Erich Schöbel
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Spuren und Daten wertet Erich Schöbel in seinem Büro aus. An der Wand ein Bild mit Erinnerungen an seine Rennfahrerkarriere.

Der Mann, der nach Unfällen gerufen wird

Die Stunde des Spurenlesers

  • Thomas Zimmerly
    vonThomas Zimmerly
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Immer wenn im Dachauer Land ein Unfall geschieht und die Ursache dafür Rätsel aufgibt, schlägt seine Stunde. Erich Schöbel ist Verkehrssachverständiger und muss das Rätsel lösen. Seine Arbeitsweise ist faszinierend. Und seine Expertise für den Staatsanwalt von entscheidender Bedeutung.

Dachau – Am 29. März ereignet sich zwischen Günding und Bergkirchen ein tragischer Unfall, bei dem ein Auto von hinten einen Radfahrer erfasst. Der Mann stirbt, auf recht übersichtlicher Strecke, bei gutem Wetter. Es gebe keinen Hinweis auf die Unfallursache, meint die Polizei damals gegenüber den Dachauer Nachrichten. Zeit, einen Mann wie Erich Schöbel zu beauftragen. Der 58-Jährige ist beeidigter Sachverständiger für Straßenverkehrsunfälle. Seine Aufgabe ist es, herauszufinden, warum der Radfahrer zu Tode kam. Der Diplomingenieur hat mittlerweile die Lösung. Verraten kann er sie nicht. Er darf den noch laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft nicht vorgreifen.

Schöbel, der seit 1994 im Geschäft ist, hat bisher zwischen 1200 und 1500 Gutachten erstellt. So genau weiß er das nicht. Jedenfalls war er als „Unfallbereitschaft“ 22 Jahre lang Tag und Nacht erreichbar. Erst seit einiger Zeit tritt er etwas kürzer. „Aber wenn das Telefon klingelt, dann fahre ich nach wie vor raus“, so der zweifache Familienvater. Schöbel ist in den Landkreisen Dachau, Fürstenfeldbruck, Starnberg oder Landsberg unterwegs. Mal ist ein Fall in zwei Tagen gelöst, mal dauert es drei Wochen.   

Manche Auswertung dauert zwei Wochen

Im Fall des getöteten Radfahrers entschlüsselt Schöbel das Geschehen in zwei Wochen. Die Art und Weise, wie er dabei vorgeht, ist faszinierend. „Wenn ich den Kollisionsort weiß, habe ich den Fall zu 60 Prozent aufgeklärt“, sagt er. Dazu benutzt er eine Drohne. Die Kamera des kleinen Luftfahrzeugs liefert ihm gestochen scharfe Bilder selbst von kleinsten Spuren – von Gegenständen und vom Unfallopfer. Weiter schnappt sich der Experte das sichergestellte Unfallauto, untersucht es auf etwaige Defekte und fährt es Probe. Dabei schließt er einen Datenrecorder an. Die Zigarettenschachtel große Blackbox verrät Schöbel haarklein, wie der Wagen beispielsweise bremst, beschleunigt oder rotiert. Was viele nicht wissen: Wenn bei modernen Autos der Airbag auslöst, liefert ein eingebautes Steuergerät alle Daten ab fünf Sekunden vor einem Crash bis zwei Sekunden danach. Das Auto wird quasi „gläsern“, so Schöbel. Nicht alle Hersteller rücken die Daten freiwillig heraus. Doch der Gutachter kann sie unter Umständen mit einem richterlichen Beschluss erzwingen.

In seinem Büro in Lindach bei Fürstenfeldbruck, das der selbstständige Experte gemeinsam mit seinem Kollegen Wilfried Hartmann betreibt, wertet Schöbel die Spuren und Daten aus. Auf vier großen Bildschirmen sind Fotos, Diagramme oder Listen zu sehen. Ein Mikroskop steht in der Ecke, eine Kamera liegt vor ihm auf dem Tisch. Trotz aller technischen Hilfsmittel, „ganz, ganz wichtig ist es in unserem Beruf, alles zu hinterfragen“, sagt der Sachverständige. Warum, das erklärt er an einem weiteren, sehr komplexen Unfallgeschehen.

