+
Um versuchte Nötigung ging es für einen 60-Jährigen vor dem Amtsgericht Dachau.

Von “Anwälten des Reichs“ beraten

Ehemaliger Reichsbürger vor Gericht - weil sein Auto abgemeldet wurde

  • schließen

Dass ein 60 Jahre alter Ingenieur aus Vilsbiburg ein Erpresser, ja ein Rebell und Reichsbürger sein soll, das sollte ihm jetzt am Dachauer Amtsgericht nachgewiesen werden. Es lief auf Nötigung hinaus.

Dachau – Um das Ergebnis der Verhandlung vorwegzunehmen: Ein Erpresser ist der gebürtige Münchner nicht. Aber, so viel stand am Ende fest, er machte sich doch der versuchten Nötigung schuldig.

Und das kam so: Beruflich gerade einen Kraftwerksbau in Finnland betreuend, flatterte dem Ingenieur im Sommer 2013 ein Schreiben des Landratsamtes Dachau ins Haus. Inhalt: Weil er seine Prämien nicht bezahlt hätte, würde sein Auto nun abgemeldet – oder entstempelt, wie es im Behördendeutsch heißt. Der heute 60-Jährige schäumte vor Wut und schrieb der Sachbearbeiterin einen gepfefferten Brief: Er verklage sie sowie Landrat Hansjörg Christmann auf Schadensersatz, der Nutzungsausfall für das zwangsabgemeldete Auto würde 100 Euro pro Tag betragen; in Summe würden die Sachbearbeiterin sowie der Landrat damit zwischen 1 und 10 Millionen Euro an ihn überweisen müssen!

Das Problem: So ganz unbegründet war die Wut des Ingenieurs nicht, er hatte tatsächlich brav seine Prämien bezahlt. Die Autoversicherung huk24 hatte aber einen Fehler gemacht und dem Landratsamt eine Falschmeldung gegeben. Dass er mit seinem Schreiben daher nur sein Auto zurückbekommen und niemanden erpressen wollte, musste daher auch die Staatsanwältin einräumen. Dennoch, das gab der Angeklagte auch zu, war sein Schreiben „unsäglich“ und ein Fehler. Aber er habe „in Finnland einfach die Welt nicht mehr verstanden“! Beim Verfassen des Briefes sei er zudem „juristisch schlecht beraten“ worden.

Angeklagter wurde von „Anwälten des Reichs“ vertreten

Und hier lag das zweite Problem des Angeklagten. Seine juristischen Berater waren nämlich sogenannte „Anwälte des Reichs“. Der Ingenieur war nämlich, auch das gab er gegenüber Amtsrichter Christian Calame offen zu, zu dem Zeitpunkt ein Reichsbürger. Auf einer Infoveranstaltung habe er eine entsprechende Mitgliedschaft unterschrieben – und zum Schnäppchenpreis von 85 Euro auch gleich noch einen Ausweis dazu bekommen. Strafbar ist dies als das „Verschaffen falscher amtlicher Ausweispapiere“.

Richter Calame ließ am Ende Milde walten. Der Angeklagte hatte glaubhaft versichert, mit der Reichsbürgerszene nichts mehr am Hut zu haben. Weil er sich außerdem bei der Mitarbeiterin am Landratsamt mehrfach persönlich für sein Schreiben entschuldigt hatte, verurteilte Calame ihn zu einer Geldstrafe in Höhe von 1500 Euro.

Der Anwalt des 60-Jährigen bemängelte am Ende aber doch noch, dass man im Falle seines Mandanten „mit Kanonen auf Spatzen geschossen“ habe. Bei der Hausdurchsuchung sei die Polizei ja „mit dem halben SEK anmarschiert“, es sei ein „Riesenbrimborium“ gewesen. Trotz der Nähe des Angeklagten zur – üblicherweise schwer bewaffneten – Reichsbürgerszene sei dies doch reichlich übertrieben gewesen.

Lesen Sie auch:

Affäre mit seinem 80-jährigen Chef: Mann erpresst 33-Jährige mit pikanten Fotos

Ein 50-jähriger Weilheimer hatte die Geliebte seines Arbeitgebers um 30.000 Euro erpressen wollen. Dem Mann passte das Verhältnis zwischen seinem Arbeitgeber (80) und dessen neuer Freundin (33) nicht.

“Der Ekel, der ist immer noch da“: 28-Jähriger terrorisierte nachts Frauen

Ein 28-Jähriger hat jahrelang Frauen mit nächtlichen Anrufen terrorisiert. Die Angst der Angerufenen und die Tatsache, dass die Opfer lange nicht wussten, wer ihr Peiniger war, erregten den jungen Mann.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

So viele wie nie: Gemeinde Bergkirchen ehrt ihre Schul- und Ausbildungsbesten
Es waren heuer so viele wie nie:  Die Gemeinde Bergkirchen hat ihre Schul- und Ausbildungsbesten geehrt
So viele wie nie: Gemeinde Bergkirchen ehrt ihre Schul- und Ausbildungsbesten
Volksfest in den Miesen
Dass die Stadt Dachau mit ihrem Volksfest keinen Gewinn macht, ist klar. Zuletzt fiel das Defizit mit 144 000 Euro aber erschreckend hoch aus. Und das Minus droht noch …
Volksfest in den Miesen
Mehr Frauen in die Politik
Hubert Böck aus Indersdorf will SPD-Landrat werden. Am Samstag wurde er von 98 Prozent seiner Genossen im Gasthaus Doll in Ried offiziell zum Landratskandidaten gewählt.
Mehr Frauen in die Politik
Wohnungsleerstand soll in Doktorarbeit untersucht werden
Knapp 2000 Wohnungen im Landkreis stehen leer. In einer Doktorarbeit sollen nun die Gründe dafür erforscht und Vorschläge erarbeitet werden, um den Wohnungsleerstand zu …
Wohnungsleerstand soll in Doktorarbeit untersucht werden

Kommentare