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Er prägte seine Heimatstadt wie kein anderer: Lorenz Reitmeier war 30 Jahre Dachauer Oberbürgermeister.

Nachruf

Er prägte die Stadt nachhaltig - Dachau trauert um langjährigen Oberbürgermeister

In Dachau war er 30 Jahre lang Oberbürgermeister. Zahlreiche Projekte gehen auf sein Wirken zurück. Mit 89 Jahren hat er nun für immer seine Augen geschlossen. 

  • 30 Jahre lang war er in Dachau Oberbürgermeister.
  • Er prägte nachhaltig die Stadt mit seinem Wirken.
  • Mit 89 Jahren hat Dr. Lorenz Reitmeier nun für immer die Augen geschlossen.  

Dachau – Das Ergebnis: hauchdünn. 250 Stimmen mehr als Amtsinhaber Franz-Xaver-Böck von der SPD bekam der Polit-Neuling Dr. Lorenz Reitmeier bei der Bürgermeisterwahl 1966. Die Ära Reitmeier begann mit einem knappen Wahlerfolg.

Lorenz Reitmeier wurde am 30. September 1930 geboren. Schnell wurde klar: Der Sohn eines Handwerkers war hochintelligent, zeigte überdurchschnittlichen Ehrgeiz. Reitmeier strebte eine akademische Laufbahn an, studierte Jura, hatte die besten Noten. Schließlich legte der Handwerkersohn aus dem Städtchen Dachau bayernweit das zweitbeste Staatsexamen seines Jahrgangs hin. Reitmeier trat in den höheren Staatsdienst ein, war als Regierungsdirektor an den Landratsämter Fürstenfeldbruck und Dachau tätig.

Er prägte Dachau: Dr. Lorenz Reitmeier wird 1966 Oberbürgermeister

1966 kam die Anfrage, die sein Leben völlig verändern sollte: Die Dachauer CSU und die Überparteiliche Bürgergemeinschaft (ÜB) bemühten sich gemeinsam um ihn. Sie waren sich sicher, dass er als Kandidat bei der Kommunalwahl den amtierenden Bürgermeister Franz-Xaver Böck von der SPD schlagen kann. Er konnte, wenngleich knapp.

Die Christsozialen hätten es gern gesehen, wenn Reitmeier Parteimitglied geworden wäre. Doch der widerstand allen Werbeversuchen, auch der ÜB trat er nicht bei. Nur einmal, so heißt es, wäre Reitmeier beinahe schwach geworden. 1977 trug er sich mit dem Gedanken, vom Rathaus ins Landratsamt zu wechseln – als Nachfolger von Landrat Dr. Hubert Pestenhofer. Sollte er nominiert werden, würde er sich der CSU anschließen, soll Reitmeier gesagt haben. Viele CSU-ler verlangten jedoch den sofortigen Beitritt. Die CSU stellte den jungen Juristen Hansjörg Christmann auf. Reitmeier blieb OB, Christmann wurde Landrat. Beide arbeiteten anschließend für Jahre für Stadt und Landkreis kollegial und freundschaftlich zusammen, fochten aber auch manche Auseinandersetzung aus.

Der Kandidat: Das Wahlkampffoto von 1966.

Als Oberbürgermeister kannte Reitmeier keine Pause

Vom ersten Tag an widmete sich Reitmeier mit vollem Einsatz seiner neuen Aufgabe als Stadtoberhaupt Er arbeitete extrem viel, bereitete sich auf Sitzungen und Besprechungen stets bestens vor und forderte viel von seinen Mitarbeitern, stand aber immer hinter ihnen. Seine Frau Ingeborg und die beiden Töchter mussten in seinen Amtsjahren oft auf ihn verzichten.

Auch fürs Hobby Klavier fand Reitmeier erst wieder nach seinem Ausscheiden aus dem Amt Zeit. Bei einem blieb er jedoch stets eisern: So oft es ging, zog der passionierte Schwimmer seine Bahnen.

Ohne die drei prägenden Jahrzehnte unter Reitmeiers Amtszeit sähe Dachau heute zweifelsohne anders aus. Wohnungsbau in großem Maße, die Umgestaltung der Altstadt, der Rathausneubau, Schulbauten, Bau des Ludwig-Thoma-Hauses, Hallenbad, Kunsteisbahn, Stadtbücherei und viele Projekte mehr gehen auf Reitmeiers Wirken zurück. Reitmeier habe sein Amt „mit Weitsicht, enormem Einsatz und großer Liebe zu seiner Heimatstadt“ ausgeübt, würdigt Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann den Verstorbenen.

Partnerschaft mit Klagenfurt geht auf Reitmeiers Wirken zurück

Auch die mittlerweile seit über 50 Jahre andauernde Partnerschaft mit Klagenfurt in Kärnten geht auf Reitmeier zurück. Auf der Suche nach einer Partnerstadt hatte er sich europaweit Absage über Absage eingefangen, niemand wollte sich auf das historisch belastete Dachau einlassen. Dann traf er im Urlaub zufällig auf den Klagenfurter Bürgermeister Leopold Guggenberger. Aus Dachau und Klagenfurt wurden Partner, aus Reitmeier und Guggenberger Freunde.

Schon 1955, zehn Jahre nach ihrer Befreiung, forderten ehemalige KZ-Häftlinge die Errichtung einer würdigen Mahn- und Gedenkstätte in Dachau. Diese wurde 1965 eröffnet. Viele Dachauer waren dagegen, eine Ausweitung der Gedenkarbeit insgesamt traf jahrelang auf Widerstände.

Bub der Altstadt: Reitmeier blieb Dachau treu.

Reitmeier sei nie ein Gegner der KZ-Gedenkstätte gewesen, betont der Historiker Dr. Norbert Göttler. Bei seinen Versuchen, damals den „verschiedenen Strömungen“ in Diskussionen und Auseinandersetzungen gerecht zu werden, habe Reitmeier jedoch „teilweise unglücklich“ agiert und mit Aussagen für Irritationen gesorgt. So geht die Äußerung „das eine und das andere Dachau“ auch auf Reitmeier zurück. Das „eine“ Dachau war eben das Dachau als Standort des Konzentrationslagers und als Synonym für das Grauen der NS-Herrschaft, das „andere“ Dachau war das der ehemaligen Künstlerkolonie.

Kunst in Dachau: Reitmeier war ein maßgeblicher Förderer

Dieses „andere“ Dachau, die von der Kulturgeschichte mitgeprägte Stadt, lag Reitmeier ohne Zweifel eher am Herzen. Reitmeier förderte nicht nur Gemäldegalerie, Neue Galerie und Bezirksmuseum, sondern verfasste auch vier Kunstbände selbst.

Zahlreiche Ehrungen wurden Lorenz Reitmeier zuteil. Unter anderem erhielt er das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. 1998 wurde er Ehrenbürger seiner Heimatstadt.

Der Alt-OB wird auch Ehrenbürger: Reitmeier beim Festakt, rechts sein Amtsnachfolger Kurt Piller.

30 Jahre lang war Vollblut-OB. Umso überraschender, dass Reitmeier sich nach seinem letzten Arbeitstag komplett aus dem politischen Geschehen zurückzog. Am 30. April 1996 ging die Ära Reitmeier zu Ende.

Der Trauergottesdienst

findet am Mittwoch, 29. Januar, 11 Uhr, in St. Jakob statt. Die Beisetzung erfolgt im engsten Familienkreis.

Lorenz Reitmeiers Weggefährten werden sich an ihn erinnern. Wir haben zahlreiche Stimmen gesammelt. 


Thomas Leichsenring

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