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„Andere Trauerkultur“

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Robert Kraus beklagt eine „kalte“ Trauerkultur. © sim

Robert Kraus ist seit 25 Jahren Bestatter, es gibt fast nichts, was er nicht schon erlebt hätte. Aber zur Zeit sagt der 49-Jährige: „Es ist ein seltsames Feeling momentan.“

Dachau – Denn: Die Corona-Pandemie habe seine Arbeit verändert. Der 49-jährige meint damit aber nicht, dass er jetzt im Stundentakt beerdigen müsse, wie manche Verschwörungstheoretiker über soziale Medien verbreiteten und so unnötig Angst und Panik in der deutschen Bevölkerung schürten. Viel mehr besorgt ihn, dass ihm die dringend benötigte Schutzausrüstung knapp werden könnte. Bestatter, so Kraus, würden nämlich nicht als systemrelevant gelten und damit auch nicht mit Einweghandschuhen und

-schürzen, Mundschutz und Desinfektionsmittel beliefert. „Wir hoffen auf neues Material vom Bestatterverband“, so Krauss, der gleichzeitig auch betont, dass alles derzeit nicht nur schwer zu bekommen sondern auch deutlich teurer geworden sei.

Was Robert Kraus und seinem Team aber noch viel mehr zu schaffen macht als die veränderte Arbeitsweise, ist die Tatsache, dass „keine normale Trauerkultur mehr möglich ist“, bedauert der Bestattungsunternehmer. Trauergespräche fänden hinter Plexiglasscheiben statt. Begrüßung und Beileidsbekundung per Handschlag – Fehlanzeige. Lange Gespräche zur Trauerbewältigung und Aufarbeitung – unmöglich. „Auch die Pfarrer arbeiten im verkürzten Verfahren“, berichtet Kraus.

Momentan dürfen nur noch zehn Angehörige bei der Beerdigung dabei sein. Viele halten den Mindestabstand ein. Kraus muss aber auch miterleben, dass sich einige nach wie vor umarmen. „Da bin ich dann schon so ehrlich und spreche die Leute drauf an, dass man das unterlassen sollte.“

Nach der Krise, hofft Kraus jedoch, „wird unsere Arbeit und unsere Trauerkultur hoffentlich wieder ganz normal stattfinden können, ohne die derzeitigen Einschränkungen“. Und jeder soll sich wieder von dem Verstorbenen verabschieden können, am Grab, im Gottesdienst – „ohne abgewiesen werden zu müssen“.

Dass das noch eine Weile dauern wird, davon ist Ralf Hanrieder vom gleichnamigen Bestattungsunternehmen in Dachau überzeugt. „Ich fürchte, dass unsere Branche die letzte sein wird, die sich öffnet“, prognostiziert der Bestattermeister. Wie sein Kollege Kraus kritisiert er dabei jedoch, dass die Bestattungsunternehmen als nicht systemrelevant eingestuft würden. Über Ebay habe er sich mit Schutzanzügen vor einigen Tagen noch eindecken können – zu einem horrenden Preis! Doch ausreichend Schutzkleidung sei wichtig: „Sie können nicht vormittags einen Verstorbenen aus dem Krankenhaus abholen und dann später mit der gleichen Ausrüstung ein Altenheim betreten!“

Von der Politik fühlt sich Hanrieder daher im Stich gelassen, auch der Bestatterverband habe da nichts ausrichten können, um die Bestattungsunternehmen in die vorderste Reihe der Bezugsberechtigungen von Schutzausrüstung zu bekommen. Etwa 1500 Familien betreut das Dachauer Bestattungsunternehmen jährlich. Was passiert, wenn sich einige seiner Mitarbeiter infizierten und dann in Quarantäne müssten, das mag sich der Geschäftsmann gar nicht ausmalen.

Auch die Corona-bedingte Trauerkultur beschäftigt ihn: „Es hat sich alles komplett verändert. Aber der Schmerz bleibt“, beschreibt Ralf Hanrieder die Situation. Särge beispielsweise dürften aufgrund einer Anweisung des Innenministeriums nicht mehr geöffnet werden. Abschied nehmen sei nicht mehr möglich, solange ein Patient nicht zuhause verstorben sei. Beratungsgespräche fänden nur noch online statt. Wenn es überhaupt zu persönlichem Kontakt komme, dann trügen seine Mitarbeiter, die nun alle in großem Abstand von einander sitzen, die in Krankenhäusern medizinischen FFP-2-Masken. Von älteren Menschen höre er manchmal, dass es sich anfühle „wie damals im Krieg“.

sim

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