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Der Leiter des Hoftheaters, Herbert Müller (links), gehört ebenso zu den Unterzeichnern des Offenen Briefes wie die ehemalige Strafrichterin Roswitha von Engel. Auch der Historiker Jürgen Zarusky (rechts) zählt zu den 80 Persönlichkeiten, die sich beteiligt haben. 

In Sorge um die Demokratie

80 bekannte Menschen aus dem Raum Dachau schreiben offenen Brief - jeder sollte ihn lesen

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80 Persönlichkeiten des Dachauer Landes sorgen sich um die demokratische und solidarische Gesellschaft. Mit einem offenen Brief möchten sie Position beziehen.

Landkreis „Wir wollen nicht Teil von denen sein, die still sind.“ Deswegen haben sie einen offenen Brief unterzeichnet, dessen Titel ihr Anliegen ausdrückt: „In großer Sorge um unsere demokratische und solidarische Gesellschaft“. Sie: Das sind 80 Persönlichkeiten, die im Landkreis Dachau leben oder ihm verbunden sind, Kultur- und Sozialschaffende, Wirtschaftsleute, Lehrer, Pfarrer, Ärzte, Historiker. Sie wollen keine Partei gründen, sie wollen keine Initiative oder Bewegung starten. „Wir wollen einfach etwas wachrütteln in der Gesellschaft, wie eine Welle, die entsteht, wenn man einen Stein ins Wasser wirft“, sagt Franz Baur.

Nicht versagen - wie das Bildungsbürgertum vor 1933 

Franz Baur, 56, aus Erdweg, ist einer der Unterzeichner des Briefes. Der Geschäftsführer einer Biotech-Firma in Karlsfeld ist offizieller Ansprechpartner und erklärt, wie es zu dem Brief kam. Es gebe seit längerem einen Gesprächskreis, einen Salon mit dem Titel Dachauer Gespräche, zwischen „Menschen aus Kultur, Wirtschaft, Politik – vom Sternegeneral bis zum Landwirt“, erklärt Baur. Diese Menschen haben eine Verantwortung verspürt, „gerade hier in Dachau, sorgsam sein zu müssen, was Demokratie, Gesellschaft und gesellschaftliche Veränderung angeht“. Und aus den Diskussionen und Gesprächen entstand „das Bedürfnis, mehr zu machen und sich öffentlich zu bekennen“, so Baur.

Sie wollen nicht versagen – wie es das Bildungsbürgertum tat, bevor die Weimarer Republik zusammenbrach. Deswegen treten sie jetzt an die Öffentlichkeit, zwei Wochen vor den Landtagswahlen. „Uns sorgt, dass die rechte Bewegung immer stärker wird“, sagt Baur. Er erkenne Parallelen zur Entstehung des Dritten Reichs: Die NSDAP hatte bei der Machtübernahme Hitlers keine Mehrheit, dank der Unterstützung der Zentrumspartei sei Hitler zum Kanzler gewählt worden.

Tatsächlich machten sich ab den 20er und 30er Jahren totalitäre Parteien einen Namen, die demokratischen Parteien steuerten nicht entschlossen gegen. Der Einbruch des Totalitären in die verunsicherte Demokratie – das könnte man durchaus als Parallelität von heute zu damals werten. Damals allerdings lehnte sich eine breite bürgerliche Mehrheit nicht dagegen auf. Heute gibt es Proteste – etwa die Demonstration vor drei Wochen am Ernst-Reuter-Platz. Allerdings sind – im Unterschied zu damals – die totalitären Parteien in der bürgerlichen Mitte angekommen.

