Ausgezeichnet: Susanne Seßler mit ihrem „Stern der Sicherheit“. Foto: ans

Susanne Seßler erhält bayerische Staatsmedaille „Stern der Sicherheit“

Seit 23 Jahren auf der Seite der Opfer

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Große Ehre für Susanne Seßler: Sie erhielt den  „Stern der Sicherheit“ für herausragende Verdienste um die innere Sicherheit.

Unterbachern/Dachau – Vier Telefone liegen auf dem Gartentisch von Susanne Seßler (63) aus Unterbachern: „Manchmal telefoniere ich mit Menschen, die mir erzählen, dass sie missbraucht worden sind und sagen dann: Frau Seßler, das habe ich sonst noch niemandem erzählt.“ Dann beginnt Seßlers Arbeit. Seit 23 Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich beim Weißen Ring in Dachau und kümmert sich vor allem um Missbrauchsopfer. Nun wurde sie dafür von Innenminister Joachim Herrmann mit dem „Stern der Sicherheit“ für herausragende Verdienste um die innere Sicherheit ausgezeichnet.

Als Susanne Seßlers Tochter Franziska in den Kindergarten kam, fing die ehemaliges Projektleiterin in einem Sachbuch-Verlag beim Weißen Ring an: „Ich hab mir gedacht: Nur daheim Staubkörner umzudrehen, das ist nicht meine Lebensaufgabe.“

Der Weiße Ring ist eine Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, sie wurde von „Aktenzeichen XY ungelöst“-Erfinder Eduard Zimmermann gegründet. Seßler wollte sich engagieren, denn: „Opfer von Kriminalität kann jeder werden“, sagt sie. Seit sechs Jahren betreut sie außerdem Opfer aus dem Fonds des Freistaats „Sexueller Missbrauch im familiären Bereich“ und fährt dafür zu Betroffen in ganz Südbayern.

Heute ergeben ihre beiden Ehrenämter zusammengerechnet einen Fulltime-Job. Hunderten von Missbrauchsopfern hat sie mittlerweile in ein neues Leben geholfen: „Sexuellen Missbrauch gibt es in jeder Gesellschaftsschicht“, sagt Seßler. Rund 14 000 Fälle sind es laut polizeilicher Kriminalstatistik jedes Jahr, betroffen sind zu 92 Prozent Kinder zwischen sechs und 14 Jahren. „Routine wird meine Arbeit nie“, sagt sie. Und: „Das Wichtigste ist, dass ich einfach da bin und zuhöre.“ Außerdem vermittelt sie Psychotherapeuten und hilft eine andere Identität aufzubauen, bei Namensänderungen und gegebenenfalls eine Schutzadresse zu organisieren.

Generell gelte: „Opfer von schwerem sexuellen Missbrauch haben nach ihrer Volljährigkeit zehn Jahre Zeit, um den Täter anzuzeigen.“ Deshalb rät Seßler manchmal davon ab – etwa nach einer Vergewaltigung – gleich zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten. „Klar, das versteht man als Außenstehender nicht“, sagt sie: „Ich bin eigentlich auch ein Mensch, der sehr auf sein Recht besteht.“

Aber wenn jemand vergewaltigt wurde, dann bricht die normale Alltagswelt zusammen: „Viele sind dann oft so traumatisiert, dass sie vor Gericht keine glaubwürdige Aussage machen könnten“, dann sei es besser sich zum Beispiel Hilfe beim Weißen Ring zu holen: „Dann können die Opfer erst eine Therapie machen und dadurch stabilisiert werden.“

Später bereitet Susanne Seßler Opfer von sexuellem Missbrauch auf den meist zermürbenden Gerichtsprozess vor – wenn sie ihrem Peiniger wieder ins Gesicht schauen müssen. Eine weitere Herausforderung dabei: „Der Richter hakt immer wieder nach. Die Vergewaltigungsopfer haben dann oft das Gefühl: Der glaubt mir nicht.“ Das müsse sie im Vorhinein mit den Betroffenen besprechen. Bei der Verhandlung sitzt Seßler meist mit im Gerichtssaal.

Für die Opfer ist die 63-Jährige heute rund um die Uhr erreichbar. Das wurde notwendig, nachdem Seßler auch abends oder nachts angerufen wurde. Mittlerweile hat sie gleich mehrere Telefone. Ans Aufhören denkt sie nicht. An ihr prallen Missbrauchsfälle zwar nicht ab, aber sie sagt: „Ich kann mich da sehr gut abgrenzen und denke mir: Das ist nicht mir passiert.“ In ihrer Freizeit spielt sie gerne Golf, geht mit Freunden spazieren oder reist in die USA, zu ihrer Familie und Freunden. Was sie selbst so stark macht? „Das ist wohl einfach mein Naturell“, lacht sie: „Ich bin ein sehr optimistischer Mensch, das sind immer Einzelschicksale, die ich betreue“. Ihre Motivation: „Es gibt mir einfach was, wenn ich Menschen wieder auf die Beine stellen kann.“ 

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