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Baumärkte offen, Musikschulen zu: Das findet der 78-jährige Musikschüler Heini Buckenm aier (rechts) „absurd“. Einmal nur durfte er in letzter Zeit mit seinem Schlagzeuglehrer Harald Schuhbauer üben.

Musikschulen beklagen plötzliche Kehrtwende der Staatsregierung 

Widerruf bringt Musiklehrer in Rage

Die Musikschulen kämpfen ums Überleben. Da schien die Erlaubnis zum Einzelunterricht ein Segen. Doch die wurde eine Woche später von den Behörden wieder zurückgezogen.  

Dachau – „Jetzt geht’s an die Substanz. Und wir dachten schon, wir kommen mit einem blauen Auge davon“, fasst der Dachauer Schlagzeuglehrer Norbert Siegl seine Situation und die seiner Lehrer und Kollegen zusammen. Am Montag, 20. April, hatte er vom Gesundheitsamt das offizielle Okay bekommen, seinen Schlagzeugunterricht unter strengen Auflagen wieder aufnehmen zu dürfen – nur fünf Tage später kam dann das Dementi. „Aufgrund der Weisung des bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege müssen wir unsere bisher erteilten Auskünfte dahingehend abändern, dass der Einzelunterricht nur entweder online oder im Haus des Schülers/der Schülerin, nicht beim jeweiligen Musiklehrer/der jeweiligen Musiklehrerin stattfinden darf“, befand das Landratsamt in einem Statement.

Ein Schlag auch für Tilo Ederer von der Knabenkapelle Dachau.Er und sein Team hatten gerade alles für den Unterricht vorbereitet. Wie beispielsweise deutlich restriktivere Abstandsregeln als die 1,50 Meter beim Spazierengehen, was natürlich gerade beim Einsatz von Blasinstrumenten sinnvoll ist.

Es wurden Markierungen angebracht, Infotafeln aufgestellt, Handdesinfektions- und Waschgelegenheiten dementsprechend eingerichtet bzw. umstrukturiert. Zu jeder Unterrichtsstunde hätte nur ein Schüler für 30 Minuten kommen dürfen, der in eine entgegengesetzte Richtung im Abstand von acht Metern zum Lehrer gestanden hätte. Für alles wäre vorgesorgt gewesen.   

Genauso wie bei „Drums“, der Schlagzeugschule von Norbert Siegl, bei der der Unterricht schon angelaufen war, als das Dementi kam. „Die Schüler sind mit Mundschutz zu mir gekommen, haben sich erst mal die Hände gewaschen und durften dann erst den Unterrichtsraum betreten“, erklärt der Schlagzeuglehrer das Prozedere. Im Raum selbst hatte er die Schlagzeuge so aufgestellt, dass Lehrer und Schüler nicht in dieselbe Richtung schauten und mehrere Meter voneinander entfernt saßen. Also alles vorschriftsmäßig.   

„Eltern, Schüler und Lehrer hatten Vertrauen in die Maßnahmen gesetzt und sich wahnsinnig gefreut, endlich wieder mal Musik machen zu dürfen“, sagt Siegl – ein seelisch wichtiger Aspekt in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen während der Corona-Pandemie. Ein Stück Normalität. „Dass wir jetzt nicht mehr unterrichten dürfen, ist ein ziemlicher Schlag für uns Lehrer und die Schüler“, bedauert Norbert Siegl das Umschwenken des Landratsamtes.

Tilo Ederer kann ebenfalls nicht verstehen, warum die Behörde ihr Okay innerhalb weniger Tage wieder zurücknahm. Warum hingegen der Unterricht beim Schüler zuhause erlaubt wird, verstehen weder Ederer noch Siegl.

Eine Lehrerin der Knabenkapelle umschrieb die Bedenken der Musiklehrer folgendermaßen: „In Privathaushalten kann ich einem möglicherweise vorhandenen Virus allerdings nicht aus dem Weg gehen und würde ihn von einem ins nächste Haus tragen. Daher macht mich diese Regelung fassungslos“, heißt es in dem Statement, das den Dachauer Nachrichten vorliegt.

