Es wird kräftig gebaut in Dachau. Und das bringt Probleme mit sich.
+
Es wird kräftig gebaut in Dachau. Und das bringt Probleme mit sich.

Stadtrat

Unkontrollierbares Wachstum

  • Stefanie Zipfer
    vonStefanie Zipfer
    schließen

Die FDP- sowie die Bündnis-für-Dachau-Fraktion wollen das Wachstum der Stadt begrenzen. Maximal um jährlich 0,5 Prozent sollte die Bevölkerungszahl Dachaus demnach wachsen. Das Problem: Eine derartige Obergrenze macht wenig Sinn, die Stadt kann sie, selbst wenn sie wollte, nicht einhalten.

Dachau – Auf 60 000 Einwohner wird Dachau bis zum Jahr 2037 anwachsen, prognostizieren sowohl der Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München als auch das Institut für Sozialplanung, Jugend- und Altenhilfe, Gesundheitsforschung und Statistik der Großen Kreisstadt. Die Folgen dieses Wachstums, das wurde in der vergangenen Woche bereits im Familien- und Sozialausschuss deutlich, werden teuer: Die Stadt muss in den kommenden Jahren massiv in ihr ohnehin schon defizitäres Kinderbetreuungssystem sowie in den (Aus-)Bau von Grundschulen investieren (wir berichteten).

Im Bauausschuss war das Thema Wachstum am Dienstag nun erneut Thema. Konkret ging es um die Anträge der FDP und des Bündnis’ für Dachau, das jährliche Wachstum der Stadt auf eine Obergrenze von 0,5 Prozent zu begrenzen. Möglich werden solle dies durch eine Verknappung von Bauland.

Allein: So fromm der Wunsch sein mag, ist er in der Praxis nicht umzusetzen. „Wir können das schon beschließen“, so Oberbürgermeister Florian Hartmann, „aber die Realität wird uns etwas anderes zeigen.“ Denn: „Wir haben es schlicht nicht in der Hand.“

Tatsächlich, so steht in der Prognose nachzulesen, sind 81 Prozent der vorhergesagten Zuzüge nach Dachau auf den Siedlungsbestand zurückzuführen und nur 19 Prozent auf Siedlungserweiterungen. Sprich: Während in einem Einfamilienhaus früher noch eine Familie lebte, dürfte es in den kommenden Jahren zu einem Mehrfamilienhaus umgebaut werden – und auf diese Nachverdichtung, so Hartmann, „haben wir als Stadt keinen Einfluss, das können wir nicht steuern“.

In Summe gehen die Statistiker von 3800 neuen Wohnungen bis 2037 im Stadtgebiet aus, rund 134 Hektar Fläche steht den Bauherren der Stadt dafür zur Verfügung. Die meisten Neubauwohnungen entstehen – so viel ist heute schon klar – auf dem MD-Gelände und dem sogenannten Baugebiet Augustenfeld-Zentrum.

Wie man es daher dreht und wendet: Im Jahr 2020 – also noch lange bevor in Augustenfeld oder auf dem MD-Gelände überhaupt eine Menschenseele eingezogen ist – wächst die Stadt um 1,03 Prozent. Laut Prognose steigt dieses Wachstum bis 2025 auf rund 2,5 Prozent an, bevor es dann bis 2037 wieder auf rund 0,96 Prozent sinkt. Die von FDP und Bündnis gewünschte Obergrenze von 0,5 Prozent wird damit schon heuer und dann in jedem einzelnen Jahr massiv überschritten. Sören Schneider (SPD) nannte „dieses Wachstum im Bestand“ daher „ein Grundrauschen, das wir leider nicht wegdiskutieren können“.

OB Hartmann fragte zudem auch: „Was passiert, wenn die Obergrenze beschließen und wir sie nicht einhalten?“ Letztlich bevorzuge er daher anstelle einer fixen und unrealistischen Grenze „einen Korridor. Wir müssen uns Spielraum schaffen“.

AFD-Stadtrat Markus Kellerer sah in der Coronakrise jedoch auch eine Chance – auf weniger Zuzug. Schließlich könnten sich die teuren Mieten vielleicht bald nicht mehr alle leisten und würden daher, so Kellerers Hoffnung, darauf verzichten, in die teure Metropolregion zu ziehen.

Statistiker Christian Rindsfüßer gab ihm Recht: Im Fall einer „veritablen Wirtschaftskrise“ würde der Zuzug sinken. Die Frage sei daher: „Wie schnell fasst die Wirtschaft wieder Tritt?“ Die wirtschaftliche Entwicklung sei darüber hinaus aber auch ein Faktor für die – aktuell hohen – Geburtenzahlen in Dachau: Durch das „Grundvertrauen der Frauen in die Ökonomie“ und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei zuletzt die Geburtenrate auf 1,6 Kinder pro Frau angestiegen. Verschlechtere sich die Arbeitsmarktlage, könne dies wieder „zu einer Verhaltensänderung“ führen.

Alles in allem aber waren sich alle Beteiligten im Sitzungssaal einig, dass die Bevölkerungsprognose – wie Rindsfüßer es nannte – „nur ein Blick in die Glaskugel“ sei. Die Berechnung soll daher in fünf Jahren aktualisiert werden. Der Antrag von FDP und Bündnis, dem Wachstum eine Obergrenze zu setzen, wurde zurückgestellt. Aktuell, fand Gertrud Schmidt-Podolsky (CSU), sei dieser Wunsch „faktisch nicht umzusetzen“.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Der kleine Storch ist ein „verzogenes Einzelkind“
Ganz Eisenhofen ist stolz auf das kleine Storchenbaby auf dem Horst des Eisenhofener Kirchturms.
Der kleine Storch ist ein „verzogenes Einzelkind“
„Meine Medizin“: Mann (26) raucht am Arbeitsplatz Cannabis - Vorfall nimmt ungewöhnliches Ende
Ein 26-jähriger Mann rauchte am Arbeitsplatz Cannabis - und blies seiner Kollegin den Rauch ins Gesicht. Der Vorfall nahm jedoch ein anderes Ende, als wohl erwartet.
„Meine Medizin“: Mann (26) raucht am Arbeitsplatz Cannabis - Vorfall nimmt ungewöhnliches Ende
Pfarrer Georg Reichl feiert seinen 80. Geburtstag in seiner alten Heimat
Pfarrer Georg Reichl hat seinen 80. Geburtstag in seiner alten Heimat gefeiert. Zur Freunde vieler Vierkirchner und Weichser.
Pfarrer Georg Reichl feiert seinen 80. Geburtstag in seiner alten Heimat

Kommentare