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Sie sind das Gegenbeispiel (v.l.): Berkay Kengerogulu, SPD, Sprecher des Jugendrats, Sebastian Leiß, Freie Wähler Dachau, Kreisrat, Lucia Tröger, Moderatorin und auf der Liste der CSU Dachau kandidierend, Bastian Brummer, Listenführer der Weichser Bürgervereinigung, und Ludwig Gasteiger, Grüne, Geschäftsführer der KJR Dachau. 

Dachauer Jungpolitiker diskutieren

Was hält junge Leute von der Politik ab?

Mehr Jugend in den politischen Gremien – ob dieser Wunsch einmal Wirklichkeit wird, ist fraglich. Eher geht der Trend in die andere Richtung: Die Politiker werden im Schnitt immer älter. Woran das wohl liegt, das diskutierten in Dachau Jungpolitiker.

VON ELFRIEDE PEIL

Dachau– „Wir haben zwar einen sehr jungen Oberbürgermeister in Dachau, aber ansonsten ist es mau“, sagt Moderatorin Lucia Tröger. Im Bundestag sitzen nur fünf Abgeordnete unter 30 Jahren, im bayerischen Landtag gibt es sechs Abgeordnete von 200, die unter 40 Jahren sind, im Kreistag, in den Gemeindeparlamenten – das Durchschnittsalter ist in den vergangenen Jahren immer weiter nach oben gestiegen.

Da sind auf der einen Seite die vielen jungen Leute, die auf die Straße gehen und für eine bessere Umwelt kämpfen. Und da sind auf der anderen Seite nur sehr wenige junge Leute, die sich in den Gremien der Politik wiederfinden. Ob es ein (frommer?) „Wunsch“ ist, das zu verändern, oder ob es „Wirklichkeit“ werden kann, erörterten am vorletzten Tag des Jahres vier junge Männer, die sich bereits in der Kommunalpolitik engagieren.

Es diskutierten Ludwig Gasteiger (Grüne, Geschäftsführer des Kreisjugendrings), Bastian Brummer (Listenführer der Weichser Bürgervereinigung, ehemaliger Sprecher des Weichser Jugendrats), Berkay Kengerogulu (SPD, Sprecher des Dachauer Jugendrats) und Sebastian Leiß (Freie Wähler Dachau, Kreisrat). Die Podiumsdiskussion moderierte Lucia Tröger, ehemalige Jugendratssprecherin.

Um es vorweg zu sagen: Die Lage ist schwierig, aber nicht hoffnungslos. „Die Konjunktur ist auf dem Weg nach oben“, meint Ludwig Gasteiger, mit Jahrgang 1977 der Älteste in der Runde. Er saß schon mal im Kreistag und kandidiert jetzt wieder. Zwar sei die Wahlbeteiligung der jungen Leute in den vergangenen Jahren niedrig gewesen, aber er beobachtet auch ihr zunehmendes Interesse. Das könnte noch gesteigert werden, wenn das Wahlalter von derzeit 18 Jahren auf 16 herabgesenkt werde. Und wie der 2018 eingerichtete Jugendkreistag angenommen werde, ermutige ihn. Ihm liegt vor allem am Herzen: „In den Schulen muss mehr passieren!“

Demokratie endet an der Schultür

Das Stichwort „verfehlte Schulpolitik“ von Moderatorin Lucia Tröger griff Sebastian Leiß gerne auf: „Die Demokratie endet an der Schultür. Da hat man große Berührungsängste mit der Kommunalpolitik.“ Leiß ist mit 30 Jahren der Jüngste im Dachauer Kreistag. Er wurde 2014 in dieses Gremium gewählt und ist Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler Dachau. Er weiß aber auch, dass Sitzungsarbeit „unheimlich fad“ sein kann und junge Menschen von den „Formalismen“ in den Parteien abgeschreckt werden – was alle Diskutanten aus eigener leidvoller Erfahrung bestätigten konnten.

Ewig lange Tagesordnungspunkte, „Abstimmungen über Abstimmungen“, also über Verfahrensfragen, das nervt schon, findet Berkay Kengerogulu. Er hat mit seinen 19 Jahren schon einiges erlebt, auch in Jugendgremien: Seit 2014 Mitglied im Jugendrat Dachau, seit 2016 deren Sprecher, Mitglied im Jugendforum (Partnerschaft für Demokratie), aber auch beim Runden Tisch gegen Rassismus. Seit Januar 2019 ist er in der SPD, auf deren Dachauer Stadtratsliste er auf Platz sieben kandidiert.

Die Vermutung von Moderatorin Lucia Tröger, dass die „Ochsentour“ in den Parteien viele Junge abschreckt und dass neben Ausbildung und Studium kaum Zeit bleibt, sich hoch zu arbeiten, kann der Juso nicht teilen: „Im Wahlkampf Flyer zu verteilen oder Plakate zu kleben, gehört nun mal dazu. Man lernt ja auch Leute kennen.“

Da ist Bastian Brummer anderer Meinung: „Wurstsemmeln und Brezen verteilen, als Handlanger zu dienen – das schreckt doch ab.“ Konkrete, praktische Projekte, wie einen Skaterpark planen oder sich im Naturschutzprojekt zu engagieren, das ist das, womit man junge Leute gewinnen könne. Er ist froh, auf einer freien Liste zu stehen, die parteiunabhängig ist und ihn als Journalisten seine Neutralität behalten lässt. Immerhin steht er auf Platz 1 der Weichser Bürgervereinigung.

Mehrmals fällt in der Diskussion das Wort „Herzblut“, von dem man viel braucht in der Kommunalpolitik, oder „den Spirit“, wie Leiß sagt. Ob denn alles besser würde, wenn die Jugendlichen nicht mehr unterrepräsentiert wären, fragt die Moderatorin? Es würde weniger „Bürokratie“ geben, mithilfe von Digitalisierung würden die Ämter zugänglicher, das politische System würde „transparenter und innovativer“, so die Antworten. Nur ein (frommer) Wunsch?

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