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Hier darf jeder sein, wie er sich gerade fühlt: Sabine Kronauer (l.) und Leonore Hiebsch haben das Café Heilbar als Ergänzung zum Angebot des Palliativteams Dachau ins Leben gerufen. 

Die „Heilbar“ öffnet am Freitag in Dachau 

Ein Kraftraum für die Seele -  Neues Angebot des Palliativteams Dachau

  • vonChristiane Breitenberger
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Menschen, die mit einer schweren Krankheit oder dem Tod konfrontiert sind, fühlen sich oft orientierungslos, hilflos. Ab morgen gibt es einen neuen Ort in Dachau, an dem es für sie Trost und Unterstützung gibt: die „Heilbar“.

Dachau – Tod. Sterben. Leider immer noch Tabu-Themen in der Gesellschaft. Das will das Palliativteam Dachau ändern. Mit einem völlig neuen, bisher einzigartigen Konzept. Am morgigen Freitag eröffnet die „Heilbar“, ein Café, ein Kraftraum für die Seele. „Wir wollen das Thema Tod wieder dahin rücken, wo es eigentlich hingehört, in die Mitte der Gesellschaft, nicht an ihren Rand“, sagt die Sozialpädagogin Sabine Kronauer. Sie hat zusammen mit der Theologin Leonore Hiebsch und Brigitte Schwab das Konzept ins Leben gerufen. Sie alle engagieren sich im Palliativteam Dachau, wissen, was Menschen in schwierigen Situationen brauchen.

Die „Heilbar“ soll ein offener Ort für jeden sein, der irgendwie mit dem Thema Abschied zu kämpfen hat. Es soll ein Ort sein, an dem man nichts muss, an dem aber viel möglich ist. Es gibt einen abgetrennten Beratungsbereich, Kaffee, Tee und andere alkoholfreie Getränke – auf Spendenbasis. Man kann mit anderen, denen es ähnlich geht, ins Gespräch kommen – muss aber nicht. Auf den Café-Tischen stehen Aufsteller, mit denen Besucher signalisieren können: Ich will für mich sein, oder: Ich möchte Gesellschaft. „Wir wissen, wie es Menschen geht, die jemanden verlieren werden oder verloren haben“, sagt Leonore Hiebsch, „wissen, was sie brauchen“. Und das geht oft über das hinaus, was das Palliativteam leisten kann, denn: Damit das Team helfen darf, müssen ganz spezielle Voraussetzungen erfüllt sein. Das ist bei der „Heilbar“ anders: Wirklich jeder kann kommen.

Es ist ein Ort, an dem Menschen Trost, Unterstützung und Beratung finden können – und das in einer gemütlichen Café-Atmosphäre mit Leseecke und Bücherregal, Loungesesseln sowie einer Kaffeetheke. „Hier sollen sie einfach mal den Kopf frei bekommen, Gelegenheit haben, durchzuschnaufen und zu überlegen: ’Was brauche ich eigentlich gerade?’“, erklärt Sabine Kronauer.

Sie weiß, wie schwer es oft für Trauernde ist, einen Ort zu finden, an dem sie sich wohlfühlen. „Zu Hause fällt einem irgendwann die Decke auf den Kopf, sie wollen aber auch nicht immer und immer wieder ihre ihnen nahe stehenden Menschen „volljammern“, doch in normale Cafés will man oft auch nicht, denn: Dort wird ein bestimmtes Verhalten von einem erwartet. In der „Heilbar“ wird nichts erwartet „hier kann jeder einfach sein, wie er sich an dem Tag fühlt“, betont Kronauer. Egal ob supertraurig, wütend, erschöpft, oder ob man einen guten, fröhlichen Tag hat. Kronauer und Hiebsch wissen, welche Folgen es hat, dass das Thema Tod meist ein Tabuthema ist. „Obwohl davon wirklich jeder betroffen ist, ist dafür „in unserer Gesellschaft eigentlich kein Platz“, weiß Kronauer. „Man soll möglichst schnell wieder funktionieren oder nur auf eine bestimmte Art trauern.“ Doch Menschen und die Arten zu Trauern sind völlig unterschiedlich – in der „Heilbar“ darf jeder so sein, wie es sich für ihn richtig anfühlt.

„Heilbar“, ein Name, der viel verspricht. Wohlwissend, „dass eben vieles nicht heilbar ist, soll die Heilbar trotzdem ein Ort sein, an dem man wieder Kraft tanken kann. Wir wollen, dass die Menschen rausgehen und sich wieder etwas gestärkt fühlen. Mehr können und wollen wir gar nicht versprechen“, sagt Leonore Hiebsch.

„Wir öffnen genau zur richtigen Zeit“, ist sich Hiebsch sicher. Wegen der Corona-Pandemie war das Thema Tod plötzlich allgegenwärtig. „Die Medien waren voll davon.“ Und das Sterben, um das es ging, war kein angenehmes. Mit Beatmungsgeräten, ganz allein im Krankenhaus, niemand kann sich verabschieden. „Wir denken, das hat viele veranlasst, sich mit dem Tod zu beschäftigen.“ In der „Heilbar“ sind sie mit ihren Gedanken nicht allein, können sie teilen.

Eröffnung

Die „Heilbar“ in der Schleißheimerstraße 5 in Dachau feiert am morgigen Freitag von 10 bis 18 Uhr Eröffnung.

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