Siegl sprach daraufhin beim Landratsamt vor, erhielt jedoch bislang keine Antwort, weder telefonisch, noch per E-Mail. Auch von der Politik fühlt sich der Dachauer Schlagzeuglehrer im Stich gelassen. Im Gegensatz zu anderen Branchen gibt es für freischaffende Künstler bisher keine konkreten Hilfsmaßnahmen. Die ursprüngliche Zusage hätte geholfen, die Einkommenssituation für die Musikschulen in Dachau erträglich zu gestalten.

Wolfgang Reichelt, Pressesprecher des Landratsamts Dachau, bedauert die Rücknahme der „widerruflich erteilten Ausnahmegenehmigung“ sehr. Landrat Stefan Löwl stehe im engen Kontakt mit der Regierung und versuche in allen Bereichen, nicht nur bei den Musikschulen, „eine bürgerfreundliche Auslegung der Maßnahmen“ zu erreichen. Nachdem das Landratsamt vergangene Woche nach Rücksprache mit dem Dachauer Gesundheitsamt den Unterricht in den Musikschulen unter strengen Auflagen genehmigt hatte, sei nur wenige Tage später von der Staatsregierung ein neuer „Vollzugshinweis“ gekommen, der strikt und streng ausgelegt werden müsse, so die oberste Weisung, an die sich auch der Landkreis Dachau zu halten habe, erklärt Reichelt.

So musste das Landratsamt die Ausnahmegenehmigung wieder zurücknehmen. Begründet wurde dieser Schritt von der bayerischen Staatsregierung nicht.

Marcus Faiss, Leiter der „Bluenote Musicschool“ in Dachau, war zunächst stinksauer über die Vorgehensweise des Landratsamtes. Er sei „entsetzt“ über den Vorschlag, Unterricht in den privaten Haushalten der Schüler abzuhalten. „Wir sind uns sicher, dass wir die Hygienemaßnahmen in unseren Räumlichkeiten ohne Probleme einhalten können. Wir können aber nicht gewährleisten bzw. erwarten, dass dies auch von allen Schülern zuhause so umgesetzt werden kann“, so der Musiklehrer. Wie sein Dachauer Kollege Norbert Siegl kritisiert Marcus Faiss auch die vorhandenen finanziellen Hilfsmaßnahmen der Regierung als unzureichend. Weitere Monate mit diesem Arbeitsverbot könne er nicht mehr überbrücken, klagt Marcus Faiss. Er fordert die Verantwortlichen auf, einen Weg zu finden, um „unter Wahrung des Infektionsschutzes den Unterrichtsbetrieb wieder aufzunehmen“.

Hart trifft es nicht nur die Inhaber und Lehrer der Musikschulen; auch die älteren, wie etwa Heini Buckenmaier (78). Er ist seit Anfang der 1990er-Jahre Schüler bei „Drums“. Seinen Lehrer Harald Schuhbauer hat er letzte Woche endlich mal wieder sehen und mit ihm üben dürfen. „Das war hervorragend, ich hatte ja schon Entzugserscheinungen“, beschreibt der 78-Jährige seine Gefühlslage. Obwohl er selbst in verschiedenen Bands spielt und viel Erfahrung hat, genießt er den Unterricht nach knapp 30 Jahren immer noch sehr.

Warum die bayerische Staatsregierung den Unterricht in Musikschulen verbietet, die Baumärkte aber geöffnet haben dürfen, kann er nicht nachvollziehen. „Das finde ich absurd“, so Buckenmaier. Seinen Humor und seine Liebe zur Musik will sich der Dachauer Hobbymusiker trotzdem nicht nehmen lassen. Sauer ist er aber, dass die Kultur „immer hinten ansteht“. Der Mensch brauche die Kultur wie die Luft zum Atmen, betont er. Doch die bayerische Staatsregierung sieht das derzeit wohl anders.

sim

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