Aus jedem Blickwinkel untersucht Erich Schöbel jeden Unfallhergang.

Anfang dieses Jahres hält ein älterer Herr in einem Ort im Dachauer Hinterland seinen Wagen rechts am Straßenrand an und überquert die Fahrbahn. Er will eine Besorgung machen. Ein Auto erfasst ihn mit dem Kotflügel. Der Herr überlebt. Es war laut den Ermittlungen der Polizei 7.16 Uhr, beginnende Morgendämmerung, „vom Licht her ein kritischer Zeitpunkt“, so der Gutachter. Er macht vor Ort einen „Sichtversuch“. Acht Stunden lang dauert es, bis Schöbel den Unfallhergang nachgestellt hat. Detailgenau. Exakt gleiche Lichtverhältnisse, ähnliche Fahrzeugtypen, Kleidung des Opfers, Hintergrund, alles muss passen. Schöbel hat eine Simulationstechnik entwickelt und rekonstruiert mit ihr den Unfallhergang. Er zeigt auf einen Bildschirm und erklärt, dass es bei Tageslicht 0,4 bis 0,85 Sekunden dauere, bis unser Gehirn die Bilder von einem Geschehen umsetze. Bei Dunkelheit sind es 1,0 bis 1,25 Sekunden. Ob dem Fahrer, der den älteren Herrn erfasste, strafrechtliches Ungemach droht, wird eine spannende Angelegenheit. „Ich werde noch einmal mit dem Staatsanwalt telefonieren“, sagt Schöbel.

Die Staatsanwaltschaft entscheidet bei Unfällen, ob sie Anklage gegen einen der Unfallbeteiligten erhebt oder nicht. Sie ist laut einer alten Juristenweisheit die Herrin des Ermittlungsverfahrens. Nur die Polizei arbeitet ihr zu. Für Schöbel bringt das ein Problem mit sich: Er darf keine Zeugen vernehmen. Aber, so der erfahrene Experte, er könne schon mal einen Tipp geben, „in die oder die Richtung zu fragen“.

Der Datenrecorder macht ein Auto gläsern.

Allgemeine Tipps von Schöbel erhält die Polizei. „Die Zusammenarbeit mit den Sachverständigen ist gut“, sagt Andreas Knorr, Verkehrsexperte der Polizeiinspektion Dachau. Für ihn und seine Kollegen ist es vor allem wichtig zu erfahren, welche „weiteren Hintergründe“ die Gutachter liefern. Das sei beispielsweise notwendig, „um die Unfallstelle bewerten zu können“ und gegebenenfalls etwas zu verändern. Immer wieder würden sich Verkehrsteilnehmer ärgern, wenn Straßen nach einer Kollision lange gesperrt bleiben. Doch Knorr bittet um Geduld. Die Arbeit der Sachverständigen mache dies unbedingt notwendig.

Am Ende jeder Schöbelschen Expertise steht das Zauberwort: die Vermeidbarkeitsbetrachtung. Das ist es im Endeffekt, was die Staatsanwaltschaft am Unfallgutachten interessiert. Mitentscheidend dafür sind bei Schöbel neben all den ausgewerteten Daten zwei weitere Dinge: „meine Augen und meine Erfahrung“.

Erich Schöbel war einst ein begeisterter Motorradfahrer. Er bestritt Rennen. Über Freunde beim Rennsport, die sich mit Unfallrekonstruktionen beschäftigten, kam er vor 27 Jahren zu seinem Beruf. Die Faszination für seine Arbeit ist bis heute geblieben. Auf seine Maschine steigt er hingegen kaum noch. Nach zwei tödlichen Unfällen im Dachauer Hinterland, bei denen er die Ursachen zu ermitteln hatte und dabei feststellte, dass beide Motorradfahrer nicht schuld waren, bleibt sie in der Garage.

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