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Ein Heizstrahler wie dieser hat eine junge Frau vor zwei Jahren verletzt.

Frau will Schmerzensgeld, nachdem sie sich bei Faschingsball Brandwunden zuzog

Schwerer Unfall bringt Feuerwehr vor Gericht

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Die Faschingsbälle der Feuerwehr Dachau sind Legende, alljährlich feiern an die 1000 Narren im Thomahaus. Vor knapp zwei Jahren allerdings kam es zu einem Zwischenfall, dessen Folgen gestern am Landgericht München II verhandelt werden mussten. Im Kern ging es dabei um die Frage: Hat die Feuerwehr ausreichend für die Sicherheit ihrer Gäste gesorgt?

Dachau – Exotische Scheichs und anmutige Haremsdamen tummelten sich in der Nacht von 3. auf 4. Februar 2018 in der Dachauer Altstadt. Kein Wunder, die Feuerwehr Dachau hatte unter dem Motto „Florianis 1001. Nacht“ ins Thomahaus zum Faschingsball gebeten.

Unter den zirka 1000 Feiernden war auch die 23-jährige Martina M. (Name geändert, die Red.). Sie hatte mit drei Freunden den Ball besucht, über den Freund einer Freundin waren sie an die begehrten Karten gekommen. Gegen 2.20 Uhr ging das Quartett nach draußen, in den mit Heizpilzen gewärmten Raucherbereich.

Plötzlich, so erinnert sich die junge Dame, habe sie Geschrei gehört, sie habe sich umgedreht – „und dann weiß ich nix mehr“. Als sie wieder zu Bewusstsein kam, realisierte sie auch, was passiert war: Einer der Heizpilze war auf ihren linken Arm gefallen. Wegen der Verbrennungen habe sie „geschrien und geweint“. Als die herbeigerufenen Sanitäter sie gefragt hätten, wie sie die Schmerzen auf einer Skala von eins bis zehn einordne, „konnte ich das nicht beantworten. Ich hatte noch nie so höllische Schmerzen“.

Laut M.’s Anwalt Peter Bürgel hätte der Heizpilz „an der Stelle niemals stehen dürfen. Der ist für so einen Zweck nicht geeignet“. Um ein derartiges Gerät umkippen zu lassen, brauche es nicht viel Kraft – zumal der Heizpilz noch dazu auf abschüssigem Gelände am Thomahaus stand. Aufgrund der Verletzungen und der Tatsache, dass die Feuerwehr gegen ihre sogenannte Verkehrssicherungspflicht verstoßen habe, verdiene seine Mandantin ein Schmerzensgeld von 7000 Euro.

Die Haftpflichtversicherung der Feuerwehr sieht die Sachlage allerdings anders und zeigte sich, wie Bürgel es formulierte, „nicht besonders kooperativ“. Am Landgericht München II unter dem Vorsitz von Richterin Agnes Winkler kam es daher gestern zu einer sogenannten Güteverhandlung beziehungsweise der Klärung der Frage: Wer ist schuld an dem Unglück?

Die Feuerwehr Dachau, anwesend durch ihre beiden Vorsitzenden Stefan Fichtl und Sebastian Fritsch sowie anwaltlich vertreten durch Michael Reindl, wies jede Verantwortung von sich. Laut Reindl habe die Feuerwehr als Veranstalter des Balls „alle Vorkehrungen getroffen, die zumutbar und erforderlich waren“. Vorsitzender Fichtl betonte zudem, dass er und seine Kollegen in den vergangenen Jahren massiv in die Sicherheit ihres Balls investiert hätten, dass es im Vorfeld professionelle Lagebesprechungen gebe, dass während des Balls permanent Kontrollen stattfänden und er sich über alle Zwischenfälle informieren lasse. Kurz: „Wir versuchen wirklich, alles auszuschließen. Mehr geht nicht!“

Die Aussagen der Klägerin, deren verbrannte Haut von Spezialisten einer Bogenhauser Klinik durch eine synthetische ersetzt werden musste und die nach wie vor unter sogenannten Sensibilitätsdefekten am Arm leidet, sowie ihrer als Zeugen auftretenden Freunde stellten Fichtls Standpunkt – zumindest nicht direkt – in Abrede. Ihrer Darstellung nach sei eine „stark angetrunkene Frau mit roter Perücke“ gegen den Heizstrahler getorkelt und habe sich, um einen Sturz zu vermeiden, daran festgeklammert – woraufhin das glühend heiße Edelstahlteil auf die 23-Jährige stürzte. Wer die Rothaarige war, konnte leider nie ermittelt werden – (nüchterne) Zeugen für das Unglück gab es nicht und Security-Mitarbeiter waren nicht vor Ort. Zwei als Zeugen geladene Feuerwehr-Kollegen, die damals als Aufbau-Helfer am Ball beteiligt waren, betonten jedoch wiederholt, dass die Heizstrahler „nicht gewackelt“ hätten und deren Standfestigkeit „definitiv gegeben“ war.

Ob der Unfall nun allein ursächlich „auf die Umklammerung“ der betrunkenen Unbekannten zurückzuführen ist, wie Anwalt Reindl betonte, oder schlicht durch die Tatsache, dass der Heizstrahler gar nicht hätte aufgestellt werden dürfen, wie Anwalt Bürgel argumentierte, muss Richterin Winkler nun entscheiden. Am 19. März um 9 Uhr wird sie ihr Urteil bekannt geben. Gibt sie der Klägerin recht, wird dieser ein Schmerzensgeld zustehen.

Die Dachauer Feuerwehr übrigens hat Heizpilze auf ihren Veranstaltungen abgeschafft. Wer rauchen will, muss nun im Kalten stehen.

Nachgefragt bei: Stefan Fichtl, Vorsitzender der Feuerwehr Dachau

Herr Fichtl, sehen Sie sich verantwortlich für das, was am 4. Februar beim Feuerwehrball passiert ist? 

Erst mal: Es tut mir leid, dass auf unserer Veranstaltung jemand zu Schaden gekommen ist. Aber ich betone auch: Hätten wir von der Gefahr durch einen Heizstrahler gewusst, hätten wir diese Gefahr abgestellt. Ich kann mich aber nicht gegen ein Risiko schützen, das ich nicht kenne. 

Sie als Feuerwehrler müssten ja eigentlich Experte sein für mögliche Brandgefahren... 

Deswegen haben wir ja, als ich vor fünf Jahren Vorstand wurde, über 5000 Euro in den Brandschutz gesteckt! Wir haben sogar für Tausende von Euro ein Brandschutzgutachten in Auftrag gegeben, das uns bestätigt hat, dass von Heizstrahlern keine Brandgefahr ausgeht. Was das Gutachten nicht gesagt hat, ist, dass man sich am Heizstrahler verbrennen kann. 

Stehen Aufwand und Ertrag bei der Organisation einer derartigen Veranstaltung eigentlich noch in irgendeinem Verhältnis? 

Ganz klar nein. Bei unserem Ball sind es 2000 bis 4000 Euro, die uns bleiben. Wir sehen das daher mehr als eine Öffentlichkeitsmaßnahme, wir wollen damit auf unsere Aufgabe, auf unser Ehrenamt aufmerksam machen. 

Sollte das Urteil nun tatsächlich gegen Sie ausfallen, was wären die Konsequenzen für den Ball? 

Dann kann passieren, dass wir tatsächlich sagen: Wir machen es nicht mehr. 

Interview: zip

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