Ist seit 23 Jahren BISS-Verkäufer: Hans Pütz. 
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Ist seit 23 Jahren BISS-Verkäufer: Hans Pütz. 

Manche pöbeln ihn an

Fast keiner kennt die traurige Geschichte dieses BISS-Verkäufers - hier erzählt er sie

Viele Dachauer haben Hans Pütz schon oft gesehen. Meistens am Bahnhof oder vor einem Supermarkt. Doch die wenigsten kennen seine Geschichte.

Dachau –Seit über 20 Jahren beginnt der Tag von Hans Pütz um halb fünf Uhr morgens. Dann steht er auf, macht sich schnell ein wenig frisch und bricht dann auf, um Geld zu verdienen. Pütz ist Verkäufer der BISS.

Hinter der Abkürzung verbirgt sich die älteste und mit einer monatlichen Auflage von 30.000 Exemplaren auch eine der erfolgreichsten Straßenzeitungen Deutschlands: Bürger in sozialen Schwierigkeiten. Verkäufer kann nur werden, wer bedürftig im Sinne des Sozialgesetzbuches ist. Jemand wie Hans Pütz.

Eine Hautkrankheit macht ihn arbeitslos

Geboren wurde er in Aachen, doch sein Weg führte ihn schon bald über Düsseldorf nach Hamburg St. Pauli, wo der gelernte Schneider begann, in der Gastronomie zu arbeiten. „Doch dann wurde eines Tages bei mir Schuppenflechte festgestellt. Eine Erbkrankheit.“ Eine fatale Diagnose für Pütz. „In Hamburg waren zur damaligen Zeit die Hygienevorschriften sehr streng, und so habe ich dann meinen Job verloren. Von einem Bekannten bekam ich den Tipp, nach München zu gehen. Es wurde mir versichert, dass dort die Kontrollen nicht so streng seien und ich in einem Biergarten arbeiten könnte, weil dort keiner nach meiner Hautkrankheit fragen würde“, erzählt er.

So führte ihn das Schicksal nach Bayern. Doch auch dort hatte er mit seiner Diagnose keine Chance, wieder im Berufsleben Fuß zu fassen. „Zuerst lebte ich von meinen Ersparnissen, doch als diese langsam zu Grunde gingen, fand ich mich in der Obdachlosigkeit wieder“, so Pütz. Ein Dach über den Kopf fand er im Haus der Initiative für Menschen ohne Obdach e. V. in der Königinstraße in Schwabing. „Das war 1995. Zuerst habe ich für die Nonnen, deren Orden das Haus gehörte, als Schneider gearbeitet. Doch mein Augenlicht wurde immer schlechter, und so wandte ich mich an das BISS, das im selben Gebäude untergebracht war“, erinnert er sich an seine Anfangszeit in der Landeshauptstadt zurück.

Seit 20 Jahren fest angestellt als BISS-Verkäufer

Nach drei Jahren als freier Verkäufer der Zeitung wurde er im Jahr 1998 als fester Mitarbeiter beschäftigt. Diese Anstellung setzt den regelmäßigen Verkauf von mindestens 400 Exemplaren des Magazines voraus. „Jetzt bin ich schon 23 Jahre dabei und habe in dieser Zeit an den verschiedensten Orten in München und Umgebung gestanden“, berichtet Hans Pütz.

Seit fünf Jahren kommt er einmal wöchentlich, meistens mittwochs, nach Dachau, um dort am S-Bahnbahnhof und in der Münchner Straße zu verkaufen. „50 Stück habe ich meistens dabei, und dann stehe ich da, bis alle weg sind. Dass dauert meistens so vier bis fünf Stunden. Von den 2,20 Euro, die eine Zeitung kostet, gehören 50 Prozent mir. Aber es gibt auch viele sehr freundliche Menschen, die noch zusätzlich ein Trinkgeld drauflegen.

„Geh doch mal arbeiten!“ 

Man hört aber auch immer wieder negative Kommentare, wie: ,Geh doch mal arbeiten.’ Da frage ich dann immer, was arbeiten in ihren Augen konkret sei, und ob ich denn nicht arbeiten würde? Als angestellter Verkäufer der Zeitung habe ich einen Beruf und lebe nicht von Sozialhilfe oder vom Arbeitsamt“, erzählt Pütz. „Es lohnt sich immer zu arbeiten“, sagt er überzeugt. „Wenn man im Winter zehn Stunden am Stück in der Kälte steht, um sich sein Geld zu verdienen, soll noch einmal jemand sagen, man würde nicht wirklich arbeiten.“

Sein Augenlicht schwindet

Im Moment kämpft Hans Pütz aber nicht gegen die Kälte, sondern gegen das Schwinden seines Augenlichtes. So verfügt er nur noch über 30 Prozent Sehstärke. Die Diagnose: Netzhautablösung. Eigentlich müsste er schnellmöglich operiert werden. Doch darüber will der Mann nicht sprechen. 

Gerne spricht er aber von seiner Stammkundschaft, denn: „Man lernt die Leute ja auch besser kennen und freut sich auf Gespräche mit ihnen“.

Zu seinen liebsten Freizeitbeschäftigungen zählt er Spazieren- und Essengehen. „Früher bin ich auch sehr viel Fahrrad gefahren, doch durch mein fehlendes Sehvermögen ist das jetzt leider nicht mehr möglich“, sagt Pütz traurig.

Claudia Lepuch

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