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Kurz vor dem Ruhestand: Richard Wacht bei der Autoschau anlässlich des Jubiläums der Feuerwehr mit einer BMW 502, Erstzulassung 1957.

Polizei-Verkehrsexperte Richard Wacht geht in den Ruhestand

Der Meister des Straßenverkehrs geht

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Er kennt jede Straße, jede Kreuzung, jede Kurve im Landkreis. Er weiß, wie viele Unfälle auf welchen Straßen passiert sind, kennt Unfallursachen, Unfallschwerpunkte. Richard Wacht, der Verkehrsexperte der Dachauer Polizei, geht in den Ruhestand.

Dachau – Verkehrsunfälle im Landkreis: Wohl kaum ein anderer hat sich so intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt wie Richard Wacht. 25 Jahre lang war er der Leiter des Sachgebiets Verkehr der Dachauer Polizei. Er wertete Unfälle aus, beriet Verwaltungen, Gemeinden und Politiker beim Versuch, Unfallschwerpunkte auszumerzen. Und der Polizeihauptkommissar fand stets deutliche Worte, wenn Politiker nur herumlavierten. Heute verabschiedet sich der 61-jährige Dachauer aus seinem Dienst.

Richard Wacht steht im Gang vor seinem Büro im zweiten Stock der Polizeiinspektion und deutet auf eine Straßenkarte des Landkreises Dachau. Darauf zu sehen sind bunte Punkte, „die stellen die Unfälle und den Unfalltyp dar“, erklärt der Polizeihauptkommissar. 5000 Unfälle pro Jahr gibt es im Schnitt im Landkreis, alle werden ausgewertet. Die Unfallkommission arbeitet Unfallschwerpunkte heraus, analysiert sie. „Diese zu reduzieren, war eine meiner Hauptaufgaben“ – und das ist in vielen Fällen gelungen. Durch mehr Überwachung, eine geänderte Ampelschaltung, verkehrsregelnde und -lenkende Maßnahmen, andere Beschilderung – oder bauliche Veränderungen.

Beispiel Innere Münchner Straße in Dachau: Nach dem Umbau der einstigen Hauptunfallstraße im Stadtgebiet sind die Unfallzahlen um die Hälfte zurückgegangen. Allerdings war diese Umbaumaßnahme die „viel diskutierteste“ in seiner Laufbahn, so Wacht. Geschäftsleute, Stadträte, Stadtverwaltung, Pendler, Radfahrer, Einkäufer – alle redeten mit. Die Aufgabe der Polizei ist es in solchen Diskussionsrunden stets, zu beraten und den rechtlichen Rahmen zu beurteilen.

Und Richard Wacht scheute sich nie davor, auch öffentlich seine Meinung kundzutun – und den Politikern Druck zu machen. Wie bei der Kreuzung Freisinger/Alte-Römer-Straße. „Hier muss eine Lösung her, und zwar schnellstmöglich. Wir können ja nicht zuschauen, wie dort jedes Jahr mehr und mehr Unfälle passieren“, sagte er Ende 2014. Kurz danach fiel der Beschluss, dass hier eine Ampel installiert wird.

Seit 44 Jahren gehört Richard Wacht schon zur Dachau Polizei: Am 1. Oktober 1975 trat er seinen Dienst als Praktikant an. Danach folgte die Ausbildung, der mittlere Polizeivollzugsdienst, danach Schichtdienst bei der PI Dachau. Nach dem Besuch der Polizei-Fachhochschule in Fürstenfeldbruck zur gehobenen Laufbahn kehrte Wacht 1994 wieder nach Dachau zurück und wurde Sachbearbeiter Verkehr. „Ich bin gebürtiger Dachauer, hier aufgewachsen“, erzählt Richard Wacht. „Ich kenne jede Ecke, das hat viele Vorteile.“ Und durch die langen Schichtjahre – mit Schwerpunkt Unfälle – brachte er die idealen Voraussetzungen mit, um Verkehrsexperte zu werden. In eine andere Dienststelle zu wechseln und aufzusteigen, das wollte er nie – zu verwurzelt ist er in seiner Heimatstadt. Ihm war die Nähe zum Arbeitsplatz – „zwei Kilometer mit dem Rad“ – mehr wert. „Und meine Tätigkeit war immer hochinteressant.“ Außerdem sei eine längere Verweildauer bei diesem Job gut, „weil Erfahrungswerte mit einfließen“.   

