Haschraucher
+
Nur für den Eigenbedarf habe er angebaut, versicherte der Angeklagte.

Amtsgericht Dachau

Polizei beendet das „Experiment Hanfanbau“

Ein schwerkranker Mann griff zum Marihuana, um sein psychisches Befinden zu verbessern. Er baute die Pflanzen selber an - und wurde jetzt verurteilt.

Dachau – Mai 2020: Eigentlich ist die Polizei aufgrund eines handgreiflichen Familienkonflikts gerufen worden: Ein 52-jähriger Mann aus dem Landkreis Dachau habe seinen Neffen mit einem Baseballschläger bedroht und an der Hand verletzt. Am Einsatzort, dem Haus des 52-Jährigen, angekommen, fanden die Beamten neben den Raufbolden zufällig noch etwas anderes vor: 168 Gramm Marihuana sowie diverse Rotlichtlampen. Das brachte dem mutmaßlichen Täter nicht nur eine Anzeige wegen Körperverletzung ein, sondern auch eine wegen unerlaubten Anbaus von Betäubungsmitteln.

Jetzt hat sich der gebürtige Münchner nun vor dem Schöffengericht Dachau verantworten müssen. Den Anbau von Cannabis gestand der Angeklagte sofort. Auch einer Hausdurchsuchung hatte er widerstandslos eingewilligt. Der Mann wies mehrmals darauf hin, dass es sich bei den Mengen in seinem Haus ausschließlich um Eigenbedarf handle. Zu keiner Zeit habe er die Intention gehabt, die Drogen weiterzuverkaufen. Der Angeklagte versicherte zudem, dass sein „Experiment Hanfanbau“ bereits beendet war, als die Polizei sein Haus durchsuchte.

Den Entschluss, Gras anzubauen, habe er wegen seiner gesundheitlichen Beeinträchtigungen gefasst. Der Angeklagte leidet unter dem Verschluss der Speiseröhre, was eine Schluckstörung zur Folge hat. „Ich kann nicht mehr normal essen, sondern bekomme über eine Magensonde meine Sondernahrung zugeführt“, erklärte der 52-Jährige. Da er seinen Speichel nicht mehr schlucken kann, müsse er regelmäßig ausspucken. Das mache ihn gesellschaftsunfähig. Auch während der Gerichtsverhandlung musste sich der Angeklagte immer wieder die Maske vom Mund nehmen und seinen Speichel mit einem Taschentuch abtupfen.

Wegen seiner gesundheitlichen Einschränkung sei seine Lebensqualität stark gesunken. „Es ist sehr deprimierend, wenn man nichts mehr zu sich nehmen kann.“ Auf der Suche, sein psychisches Befinden zu verbessern, stieß er schließlich auf Cannabis. Aus Neugierde und aufgrund der Tatsache, dass Rauchen etwas war, was trotz seiner Krankheit nach wie vor funktionierte, befasste er sich näher mit der Pflanze und ihrer Wirkung.

Da der 52-Jährige keinerlei Verbindungen zur Drogenszene gehabt habe, sah er die einzige Möglichkeit, an Gras zu kommen, in der eigenständigen Herstellung von Marihuana. „Sich über Anbauweisen zu informieren ist kein Problem. Es gibt genügend Foren im Internet.“ Das für die Anpflanzung benötigte Equipment habe er sich über den Online-Händler Amazon besorgt.

Eine Bestellung über Amazon brockte dem 52-Jährigen seine beiden Anzeigen überhaupt erst ein. Denn bei der Abholung des Pakets im Nachbarhaus kam es zur Rangelei mit seinem 24-jährigen Neffen. Mit einem Baseball-Schläger in der Hand klingelte der 52-Jährige bei seinem Neffen, um das Paket einzufordern. Die Waffe habe er dabei aus reinen Sicherheitsmaßnahmen getragen, da es in der Vergangenheit bereits zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den beiden gekommen sei.

Wer als Erstes zuschlug, ließ sich für Richter Christian Calame nicht mehr rekonstruieren. Selbst die Zeugenaussagen brachten kein Licht ins Dunkel.

Dem Amtsrichter und den Schöffen blieb schließlich nichts anderes übrig, als den Angeklagten vom Vorwurf der Körperverletzung freizusprechen. Für die unerlaubte Herstellung von Cannabis konnte der Angeklagte aufgrund seiner hohen Kooperationsbereitschaft und seiner Lebensumstände einer Gefängnisstrafe entgehen und kam mit einer Geldstrafe davon.

Verena Möckl

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare