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Was tun, wenn man arm ist? Bei einer Podiumsdiskussion versuchten die Teilnehmer - unter anderem Stefan Löwl, Lena Wirthmüller, Professor Egon Endres, Sylvia Neumeier und  Paul Polyfka (v.l.) -Antworten darauf zu geben.

Diskussionsrunde

Armut ist nur gemeinsam zu bewältigen

Wer arm ist, hat im Landkreis Dachau einige Hilfsmöglichkeiten. Das wurde beim zweiten Treffen des Netzwerks zur Verbesserung der Lebenssituation von Menschen mit geringen finanziellen Ressourcen deutlich.

VON R.-DIETMAR SPONDER

Dachau – Zum zweiten Mal hat sich das Netzwerk zur Verbesserung der Lebenssituation von Menschen mit geringen finanziellen Ressourcen auf Einladung von Caritas-Kreisgeschäftsführerin Heidi Schaitl getroffen. Im Saal des BRK-Kreisverbands stellten die fünf Arbeitsgruppen ihre Arbeit vor und formulierten Forderungen für die Zukunft. Moderator war Professor Egon Endres, Sozialwissenschaftler qan der Fachhochschule München.

. Eine ärztliche Versorgung im Landkreis auch für jene aufzubauen, die keine Krankenversicherung mehr haben, lautet das Ziel bei der Arbeitsgruppe Gesundheit und Armut nach den Worten von Sylvia Neumeier von der Drogenberatungsstelle Drobs. Vorbild ist das Münchner Ärzte-der-Welt-Projekt „open.med“.

. Den richtigen Umgang mit Geld zu vermitteln, ist das Ziel der Arbeitsgruppe Bildung und Armut, vorgestellt von Catrin Müller. Präventiv soll das Thema bereits in den Schulen vermittelt werden.

. Wissensdefizite etwa bei Beratungsgesprächen abbauen ist nach den Worten von Sascha Neumeier das Ziel der Arbeitsgruppe Arbeit und Armut. Gewünscht ist ein Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Poll in Zusammenarbeit mit dem Job-Center.

. Die Arbeitsgruppe Armut im Alter will laut Martina Ernst Senioren zeigen, wohin sie sich im Ernstfall wenden können. Ein niederschwelliges Angebot sei das Seniorenfrühstück im Bürgertreff Dachau-Ost jeden ersten und dritten Freitag im Monat von 10 bis 12 Uhr. Streetworker in der aufsuchenden Seniorenarbeit sollen helfen. Einen Seniorenratgeber gibt es unter www.landratsamt-dachau.de unter dem Punkt „Älter werden“.

. Verschiedene Forderungen der Arbeitsgruppe Wohnen, Wohnungsnot und Armut formulierte Aylin Beqiraj. So müssten die sozialgerechte Bodennutzung in den Landkreisgemeinden ausgebaut und verstärkt Sozialwohnungen gebaut werden. Behelfsunterkünfte seien, ähnlich wie in Karlsfeld, in dauerhafte zu überführen, die Zweckentfremdung von Sozialwohnungen sei zu unterbinden. Fachstellen zur Verhinderung von Obdachlosigkeit nach dem Muster der Großen Kreisstadt Dachau würden gerade von einigen Landkreisgemeinden eingerichtet. Weiter gelte es, Anreize zum Vermieten leer stehender Wohnungen zu schaffen. In diesem Bereich engagiere sich speziell SPD-Stadtrat Sören Schneider.

   Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) meinte, der „kontinuierliche Bau neuer Sozialwohnungen – 63 Millionen Euro sind dafür in den kommenden fünf Jahren geplant – bringt die Stadt an die Grenze ihrer Belastbarkeit.“

Bei der Podiumsdiskussion wies der BRK-Kreisgeschäftsführer Paul Polyfka darauf hin, dass die Dachauer Tafel 1200 Menschen im Landkreis versorge, aber gerade aus dem nördlichen Gebiet seien viele nicht mobil genug, um dieses Angebot auch nutzen zu können.

Die Verfasserin des Armutsberichts für den Landkreis Dachau, Lena Wirthmüller, sagte, es gebe Gemeinden im Landkreis, in denen keine einzige Sozialwohnung gebaut worden sei. Das müsse sich in der nächsten Kommunal-Wahlperiode ändern. Schwabhausens CSU-Gemeinderat und -Bürgermeisterkandidat Florian Scherf, der bei der Stadtverwaltung Dachau arbeitet, versuchte, die Sichtweise kleiner Landgemeinden verständlich zu machen. Seiner Ansicht nach wollten diese „sich keine Fremden aus Dachau oder Karlsfeld herziehen“. Dem widersprach sein Dachauer Stadtverwaltungskollege Florian Göttler: „Wenn die kleinen Dörfer von den Friseuren und Packerlfahrern profitieren, müssen sie die auch in ihrem Dorf ertragen.“

Landrat Löwl meinte: „Es geht bei uns gar nicht primär ums Geld, sondern um Fachkräfte und Logistik. Viel von unserer Armut ist von den hohen Lebenshaltungskosten getrieben.“ Die eigenen vier Wände seien fürs Alter ein Pfund, doch Wohneigentum lasse sich hier wegen der hohen Kosten nur schwer bilden. Löwl regte im Übrigen eine sechste Arbeitsgruppe zum Thema Armut und Klimaschutz unter Beteiligung des Kreisjugendrings an, die sich tatsächlich spontan gründete.

Heinz Paepke, Stiftungsrat in der Gesundheitsstiftung im Landkreis Dachau, stellte gleich zwei Stiftungen vor, die Hilfestellung geben können: Die Gesundheitsstiftung förderr Menschen mit Autoimmun- und Krebserkrankungen und habe aktuell noch Kapazitäten für bis zu sechs Personen frei. Die Franz- und Matthias-Leitsberger-Stiftung kümmert sich um für finanziell bedürftige, psychisch kranke Personen, die unter Depressionen, Psychosen, Schizophrenie oder Angststörungen leiden. Leider sei diese Institution aktuell völlig ausgelastet, so Paepke.

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