Doch nicht nur Unfälle und deren Ursachen beschäftigten Wacht in seinem Dienst. Veranstaltungen gehörten auch zu seinem Aufgabengebiet: etwa der Besuch von Joe Biden, damaliger Vize-Präsident der Vereinigten Staaten, in der KZ-Gedenkstätte im Jahr 2015, für den vom Bayerischen Hof bis Dachau „verkehrsfrei“ galt, also eine Sperrung sämtlicher Straßen samt Gegenverkehr – „eine organisatorische Herausforderung“.

Oder das Radrennen Bayern-Rundfahrt mit Ziel in Dachau im Jahr 1999, „eine Riesengeschichte“, als Erik Zabel mit 81,7 km/h vor rund 10 000 Besuchern durchs Ziel in der Münchner Straße fuhr. Oder der Besuch von Helmut Kohl zur Beerdigung von Christiane Herzog, der Frau von Alt-Bundespräsident Roman Herzog, im Jahr 2000 in der Friedenskirche. „Kurz zuvor rief uns ein Mitarbeiter vom Personenschutz an und sagte: Herr Kohl mit Frau möchte frühstücken“, erzählt Richard Wacht. „Wir haben im Café an der Herzog-Albrecht-Straße angerufen und gefragt, ob es möglich wäre, dass Herr Kohl zum Frühstücken kommt – die sagten ok.“ Kurze Zeit später ein Anruf vom Personenschützer von Theo Waigel bei der Polizei: Herr Waigel mit Frau möchte frühstücken. „Wir haben Herrn Waigel auch dort angekündigt – und beide haben hervorragend gefrühstückt.“

Ob Volksfesteinzug, Triathlon, Radrennen, das Skirennen am Karlsberg, Präventionsarbeit – Richard Wacht war fast immer selbst vor Ort. Das Schöne daran: der Bürgerkontakt, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. „Allerdings nimmt die Einsichtigkeit der Verkehrsteilnehmer etwas ab, Sperrzeichen werden zunehmend als unverbindliche Empfehlung wahrgenommen.“ Doch Richard Wacht ließ sich nie aus der Ruhe bringen.

Nun steht sein Ruhestand an. Der 61-Jährige freut sich darauf, „jetzt das machen zu können, was all die Jahre zu kurz gekommen ist“: auf Konzerte zu gehen, ins Theater, sich mit Kultur und Sport zu beschäftigen. „Ich bin neugierig und vielseitig interessiert.“ Ende November schaut er sich ein Champions-League-Spiel in Barcelona an und fliegt dann weiter nach Fuerteventura, wo seine Tochter Felicia (24), die in der Reisebranche tätig ist, gerade arbeitet. Sein Sohn Valentin (28) ist in einem Planungsbüro beschäftigt und sehr aktiv bei der Feuerwehr für Dachau und den Landkreis.

Den Expertenblick für den Verkehr wird Richard Wacht nicht ablegen – zumal er ehrenamtlich Geschäftsführer der Kreisverkehrswacht in Dachau ist. Seinem Nachfolger Andreas Knorr, der ebenfalls aus Dachau kommt, ist Wacht schon freundschaftlich verbunden. Nach fünf Stunden Einarbeitung in einem griechischen Lokal steht Wacht ihm jederzeit zur Verfügung – mit all seinem Wissen und seiner Erfahrung.

Die Vorschläge des Verkehrsexperten

„Wir ersticken im Verkehr, und es wird nicht besser.“ Richard Wacht weiß, was kurzfristig funktionieren und Erleichterung verschaffen würde: „Die B 471 im Bereich Dachau ist aufnahmefähig seit der Öffnung des Allacher Tunnels“, deshalb schlägt der Verkehrsexperte vor: eine Ein- und Auffahrt am Ende des verlängerten Himmelreichwegs, den Knoten Dachau-West bei Feldgeding ausbauen. Außerdem sagt Wacht, der früher „Verfechter der Ostumfahrung“ war, dass bei Badersfeld Richtung Ampermoching eine funktionsfähige Umfahrung bestehe, die natürlich noch ausgebaut werden muss. Vorschläge für Dachau hat Wacht auch: Eine Wiedereinführung der Einbahnregelung in der Altstadt könnte sich der Dachauer gut vorstellen. Und zur Stärkung des „superguten Dachauer Bussystems“ schlägt er vor, das kostenlose Busfahren in die Jugendfreizeitkarte zu integrieren. „Das spart das Taxi Mama, und man gibt den Kindern ÖPNV-Kompetenz.“

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