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Hoffen auf Unterstützung der Kommunalpolitik: Birgit van Gunsteren (l.) und Sabine Zarusky.

Wenn die letzte Zuflucht ausgebucht ist

Frauenhaus leidet unter der Wohnungsnot

Das Frauenhaus ist für Opfer häuslicher Gewalt oft die letzte Zuflucht. Doch aufgrund der Wohnungsnot sind wichtige Schutzplätze blockiert – und Frauen, die ausziehen wollen, können das nicht.

Dachau – Für Opfer häuslicher Gewalt ist das Frauenhaus eine wichtige Anlaufstelle. Denn dort finden fünf Frauen und bis zu sechs Kinder nicht nur einen sicheren Unterschlupf auf Zeit, sondern auch qualifizierte Beratung und menschliche Unterstützung auf dem Weg in ein eigenständiges Leben ohne Gewalt und Angst. Doch die erfolgreiche Arbeit der fünf Sozialarbeiterinnen im Frauenhausteam wird nach wie vor beeinträchtigt durch die Wohnungsnot in der Region.

„Auf dem freien Markt haben unsere Frauen keine Chance, und die Wartezeit für eine Sozialwohnung ist einfach enorm“, sagt Erzieherin und Sozialtherapeutin Birgit van Gunsteren. Die gravierenden Folgen: Frauen, die bei ihrem Aufenthalt in der Schutzeinrichtung eine neue Perspektive entwickelt haben, fehlt dann die Aussicht auf eine eigene Wohnung als Basis für ein selbständiges Leben. Zugleich blockieren Bewohnerinnen, die mangels Anschluss-Unterbringung nicht ausziehen können, die Schutzplätze im Frauenhaus. Das Team will deshalb erneut das Gespräch mit der Politik suchen, so van Gunsteren: „Wir bräuchten Übergangswohnungen.“

Das Problem ist nicht neu. Das Frauenhausteam hat deshalb immer wieder Anstrengungen unternommen und auf die Notlage aufmerksam gemacht. „Aber wir können das Problem als Sozialarbeiter nicht lösen“, betont Sozialpädagogin Sabine Zarusky.

Dabei ist der Aufenthalt im Frauenhaus nur als Station auf Zeit gedacht. Ziel ist, Frauen mit ihren Kindern zu stabilisieren, ihnen Sicherheit und Selbstwertgefühl zu vermitteln für ein selbständiges Leben. Dieses Ziel bleibt, auch wenn mehr und mehr „Multi-Problem-Familien“ ins Frauenhaus kommen, wie die Pädagoginnen berichten.

Traumatisierte Frauen, oft mit Migrationshintergrund und wenig Deutschkenntnissen, die zudem oft noch jung sind, suchen Hilfe im Frauenhaus. Es dauert, bis sich die Bewohnerinnen zutrauen, ohne Unterstützung zu leben. Doch dann findet sich keine Wohnung. Zwar haben zehn Bewohnerinnen mit ihren Kindern im vorigen Jahr das Frauenhaus verlassen, aber nur zwei konnten tatsächlich eine eigene Wohnung beziehen. Die übrigen wechselten in andere Einrichtungen, schlüpften bei Verwandten unter, gingen freiwillig in eine Obdachlosenunterkunft oder kehrten, wie in einem Fall, sogar zurück zu ihrem gewalttätigen Partner. Und vier Frauen leben schon mehr als ein Jahr im Haus, obwohl die Plätze dringend benötigt würden.

Das zeigen auch die Zahlen im Jahresbericht 2019: Den 166 Platz-Anfragen stehen zehn Frauen gegenüber, die einziehen konnten. Immer schon gibt es mehr Anfragen als Plätze, weil für manche Betroffene nach telefonischer Beratung andere Optionen gefunden werden. Oder Frauen über ein überregionales Netzwerk an andere Einrichtungen vermittelt werden. Auch von den 51 Frauen aus dem Landkreis, die angefragt haben, zogen nur drei ein. „Die Frauen wollen oft nicht zu uns, wo der gewalttätige Partner um drei Ecken lebt.“ Diese Frauen werden an andere Standorte vermittelt. Dennoch wird die Situation verschärft, weil Frauen wegen der Wohnungsnot länger als notwendig in der Schutzeinrichtung bleiben, die Plätze also seltener neu belegt werden.

Das Frauenhausteam ergreift jede Chance auf Abhilfe. Im Herbst 2019 wurde das Dachauer Frauenhaus, das in Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt arbeitet, aufgenommen in ein neu aufgelegtes staatliches Förderprogramm „Second Stage“. Dabei soll eine zusätzliche Fachkraft die Frauen gezielt unterstützen bei der Wohnungssuche, soll Kontakte knüpfen zu Wohnungsbaugesellschaften, ein Kooperationsnetzwerk aufbauen. „Aber wir konnten die Stelle bisher nicht besetzen“, berichtet Zarusky. Nun hofft das Frauenhaus-Team auf Unterstützung der Kommunalpolitik zur Schaffung von Übergangswohnungen.

ps

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