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Kleine Patienten müssen im Notfall künftig nach München fahren.

Wartezeit in Bereitschaftspraxen würde sich verkürzen – Krankenschwester berichtet

Kinder: Notdienst nur für wirkliche Notfälle

Der kinderärztliche Notdienst im Landkreis Dachau ist vergangene Woche aufgelöst worden (wir berichteten). Dies hat für Empörung gesorgt, vor allem bei Eltern. Auch eine Kinderkrankenschwester meldete sich zu Wort. 

Dachau – Die fünf Ärzte aus dem Landkreis Dachau, die zuletzt in ihren Praxen den kinderärztlichen Notdienst im Landkreis aufrecht erhielten, übernehmen seit Anfang Oktober Schichten an Feiertagen und Wochenenden in den Münchner Bereitschaftspraxen wie im Klinikum Dritter Orden. Doch nicht wegen Personalmangels in München oder einer Entscheidung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB), wie zunächst an die Dachauer Nachrichten herangetragen, sondern auf eigenen Wunsch der Kinderärzte. Anita Sommer, praktizierende Kinderärztin in Karlsfeld, klärt auf: „Wir waren zuletzt fünf Ärzte für den Notdienst im Landkreis gewesen. Die Gruppe war zu klein für die hohe Belastung. Zusätzlich fehlte uns Personal, das mit uns die Schichten am Wochenende und Feiertagen übernehmen konnte.“ Demnach hatten sich die fünf Ärzte gemeinsam dafür entschieden, auf die KVB zuzugehen.

Lesen Sie dazu auch: In Dachau gibt es bald keinen kinderärztlichen Notdienst mehr

So ergaben sich zwei Möglichkeiten: den Notdienst komplett auflösen oder nach München verlegen. „Wir wollten uns nicht komplett auflösen, weil uns das Leid getan hätte“, erzählt Sommer weiter. So entschieden sie sich, Schichten in München zu übernehmen. Auch KVB-Regionalleiter Guido Zdrenka, der bei allen Gesprächen dabei war, bestätigt dies. Er betont: „Betroffene Eltern sollten unbedingt die 116 117 anrufen. Hier wird ihnen die nächstgelegene, dienstbereite Bereitschaftspraxis genannt.“ Das bedeutet für die Eltern, die an der Landkreisgrenze wohnen, dass sie auch nach Fürstenfeldbruck, wo es einen landkreisweiten kinderärztlichen Notdienst gibt, nach Augsburg oder zu den hausärztlichen Bereitschaftspraxen in Dachau oder Indersdorf verwiesen werden. „Man muss mit einem Kind oder Jugendlichen nicht immer zwingend zu einem Kinderarzt – oft behandelt auch der Hausarzt“, informiert Zdrenka.

Die Angst vor langen Warte- oder Fahrzeiten besteht bei Eltern dennoch. Deshalb appelliert eine Kinderkrankenschwester, die nicht genannt werden will, an die Eltern: Wartezeiten würden sich rapide verkürzen und die Belastung der Kliniken sich verringern, wenn auch nur „wirkliche Notfälle“ den Notdienst nutzen würden. „Der Notdienst wird als solcher nicht mehr gesehen, sondern mehr als Arzt-Service für das Wochenende“, erzählt die Kinderkrankenschwester. „Ein Zeckenbiss, ein Mückenstich, Schnupfen oder zweitägige Verstopfung sind beispielsweise keine Notfälle“, klärt sie auf. „Es kommt leider auch sehr häufig vor, dass Eltern mit gesunden Kindern für einen ‚Urlaubs-Check-Up’ zum Notdienst kommen“, erzählt sie.

Drohungen und Beleidigungen von verärgerten Eltern stünden außerdem bei ihr an der Tagesordnung. „Einige Eltern verstehen nicht, dass beispielsweise ein Kind mit Platzwunde vor einem Kind mit Schnupfen dran kommt“, schildert sie. Fast unfassbar für die Kinderkranenschwester, die auch in Germering in einer Kinderarztpraxis arbeitet: „Bei 80 bis 90 Prozent der Kinder, die zum Notdienst in die Praxis kommen, handelt es sich um keinen Notfall.“ Die Belastung durch die „Lappalien“ sei damit unnötig hoch. „Bei kleinen Kindern mit Fieber ab 39,5 Grad oder Fieber bei Babys unter drei Monaten, ein akuter Asthmaanfall oder Verdacht auf Streptokokken und Platzwunden sind durchaus Notfälle.“

Oberbürgermeister Florian Hartmann bedankt sich in einem Schreiben bei den Ärzten im Landkreis, die sich teilweise jahrzehntelang im kinderärztlichen Notdienst engagiert haben. 2017 war Dr. Heinrich Lehn, der 1988 zusammen mit anderen Dachauer Kinderärzten den Kindernotdienst gründete, vom Dachauer Stadtrat mit der Goldenen Bürgermedaille ausgezeichnet worden. „Eine wohnortnahe ärztliche Versorgung unserer Kinder auch an Feiertagen und Wochenenden stünde uns gut zu Gesicht“, findet Hartmann. Immerhin sei laut Prognosen der Landkreis Dachau in den kommenden Jahren der am stärksten wachsende Landkreis Bayerns. Doch: „Ärzte, die Notdienste übernehmen, und Fachkräfte wachsen nicht auf Bäumen“, weiß Guido Zdrenka.

Miriam Kohr

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