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Ein Touristenmagnet: Rund eine Million Menschen besuchen jedes Jahr die KZ-Gedenkstätte Dachau. Nur das Schloss Neuschwanstein und das Deutsche Museum in München zählen mehr Besucher.

Lokalpolitiker machen in Sachen Sanierung Druck

KZ-Gedenkstätte braucht den „großen Wurf“

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Die Dachauer KZ-Gedenkstätte müsste dringend saniert und um zusätzliche Seminarräume erweitert werden. Doch für die teuren Maßnahmen fehlt dem Freistaat bislang das Geld sowie ein Konzept, wie die Gedenkarbeit künftig überhaupt gestaltet werden soll. Lokalpolitiker machen nun Druck.

Dachau – „Unwürdig“ und „verlottert“ sei die Dachauer KZ-Gedenkstätte in vielen Bereichen, die 1964/65 rekonstruierten Baracken „marode“, klagte der damalige SPD-Landtagsabgeordnete Martin Güll im Frühjahr 2016. Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann bekannte, das Bitten um zusätzliches Personal sei ein „stetiger, vergeblicher Kampf“; wenn man wolle, dass sich Schüler zeitgemäß und intensiv mit der Dachauer Zeitgeschichte auseinandersetzten, dann sei dies, „so, wie sie jetzt betreut werden, nicht möglich“.

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Seit diesem Hilferuf sind knapp vier Jahre vergangen, getan hat sich: nicht viel. Die im Jahr 1964/65 rekonstruierten Baracken sind marode, zur besseren Nachbereitung der Besuche bräuchte es gerade für Schulklassen weitere Seminarräume und über allem schwebt die Frage, wie es mit dem Areal des ehemaligen „Kräutergartens“ weitergehen soll. Auf der rund 140 Hektar großen Fläche östlich der Alten Römerstraße hatte die SS einst eine „Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung uns Verpflegung“ betrieben; die noch heute sichtbaren Gewächshäuser sind stumme Zeugen dieser auf Zwangsarbeit beruhenden landwirtschaftlichen Tätigkeit.

Schwer belastet, aber nur in menschlichem Sinne: die Gewächshäuser am ehemaligen KZ Dachau.

Laut Oberbürgermeister Florian Hartmann hatte die Stadt den Grundstücksteil mit den Gewächshäusern bereits vor eineinhalb Jahren dem Freistaat zum Kauf angeboten – zum Preis von 1 Euro. Bislang habe der Freistaat gezögert, da er Altlasten im Boden vermutet. Hartmann aber betont, dass sich diese mit Schmierstoffen kontaminierten Flächen lediglich im nördlichen Teil des ehemaligen „Kräutergartens“, also dort, wo heute noch die früheren SS-Verwaltungsgebäude stehen, befänden. Die Grundstücke mit den Gewächshäusern seien dagegen unbelastet. Sollte sich daher der Freistaat irgendwann entschließen, das Angebot der Stadt anzunehmen, dann, so Hartmann, „wären wir bereit. Wir können morgen zum Notar gehen“!

Bis diese Zusage aber kommt, werden die Gewächshäuser weiter vor sich hin rotten. Immerhin: Im Stiftungsrat Bayerischer Gedenkstätten gibt es laut dem OB mittlerweile „sehr viele Ideen“, wie es – nicht nur mit dem „Kräutergarten“, sondern der gesamten Gedenkstätte – künftig weitergehen soll. Aktuell werde ein Konzept erarbeitet. Der OB, der nach eigenem Bekunden „seit Jahren“ im Stiftungsrat Investitionen anmahnt, glaubt nun endlich zu erkennen, dass man „gewillt ist“, Geld in die Hand zu nehmen. Und zwar viel Geld: Summen in dreistelliger Millionenhöhe stehen im Raum.

In seinen Forderungen unterstützt wird Hartmann auch von der CSU im Landkreis. Bundestagsabgeordnete Katrin Staffler betonte zuletzt bei einem Ortstermin, dass „Zeitzeugen aus Fleisch und Blut bald nicht mehr sein werden“. Daher würden „Zeitzeugen aus Stein umso wichtiger“. Die Tatsache, dass rund eine Million Menschen pro Jahr die Gedenkstätte besuchten – mehr Gäste zählen nur Schloss Neuschwanstein und das Deutsche Museum – sei „Anspruch und Verpflichtung zugleich, in pädagogisch wertvoller Weise eingängliche Informationen über den beispiellosen Tabubruch zu liefern, der sich hier ereignet hat“.

Landtagsabgeordneter Bernhard Seidenath fordert zudem – neben der Sanierung der bestehenden Gebäude – auch eine Förderung der Wissenschaft: „In Dachau sollte sich eine Dependance der Ludwig-Maximilians-Universität München ansiedeln – zur weiteren Intensivierung von Forschung und pädagogischer Arbeit. Weil es im Landkreis Dachau bisher keinerlei universitäre Einrichtungen gibt, wäre dies ein deutliches Signal.“

Doch für dieses „Signal“ fehlte bislang nicht nur das Geld, sondern auch der Platz. Zusätzliche Seminarräume für Schulklassen oder gar eine Uni-Filiale wären nämlich nur auf dem an das Gedenkstättengelände angrenzende Areal der Bereitschaftspolizei möglich. Die Polizei jedoch, so OB Hartmann, benötige die dortigen Gebäude selbst. Und weitere Bauten seien aus denkmalschutzrechtlichen Gründen schwierig bis unmöglich: „Auf dem Grundstück war früher eine SS-Siedlung, zudem gibt es dort sogenannte Sichtachsen zum früheren KZ-Gelände.“ Der Freistaat selbst, der im Bepo-Bereich gerade eine neue Polizeiinspektion bauen will, kann von den Einschränkungen dort ein Lied singen.

Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, ist daher dankbar für jede Art der Unterstützung von Mandatsträgern, schließlich gehe es hier um mehr als „bloße Flächen und Gebäude. Es geht um einen Mahnort sowie einen Lernort für Demokratie“! Diesen fit zu machen für die Zukunft, dafür brauche es nun einen „großen Wurf“. Und der sei eine „Gemeinschaftsaufgabe des Freistaats, der Bundesrepublik und der Europäischen Union“.

Ein FC Bayern München-Star besuchte an seinem freien Tag die KZ-Gedenkstätte in Dachau. Dabei richtete er einen Appell an seine Fans und erntete Lob.

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