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Über die Spendenaktion der Heimatzeitung, von den Lesern der Dachauer Nachrichten, erhalten in Not geratene Menschen Unterstützung.

Spendenaktion „Kette der helfenden Hände“ der Heimatzeitung unterstützt Bedürftige

Armut, Scham und ein bisschen Glück

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Plötzlich rutschte sie in die Armut ab, sammelte Schulden an: als sie eine berufliche Fortbildung anfing und ihr Mann krank wurde. Anna Soltau kämpfte weiter für sich und ihre Kinder, schämte sich und wollte nicht um Hilfe bitte. Bis eine Lehrerin sich einsetzte.

Dachau– Sie war schon kurz davor aufzugeben. Als sie nicht wusste, wovon sie ihren beiden Kindern Anziehsachen kaufen sollte. Als sie kein Geld mehr hatte, zu tanken, um zur Arbeit zu kommen. Sie wollte ihre Ausbildung hinschmeißen, damit sie wieder Vollzeit arbeiten gehen konnte. Doch sie kämpfte weiter.

Anna Soltau möchte anonym bleiben. „Armut ist sehr beschämend“, sagt die junge Mutter kleinlaut. Deswegen ist ihr Name geändert, deswegen wird ihr Wohnort im Landkreis und das Alter ihrer Kinder, beide Jugendliche, nicht genannt. Sie ist Mitte 30, Sozialpflegerin und Erzieherin und absolviert an einer privaten Ausbildungsstätte eine Fortbildung. Zusätzlich zur Ausbildung in Teilzeit arbeitet Anna Soltau beim Franziskuswerk Schönbrunn, sie absolviert Nachtschichten in einer Wohngruppe.

Anna Soltau liebt ihren Beruf. Menschen zu helfen, die unter erschwerten Bedingungen und mit Beeinträchtigungen leben, Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen, mit emotionalen und mit Verhaltensstörungen achtsam begleiten, ist ihr Wunsch. Deshalb hat sie sich vor einigen Jahren entschlossen, die berufsbegleitende Fortbildung zu beginnen. Sie dauert viereinhalb Jahre, 164 Euro kostet die Schule monatlich. Anna Soltau hat alles durchgerechnet. Es hätte geklappt, wäre nicht ihr Mann krank geworden.

Drei Bandscheibenvorfälle, im Laufe der Zeit kamen Depressionen dazu. Der Lkw-Fahrer konnte nicht mehr arbeiten. Anna Soltau arbeitete damals in einem Seniorenheim und suchte sich einen weiteren Nebenjob, nachts in der Pflege. Sie kämpfte, musste alleine für Miete und Lebensunterhalt der Familie aufkommen, „so hat sich ein Rückstand des Schulgelds entwickelt“. Ihrem Mann sagte sie davon nichts, zum einen, um ihn zu schonen, zum anderen war er von den Fortbildungsplänen seiner Frau sowieso nicht begeistert.

„Er fand, dass ich ganz für die Kinder da sein sollte – und ich hatte dadurch das Gefühl, dass ich sie vernachlässige. Aber das war nie so.“ Sie ist ihren Kindern eine liebevolle Mutter, sie kümmert sich in erster Linie um die Kinder, sie haben ein inniges und vertrauensvolles Verhältnis zueinander. „Meine Tochter sagte neulich zu mir: Mama, ich werde später Sozialpädagogik studieren, da wirst du stolz auf mich sein!“ Ihr Sohn will Baugeräteführer werden.

Von den Schulden an der Schule, die Monat für Monat ein bisschen mehr wurden, hat sie niemandem erzählt. „Ich habe mich geschämt.“ Nur der Schulleiter wusste davon. Vor kurzem drohte die Schule ihr mit Kündigung – etwa 2500 Euro war Anna Soltau mit den Zahlungen im Rückstand. Der Schulleiter sprach Anna Soltaus Situation im Lehrerteam an. Eine Lehrerin dachte an die Kette der helfenden Hände.

Über die Spendenaktion der Heimatzeitung, von den Lesern der Dachauer Nachrichten, erhält Anna Soltau nun eine einmalige Unterstützung, damit sie die Schulgeld-Schulden bezahlen und ihre Ausbildung abschließen kann. In wenigen Monaten hat sie ihre Abschlussprüfung, nun kann sie sich sorgenfrei vorbereiten. Danach wird sie wieder Vollzeit arbeiten können, mit der zusätzlichen Qualifikation besser verdienen. Auch ihr Mann hat wieder einen ersten Schritt ins Berufsleben getan.

Als die Lehrerin die Botschaft überbrachte, sagte sie zu Anna Soltau: „Sie sind wie das Sterntaler-Mädchen, Sie geben auch das letzte Hemdchen an andere, bevor Sie an sich selbst denken. Aber das nehmen Sie jetzt schon an, gell?“ Anna Soltau, zutiefst bewegt, kamen die Tränen. Sie widersprach nicht.

Auch jetzt muss sie weinen, wenn sie versucht, die Gefühle in Worte zu fassen, die sie empfindet. „Ich bin meiner Lehrerin so dankbar, dass sie gehandelt hat.“ Und auch den Spendern möchte sie danken für die bedingungslose Hilfe. „Es ist so schwierig, sich selbst in solchen Situationen etwas wert zu sein.“ Aber sie möchte andere ermutigen, zum einen, nicht aufzugeben für seine Ziele, „das ist so wichtig, ich sehe so einen Sinn darin, diese Ausbildung zu machen“. Zum anderen möchte sie andere bestärken, „dass sie sich nicht schämen müssen“. Anna Soltau trocknet sich die Tränen und sagt mit fester Stimme: „Wenn man zulässt, dass einem geholfen wird, kann man daraus eine Stärke entwickeln. Man muss sich sagen: Ich bin es wert!“

Ein Dank unseren Lesern und den achtsamen Menschen

Unseren Lesern gebührt großer Dank: Ohne sie gäbe es die Kette der helfenden Hände nicht, ohne sie könnte nicht die Not in Familien, von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren ein wenig gelindert werden. Dank gebührt auch Menschen wie der Lehrerin von Anna Soltau, die nicht weggesehen hat, sondern sich eingesetzt hat für Hilfe. Die Spendenbereitschaft zeigt den Menschen am Rande der Gesellschaft, dass sie nicht vergessen sind. Bei der Kette der helfenden Hände arbeiten die Dachauer Nachrichten mit den sozialen Organisationen eng zusammen, deren Mitarbeiter oft am besten wissen, wo das Geld am dringendsten gebraucht wird. Auch Bürgermeister, Geistliche oder Lehrer nennen uns Namen von Menschen, die besonders bedürftig sind. Es ist wichtig, auf die Menschen in seinem Umfeld zu achten, so manche Not und vielleicht auch so manches Leid bliebe so erspart. Denn oftmals ist es nicht ein schwerer Schicksalsschlag, der die Menschen in Notsituationen bringt, sondern versteckte Armut, ein Leben am Existenzminimum, wofür sich die Betroffenen selbst schämen, so dass sie nie selbst um Hilfe bitten. Auch wenn sich manchmal der Eindruck aufdrängt, dass in unserer Wohlstandsgesellschaft jeder nur seinen eigenen Interessen folgt und viele Menschen keinen Sinn mehr für Achtsamkeit, Menschlichkeit und Herzlichkeit haben – solche Menschen wie die Lehrerin und die Leser der Dachauer Nachrichten beweisen das Gegenteil.


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