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Erinnerungen an die Kriegszeit: Sepp Geer bekam im Alter von neun Jahren das Spielzeugflugzeug von einem abgemagerten KZ-Häftling. Er gab ihm dafür Essen.

Erinnerungen an das Kriegsende im Landkreis Dachau

Zwei Keil Brot und ein paar Kartoffeln für ein Flugzeug

  • Thomas Zimmerly
    vonThomas Zimmerly
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Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. In einer Serie veröffentlichen die Dachauer Nachrichten Erinnerungen von Zeitzeugen an die Kriegsjahre, das Ende des Krieges und die Zeit danach.

Arnbach/Großberghofen – Die Männer, die 1943 nach Großberghofen kamen, sahen elend aus. Schaufeln und Hacken in den Händen, wirkten sie geschunden, sie waren abgemagert und schienen nicht mehr viel vom Leben zu erwarten. So hat Sepp Geer, heute 86, die KZ-Häftlinge noch heute vor sich, die nach Großberghofen verfrachtet wurden, um dort eine Zufahrt zum Schlachthaus der örtlichen Metzgerei zu graben. In der Metzgerei selbst wurden andere Häftlinge gezwungen, Wurst zu machen, für die SS-Männer, die sie bewachten, und für die SS-Männer, die im Konzentrationslager unweit in Dachau ihre Schreckensherrschaft ausübten.

Der kleine Sepp Geer, damals neun Jahre alt, wohnte in einem kleinen landwirtschaftlichen Anwesen direkt neben der Kirche, das den Hausnamen „beim Schuilehrer“ trug. Täglich sah er die Zwangsarbeiter und deren Bewacher kommen und gehen. „Die abgemagerten und hungrigen Menschen haben uns leid getan, und trotz scharfer Bewachung konnten meine Schulfreunde und ich Kontakt herstellen. Mitgeholfen haben dabei einige Mädchen, die die Bewacher kurzfristig ablenkten“, erzählt Geer, der seit 1958 in Arnbach zu Hause ist.

Einen der elenden Männer hat Geer noch ganz genau vor Augen: „Er war ganz dunkel und ganz jung, höchstens 18, 19 Jahre alt, vielleicht ein Pole“, so Geer 77 Jahre später. Der dunkle junge Mann hatte – wie auch andere KZ-Häftlinge – selbst gebasteltes Spielzeug dabei, das er gut vor den SS-Schergen versteckte. Er hoffte, dass sich die Großberghofer erbarmten und sein Spielzeug gegen ein wenig Essen tauschten, ganz im Verborgenen, versteht sich. Nicht auszumalen, was passiert wäre, wenn die SS das mitbekäme.

Der junge Pole beherrschte ein paar Brocken Deutsch, und er hatte ein kleines grünes Flugzeug aus Holz dabei. Und dieses kleine Flugzeug wollte der neunjährige Sepp unbedingt haben. Aber was dafür hergeben? „Ich hatte doch selbst nichts“, erinnert sich Sepp Geer. Er entschloss sich, zu betteln. Und er hatte Erfolg. Seine Mutter gab ihm „zwei Keil Brot“. Eine Nachbarin, die „Mesner Hedwig“, stieg in ihren Keller und holte Kartoffeln, die sie dem Sepp in die Hand drückte. Das genügte, um wenig später stolzer Flugzeugbesitzer werden zu können.

Der dunkle junge Mann, der den Flieger baute, war am nächsten Tag nicht mehr da. „Ich habe ihn nie wieder gesehen“, sagt Sepp Geer. Wer weiß, was aus ihm geworden ist. Von den Geschehnissen hinter den Mauern des Konzentrationslagers wusste Geer damals nichts. Auch seine Mutter nicht, und auch nicht all die anderen Menschen in Großberghofen. Das waren im fünften Jahr des unsäglichen Zweiten Weltkriegs überwiegend Frauen, die Männer waren längst eingezogen. Fast alle.

Doch dann kam der 8. Mai 1945 und mit ihm die Amerikaner. Sepp Geer war jetzt elf, und er schaute zu den GIs auf, von denen er Schokolade bekam. Und nach und nach bekam er mit, welch unvorstellbare Gräueltaten die Nazis in Dachau begangen hatten. Sepp Geer dachte an den jungen dunklen Mann und fasste einen Entschluss: Das kleine grüne Flugzeug behalte ich. Nach seiner Hochzeit 1958 zog Geer nach Arnbach, wo er noch heute lebt. Selbstverständlich nahm er das kleine Kunstwerk mit. Es hatte einen Ehrenplatz im Haus – bis zum Jahr 2008. Geer meinte, das Flugzeug müsse einen würdigeren Platz erhalten als bei ihm zu Hause. Also übergab er es an die damalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte, Barbara Distel, und den Archivar Albert Knoll.

Am 8. Mai jährte sich das Kriegsende zum 75. Mal. Und Sepp Geer, der trotz seiner mittlerweile 86 Lenze noch „ganz gut beieinander“ ist, fasste einen erneuten Entschluss: „Ich möchte noch einmal nach Dachau reinfahren und schauen, wo mein Flugzeug ist.“

Und dann werden bei ihm ganz sicher die Erinnerungen wach, an die Zeit in Großberghofen, und an den jungen dunklen Mann, der tagsüber mit einer Schaufel grobe Arbeiten verrichten musste und in den Nächten an seinem filigranen kleinen Flugzeug bastelte.

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