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Solidarität mit Fondi: Vorvergangene Woche leuchtete das Dachauer Rathaus in den italienischen Farben.

„Sehr, sehr schwierige Wochen“

Interview: Bürgermeister Beniamino Maschietto über die verzweifelte Lage in Fondi

  • Stefanie Zipfer
    vonStefanie Zipfer
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Die Dachauer Partnerstadt Fondi in der italienischen Region Latium ist vom Coronavirus schwer getroffen und wurde von der Regierung offiziell als Seuchenherd eingestuft – mit der Folge, dass die Stadt und ihre knapp 40 000 Einwohner in fast völliger Isolation leben müssen. Dank der freundlichen Unterstützung von Tanja Jørgensen-Leuthner, Mitarbeiterin des Kulturamts der Stadt Dachau, konnte die Heimatzeitung ein Interview mit Bürgermeister Beniamino Maschietto führen und mit ihm über die Lage in seiner Stadt sprechen.

Signor Maschietto, wie ist die aktuelle Lage in Fondi? Wie viele Menschen sind bereits an Covid-19 erkrankt?

Beniamino Maschietto: Unsere Stadt ist aktuell vollkommen isoliert, da wir als Virus-Herd gesehen werden. Aktuell haben wir 760 Corona-Infizierte, die in häuslicher Quarantäne leben müssen. 192 Infizierte sind ernsthaft krank und im Hospital. 40 Erkrankte wurden auf eine Isolierstation nach Rom geflogen. Und, leider, haben wir auch bereits vier Tote zu beklagen. Und damit Sie eine Vorstellung bekommen: Die Zahl an Infizierten bei uns ist so hoch, dass die Regierung ein Hotel angemietet hat, wo wir Infizierte und deren Angehörige – in getrennten Zimmern – unterbringen. Die bekommen ihr Essen vor die Tür gestellt, holen es ins Zimmer, und dann geht die Tür wieder zu. Die Familien haben keinerlei Kontakt mehr zueinander.

Wie schaffen es die Bürger, angesichts dieser strengen Regeln nicht durchzudrehen?

Natürlich waren die ersten Tage eine große Umstellung. Aber mittlerweile haben sie verstanden, dass die absolute Ausgangssperre zu ihrem Wohl ist.

Wie funktioniert die Ausgangssperre in der Praxis?

Das geht so, dass die Kinder ihre Hausaufgaben und ihren Schulstoff per E-Mail oder Internet bekommen. Von jeder Familie darf nur einer nach draußen, und auch das nur mit Genehmigung. Wenn man einkaufen will, muss man das vorher anmelden, dann bekommt man im Geschäft ein Zeitfenster, in dem man kommen darf. Doch so schlimm das klingt: Die Menschen lernen wieder, ihre Familie zu pflegen, füreinander da zu sein. Das sind Werte, die man vorher vielleicht verloren hatte.

Die ganze Welt macht sich lustig über die Deutschen und ihre Klopapier-Hamsterkäufe, auch die Dachauer haben ja die Regale leer geräumt. Gab es so etwas auch in Fondi?

Die deutschen Hamsterkäufe waren bei uns kein Thema. Allerdings ist es mir unverständlich, weil eigentlich ist doch alles da, was die Menschen brauchen. Wir in Fondi haben da besonderes Glück, da wir vor Ort frisches Obst und Gemüse haben.

Gibt es etwas, was in Fondi fehlt?

Hauptsächlich fehlt es uns an medizinischen Artikeln, zum Beispiel Mundschutz und Schutzkleidung für Ärzte. Mittlerweile versuchen wir, die Kittel und Masken selber zu nähen, jeder gibt eben sein Bestes.

Was gibt Ihnen und den vielen Pflegern und Ärzten Hoffnung?

Ich bin ja nicht nur Bürgermeister, sondern auch Arzt. Damit trage ich doppelte Verantwortung. Aber ich fühle mich an meinen Eid gebunden, den Menschen mit all meiner Energie helfen zu wollen. Genauso sehen es übrigens unser Rotes Kreuz, die Caritas, alle Ärzte und das THW: Wir alle halten zusammen und helfen, wo es geht.

Dachau hat als Zeichen der Solidarität sein Rathaus in den italienischen Nationalfarben angestrahlt. Haben Sie davon erfahren in Fondi? Und was bedeutet Ihnen diese Aktion?

Diese wunderschöne Nachricht ist natürlich gleich in Fondi angekommen. Das hat uns noch mal gezeigt, wie sehr Ihr uns gern habt und wie stark diese Freundschaft ist. Das gibt uns wahnsinnig viel Mut, danke für diese Solidarität! Die nächsten Wochen werden sehr, sehr schwierig sein. Aber wir sind guter Hoffnung, dass wir das gemeinsam überstehen.

Familie, Fasching und Fehler im System

Tanja Jørgensen-Leuthner kennt Fondi gut: Ihre Mutter und viele Freunde leben dort, regelmäßig begleitet sie die Dachauer Delegationen als Übersetzerin. Die aktuelle Situation in Fondi bedrückt sie natürlich sehr, da sie mit ihrer Mutter nur telefonisch Kontakt halten kann: Weder darf die Tochter nach Italien, noch darf sie die Mutter nach Deutschland holen. Doch, und das gibt Jørgensen-Leuthner trotz der verzweifelten Lage Hoffnung: „Die Nachbarn helfen sich, wo sie können!“ Im Fall ihrer Mutter würden sie zum Beispiel anrufen und fragen, „ob es ihr gut, weil sie sie heute noch nicht mit dem Hund beim Gassigehen gesehen haben“. Dass Fondi so schwer von dem Virus getroffen wurde, erklärt sie mit drei Faktoren: den italienischen Großfamilien, deren Zusammenhalt und Kontakt weit enger sei als in Deutschland; dem Carneval, den vor allem die jungen Menschen gerne feiern, und schließlich dem italienischen Gesundheitssystem: „In Italien sind alle krankenversichert. Aber die guten Ärzte kosten Geld. Und das können sich viele einfach nicht leisten. Also gehen sie lieber erst mal nicht zum Arzt.“

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