich der Lebensraum für Hase, Reh und Fasan abrupt und drastisch. Innerhalb weniger Stunden stünden nur noch Stoppeln auf den Feldern, wo es vorher Äsung in Hülle und Fülle gegeben habe. „Schlagartig ihrer Nahrungsgrundlage beraubt, kommt es für Wildtiere zu einer Notsituation, dem so genannten Ernteschock. Der Tisch ist abgeräumt, obwohl es gerade jetzt wichtig wäre, sich für die kalte Jahreszeit möglichst viele Fettreserven anzufressen“, klärt JJVD-Vorsitzender Dr. Ernst-Ulrich Wittmann auf. Dann wird es gefährlich – für Tiere und Autofahrer.

Tiere müssen nach neuen Futterplätzen suchen und nehmen weite Wege in Kauf

Sind die Felder leer, bleibt den Tieren nichts anderes übrig, als nach neuen Futterplätzen zu suchen. Dafür nehmen sie weite Wege in Kauf, die sie zwangsläufig über Straßen führen. „Autofahrer sollten besonders aufpassen und immer damit rechnen, dass ein Tier plötzlich auf die Fahrbahn läuft“, warnt Wittmann.

Die meisten Unfälle passieren in der Zeit von 5 bis 7 Uhr morgens sowie von 20 bis 23 Uhr abends

Die Situation, wenn Tiere auf ihrer Suche nach Nahrung auf die Fahrbahn laufen und dann auf Fahrzeuge treffen, beschreiben der Verkehrssachverständige Erich Schöbel und der ADAC auf seiner Webseite. „Bei Tageslicht dauert es 0,4 bis 0,85 Sekunden, bis unser Gehirn die Bilder von einem Geschehen umsetzt. Bei Dunkelheit sind es 1,0 bis 1,25 Sekunden“, so Schöbel. Der Verkehrsklub rechnet vor, dass ein Autofahrer bei einem Abstand von 60 Metern zum Tier gerade noch anhalten kann, wenn er mit Tempo 80 unterwegs ist (Bremsweg 55,1 Meter). Bei Tempo 100 hingegen kracht es (Bremsweg 79,2 Meter). Die Aufprallgeschwindigkeit, so der ADAC, beträgt dann immer noch 61,1 Km/h. Wie die Polizei mitteilt, ereigneten sich die meisten Unfälle in der Zeit von 5 bis 7 Uhr morgens sowie von 20 bis 23 Uhr abends.

Laut Statistik der PI Dachau war bei den 1043 Wildunfällen in den vergangenen zwölf Monaten mit großem Abstand Reh-, Rot- und Damwild betroffen (895). Der Rest verteilt sich auf Hasen/Kaninchen (60), Dachse (23), Fuchs (21), Greif- und Flugwild (18), Schwarzwild (14) sowie sonstiges Wild (12).

Tipps, um die Tiere zu schützen

Um die Tiere zu schützen, hat der JJVD Tipps parat: Hecken und wildtiergerechter Zwischenfruchtanbau würden hier Abhilfe schaffen, so die Jagdschützer. Eine optimale Ergänzung sei ein zusätzlicher Kräuterstreifen. Rettung böten schließlich noch Felder, auf denen direkt nach der Ernte schnell wachsende Zwischenfrüchte wie Lupinen, Ackersenf oder Klee oder speziell dafür entwickelte Saatmischungen eingesät würden.

Richtiges Verhalten bei Wildunfällen

Andreas Knorr, Verkehrsexperte der Polizeiinspektion Dachau, gibt in Sachen Wildunfall folgende Tipps:

. Der Wildunfall ereignet sich in der Regel außerorts, oft sind die Lichtverhältnisse schlecht. Für die anderen Verkehrsteilnehmer ist es wichtig, dass die Unfallstelle erkannt wird. Die Unfallstelle ist unverzüglich abzusichern. Schalten Sie den Warnblinker ein. Stellen Sie Ihr Warndreieck auf. Ziehen Sie Ihre Warnweste an. Verschaffen Sie sich einen Überblick.

. Sofern Personen verletzt sind, setzen Sie einen Notruf unter 112 ab und leisten Sie Erste Hilfe. Sind keine Personen verletzt, wählen Sie den Notruf der Polizei unter 110 und melden den Unfall.

. Vermeiden Sie es, das verletzte Tier anzufassen. Das Tier könnte sich wehren und Sie verletzen.

. Um die Gefahr gering zu halten, fahren Sie stets wachsam und bremsbereit. Einige Streckenabschnitte sind mit Hinweisschildern „Wildwechsel“ versehen. Die Gefahr lauert jedoch stets an Waldgebieten und Feldrändern, auch wenn kein Hinweisschild aufgestellt ist!

. Wenn sich ein Tier nähert, schalten Sie das Fernlicht aus und hupen Sie, um das Wild zu verscheuchen.

. Wenn ein Zusammenstoß unvermeidbar ist, gilt: nicht ausweichen, Lenkrad festhalten, starkes Abbremsen und auf der Fahrbahn zum Stehen kommen und Warnblinker einschalten.

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