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Grünen-Chef Robert Habeck trat am Dienstagabend in Dachau auf - und sprach dabei vor dem größten Publikum, vor dem er nach eigener Aussage je stand.

Norddeutscher Habeck im bayerischen Wahlkampf

Dachauer Festzelt platzt aus allen Nähten, als der Shootingstar der Grünen spricht 

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Der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck hat am Dienstag mit dem Vorurteil aufgeräumt, dass Bierzelt-Kundgebungen ausschließlich eine Spezialdisziplin der CSU seien.

Dachau – Schade, dass Robert Habeck und Sepp Daxenberger sich nicht kennenlernen durften. Der Norddeutsche und der viel zu früh verstorbene Oberbayer hätten sich prächtig verstanden. Nicht nur, dass es dem früheren Bürgermeister von Waging schon vor rund 15 Jahren gelungen war, die Dachauer für sich zu begeistern. Laut Stadtrat Thomas Kreß war das Zelt damals immerhin „zu Dreivierteln voll“! 

Der grüne Landwirt Daxenberger hatte auch das Kunststück fertig gebracht, im tiefschwarzen Oberbayern die Wähler von sich und seiner Politik zu überzeugen. Daxenberger, Gott hab ihn selig, dürfte damit die Personifizierung dessen sein, was Habeck mit Bayern vorhat.

Überaus zufrieden mit dem Abend in Dachau: Die bayerische Spitzenkandidatin Katharina Schulz und Robert Habeck.

2000 Menschen im Dachauer Festzelt - der Ortsverband hat nur 65 Mitglieder

In seiner Partei zählt der aus Schleswig-Holstein stammende Bundesvorsitzende zu den sogenannten Realos. Den einen gilt er dabei als Heilsbringer, Shooting-Star und Stimmensammler. Andere, vor allem im linken Flügel, kritisieren seine Omnipräsenz in Talkshows und seine pragmatischen, zuweilen leicht un-grünen Ansichten.

Genau damit aber traf Habeck im Festzelt den Nerv der Dachauer. 2000 Menschen waren gekommen, um den Grünen zu hören. Für den Dachauer Grünen-Ortsverband und seine 65 Mitglieder wurde der Abend damit, so formulierte es zumindest Moderator Johannes Becher, „zur größten Veranstaltung seiner Geschichte“.

2000 Menschen wollen im schwarzen Oberbayern den grünen Norddeutschen sehen.

Habecks Vorrednerin, die bayerische Spitzenkandidatin Katharina Schulze, machte ihrem Ruf als „Vulkan-Katha“ zunächst alle Ehre. Im Dirndl fegte sie über die Bühne und heizte das Publikum an. „Wir sorgen dafür, dass die dritte Startbahn nicht gebaut wird. Zur Not gewinnen wir noch einen Bürgerentscheid“, versprach sie der Landesregierung. Und den „lieben Grünen und Noch-Nicht-Grünen“ rief sie am Ende überzeugt entgegen: „In 54 Tagen endet die absolute Mehrheit der CSU!“

Keine kraftstrotzenden Bierzeltparolen

Habeck nutzte Schulzes rhetorische Vorarbeit, gab sich aber weit diplomatischer. Der promovierte Philosoph sprach frei und ruhig. Man musste sich durchaus konzentrieren, seinem anspruchsvollen Vortrag folgen zu können. Wer kraftstrotzende Bierzeltparolen erwartet hatte, wurde enttäuscht – ebenso wie diejenigen, die sich von dem Grünen konkrete Ansagen erwartet hatten, wie denn grüne Regierungspolitik in Zukunft aussehen könnte.

Habeck geht es vor allem darum, die Mitte der Gesellschaft für seine Politik zu gewinnen. In Bayern bedeutet dies, in der Hauptsache CSU-Wähler anzusprechen – weshalb er sich in seinem über einstündigen Vortrag auch in erster Linie an der bayerischen Regierungspartei abarbeitete. „Man verliert Stimmen nicht nur nach rechts“, betonte er, „sondern auch, wenn man demokratische Prinzipien mit Füßen tritt“! Überhaupt gehöre kein Land einer Partei. „Wahlen müssen ab und zu verloren gehen. Das gehört einfach zum Wesen der Demokratie.“ Die CSU aber habe Angst vor der Niederlage – diese Angst „riecht man hoch bis zum Nord-Ostsee-Kanal“. Wer aber aus Angst vor einer Niederlage die Partei vors Land stelle, „der gehört abgewählt. Das muss sein“!

Habeck in Dachau: 2000 Menschen kommen ins Festzelt

Habecks Ziel: Eine neue grüne Mitte

Und hier bietet Habeck mit seinen Grünen eine Alternative an: Er wolle „aus alten Widersprüchen neue Bündnisse schmieden“; etwa, indem er – wie Sepp Daxenberger einst – traditionelle Landwirte überzeugt, grün zu wählen. Damit, hofft Habeck, „schaffen wir eine neue politische Mitte“. Die Wahl am 14. Oktober sei damit der „Lackmustest“, ob Wahlen noch in der Mitte gewonnen werden können. 

Die Bayern müssten sich fragen, ob sie eine Politik der Angst oder der Ermutigung wollten. Falls sie sich für eine „politische Kultur, die sich wieder um das Gemeinwesen kümmert“, entscheiden, dann glaubt Habeck, „schaffen wir ein neues Bayern“. Er sage dafür schon heute: „Danke. Und let’s go.“

Interview mit Robert Habeck: “Wir Grünen wollen nicht spalten“

Herr Habeck, Glückwunsch, Sie haben soeben ihre Bierzelt-Prüfung bestanden. Wie fanden Sie’s? 

Es war ganz anders als erwartet. Ich hatte gedacht, dass das Publikum viel lauter ist, dass da getrunken und geredet wird und mir keiner zuhört. Stattdessen war es sehr konzentriert und intensiv! 

Wie haben Sie sich vorbereitet? Kann man Bierzelt-Reden üben?

Ich habe mich auf dem Hinweg tatsächlich gut vorbereitet, noch mal viel über Bayern gelesen, also aktuelle Entwicklungen und letzte Zahlen gecheckt. Aber einzelne Sätze geübt oder so? Ne, das mach ich nicht. 

Im konservativen Landkreis Dachau jubeln Ihnen 2000 Menschen zu, darunter sogar einige Vertreter der örtlichen CSU. Wie erklären Sie sich das? 

Ich glaube, es gibt einfach ein Bedürfnis nach Diskurs, eine Sehnsucht nach politischer Debatte. Wir Grünen sind durchaus bereit zu streiten, was wir aber nicht wollen ist spalten. Unser Ziel ist, die Menschen mitzunehmen. 

Umfragen deuten darauf hin, dass die Grünen in der Region im Oktober mehr Stimmen bekommen könnten als die SPD. Haben Sie manchmal Mitleid mit den Genossen? 

Nein, wir machen einfach weiter unser Ding. Allerdings sind mir Zahlen und Umfragewerte ohnehin nicht wichtig. Ich wünsche der SPD alles Gute. Aber ob die SPD nun mehr oder weniger Stimmen hat als wir, darum geht es mir nicht. Worum es mir geht, ist, was wir mit unserer Gesellschaft machen, das ist interessant! 

Mehr zum Wahlkampf auf Merkur.de: CSU-Generalsekretär Blume spricht in Freising: Kein Platz für „Multi-Kulti-Fantasien“

Der bayerische Wahlkampf nimmt Fahrt auf, momentan vor allem auch auf Twitter und Facebook. Die CSU teilt nun nach dem „Söder macht‘s“-Coup gegen die SPD aus.

Interview: zip

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