„Die Regeln des Anstands werden gebrochen“

Dazu kommen weitere Warnsignale. Die Sprache habe sich verändert, sagt Franz Baur. Sprachregelungen seien eingerissen worden: das Wort „Asyltourismus“, Antisemitismus in Rap-Songs, Innenminister Horst Seehofer, der an seinem Geburtstag über die Anzahl abgeschobener Flüchtlinge witzelt – „die Regeln des Anstands werden gebrochen, an allen Ecken und Enden – und es fällt gar nicht weiter auf!“ Die Enttabuisierung bewirke, dass die Aggressionen steigen – in der Gesellschaft wie in der Politik. „Und das muss einem Sorge machen.“

Schließlich war man sich im Gesprächskreis einig: „Wer schweigt, macht sich mitschuldig, wenn es schief geht“, so Baur. Eine kleine Gruppe hat den Brief formuliert, alle anderen haben unterschrieben. Bewusst keine Politiker: „um dem Brief keinen parteipolitischen Anstrich zu geben“. Obwohl viele laut Baur gerne unterschrieben hätten – über die Parteigrenzen hinweg.

Die Unterzeichner des Briefs wollen etwas in Bewegung setzen, ohne eine Bewegung zu gründen. „Uns ist wichtig, dass wir Position beziehen – auch um anderen Menschen zu zeigen: Es gibt viele, die Widerstand zeigen!“

Nicht einlassen auf den Facebook-Stil

Jeder kann sich mit dem Brief solidarisieren, per E-Mail an insorge2018@ gmail.com. „Der Brief ist etwas ausführlicher – wir wollten uns bewusst nicht einlassen auf den Facebook-Stil“, erklärt Baur. Trotzdem – oder gerade deshalb – hofft Baur, dass „viele Menschen animiert werden, nicht still zu halten“. So lautet auch der Aufruf am Ende des Briefs: „Geben wir der schweigenden Mehrheit eine Stimme.“

Der Offene Brief zum Lesen

+++  Hier können Sie den offenen Brief im Wortlaut und in voller Länge lesen.

Stimmen von Unterzeichnern des Offenen Briefes

Pfarrer Josef Mayer, geistlicher Direktor der KLVHS Petersberg und Landvolkpfarrer:

Pfarrer Josef Mayer

„Ich nehme Stellung, weil ich in der KLVHS Petersberg dem Erbe unseres Gründungsvaters Weihbischof Dr. Johannes Neuhäusler und der Stifterfamilie von Soden-Fraunhofen verpflichtet bin. Ihnen war es nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein Herzensanliegen, dass am Petersberg eine Einrichtung besteht, die dazu beiträgt, dass sich so etwas wie das Dritte Reich nicht wiederholt. Deswegen geht es in kritischer Zeit darum, alles zu tun, dass unser demokratischer Staat geschützt wird und dass wir uns schon zu Beginn gefährlicher Fehlentwicklungen zu Wort melden. Daneben ist der Grundgedanke der biblischen Botschaft von der gleichen Würde aller Menschen hoch zu halten.“

Jürgen Zarusky, Historiker aus Dachau:

„Unsere Demokratie basiert auf der klaren Abkehr vom Nationalsozialismus. Wer dessen Verbrechen kleinredet, die Ehrung der Opfer als ,Schande’ und die Bundesregierung als ,Marionetten der Siegermächte’ schmäht, wie Gauland, Höcke, Weidel, stellt sich klar gegen den demokratischen Konsens. Davor darf man nicht die Augen verschließen.“

Herbert Müller, Leiter des Hoftheaters Bergkirchen:

„Ich habe mich zu diesem Brief bekannt, weil ich Angst habe vor einem scheinbar unaufhaltsamen Radikalismus, der sich in vielen kleinen, oft gar nicht gleich erkennbaren Entwicklungen verbreitet. Ich habe die Weimarer Republik und ihre Folgezeit ja nicht erlebt, aber aus dem Geschichtsunterricht wissen wir alle, wie sich nationalistisches Gedankengut in die Köpfe eingeschlichen hat. Und das darf nicht mehr geschehen. Als Theaterregisseur will ich einstehen für die Ideale dieser Kunst: Humanität und Toleranz.“

Roswitha von Engel, ehemalige Strafrichterin am Amtsgericht Dachau:

„Der Brief bringt meine derzeitigen Sorgen – von denen ich bis vor kurzem nicht glaubte, dass ich sie mal haben werde – auf den Punkt. Ich habe dem nichts hinzuzufügen. Es wird Zeit, sich zu engagieren!“

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