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Vor zahlreichen Besuchern nutzte Paul Wallace die Gedenkveranstaltung zu einem Appell.

Dachauer Großeltern wurden in Auschwitz ermordet 

Wenn die Enkel zu Zeitzeugen werden

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Vor 81 Jahren sind Max und Melitta Wallach aufgrund ihrer jüdischen Herkunft aus Dachau vertrieben worden. Sie wurden in Auschwitz ermordet. Ihre Enkel Mark und Paul Wallace besuchten jetzt Dachau.

Dachau– Die Nazis haben bei den Novemberpogromen am 9. November 1938 jüdische Bürger aus ihrem Zuhause getrieben. 10 000 Juden aus ganz Deutschland wurden noch im selben Jahr in das KZ Dachau deportiert. Dachauer Bürger mit jüdischer Herkunft wurden aus der Stadt vertrieben – wie Max und Melitta Wallach, die in der Hermann-Stockmann-Straße die Trachtenfabrik des Volkskunsthauses Wallach leiteten. Das Paar mit Sohn Franz floh zu Verwandten nach Paderborn. Der 15-jährige Franz wurde im Juli 1939 mit einem kirchlich organisierten Kindertransport nach England gebracht. Max und Melitta Wallach wurden 1943 in Auschwitz ermordet.

Ihre Enkelsöhne Paul und Mark Wallace waren am Samstag in Dachau zu Gast. Sie hatten sich intensiv mit ihrer Familiengeschichte auseinandergesetzt. Bei der Gedenkveranstaltung im Rathausfoyer, bei der alle Stühle besetzt waren und einige Besucher sich mit Stehplätzen begnügen mussten, schilderten sie chronologisch ihrer Familiengeschichte, zeigten alte Bilder, versehen mit Aufzeichnungen.

Sie erzählten von der Ankunft ihres Vaters Franz in England, von vergeblichen Versuchen, Sponsoren zu finden, um seine Eltern aus Deutschland nach England zu holen. Er schrieb ihnen fast täglich Briefe. „Wir haben sie später gefunden in seinem Besitz, es sieht so aus, als ob keiner je angekommen ist“, so Mark Wallace.

Nach dem Besuch einer Internatsschule in Bath ging Franz Wallach zum Maschinenbau-Studium nach Birmingham, wo er auch promovierte. Er heiratete und benannte sich um in Frank Wallace. Nachdem er eine Professur an der Universität in Belfast angenommen hatte, ging er 1966 zurück nach Bath.

Intensiv mit der eigenen Familiengeschichte befasst hat sich Mark Wallace.

Als im Jahr 2005 die ersten Stolpersteine in Dachau verlegt wurden, kehrte Frank Wallace zurück nach Dachau. Vor zehn Jahren verstarb Wallace.

Nun waren es seine Kinder, die nach Dachau zurückkehrten – voller Dankbarkeit, dass hier am Samstag ihrer Großeltern gedacht wurde. Paul Wallace wandte sich mit sehr persönlichen Worten an die Besucher: „Unsere Erinnerung an unsere Großeltern besteht aus ein paar vergilbten Fotos, einer tiefen Trauer und einer Stille über ihr Leben und die Umstände, die zu ihrer Ermordung geführt haben“. Ihr Vater Frank und ihre Mutter Ruth konnten erst spät mit ihren Kindern und Enkelkindern über das Erlebte sprechen. „Aber trotzdem ist eine große innere Stärke erwachsen daraus, was sie erlebt haben, und aus der tiefen Liebe zu ihren Eltern. Und sie entwickelten eine Lebensfreude, mit der sie uns angesteckt haben.“

Oberbürgermeister Florian Hartmann bedankte sich für das Kommen der Enkelkinder von Max und Melitta Wallach. „In einer Zeit, in der wir mit erschreckendem Maße den Verlust von Zeitzeugen zu beklagen haben“, sei es von großer Wichtigkeit, dass Kinder und Enkel von der Familiengeschichte berichten. Es sei ein großes Glück, so Hartmann, dass Nachfahren bereit sind zurückzukehren an den Ort,von dem ihre Vorfahren so grausam vertrieben wurden.

Paul Wallace nutzte die Gedenkveranstaltung zu einem Appell. „Wir sind Zeugen eines unaufhaltbaren Anstiegs von Rassismus und Populismus. Hat die Welt vergessen, dass der Holocaust aus diesem Populismus heraus entstanden ist? Verweigert sich die Welt anzuerkennen, dass es diese Entwicklung bereits gibt?“ Darauf habe er keine Antwort, sagte Paul Wallace.

Aber diese Zusammenkunft solle dazu beitragen, „die Wachsamkeit aufrecht zu erhalten – und das Bewusstsein für die Umstände, die zum Tod meiner Großeltern geführt haben“.

Der Vortrag von Paul und Mark Wallace wird am Montag, 11. November, 19 Uhr bei der Eröffnung der Ausstellung über die Novemberpogrome im Ignaz-Taschner-Gymnasium wiederholt.

Mit der Geschichte seines Großvaters beschäftigte sich auch Björn Mensing, der Pfarrer der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau.

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