Stellte sich dem Rechtsradikalen Nikolai Nerling mutig entgegen und bekommt dafür den Zivilcouragepreis: Eva Gruberová.
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Stellte sich dem Rechtsradikalen Nikolai Nerling mutig entgegen und bekommt dafür den Zivilcouragepreis: Eva Gruberová. archiv

Sie stellten sich einem der bekanntesten Rechtsradikalen des Landes entgegen

Eva Gruberová und neun Schüler werden mit Dachauer Zivilcouragepreis geehrt

  • Verena Möckl
    VonVerena Möckl
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Mutig haben sie sich einem der bekanntesten Rechtsradikalen des Landes in der KZ-Gedenkstätte Dachau entgegengestellt. Dafür werden Eva Gruberová und neun Schüler eines Ebersberger Gymnasiums mit dem Dachauer Zivilcouragepreis geehrt.

Dachau – Es war ein kalter und verschneiter Februartag, als sich Eva Gruberová mit einer Schulklasse vom Gymnasium Kirchseeon auf den Weg in die KZ-Gedenkstätte Dachau machte. Gruberová ist Projektleiterin für Prävention gegen antisemitische Verschwörungsmythen am Max-Mannheimer-Studienzentrum Dachau. In der KZ-Gedenkstätte gibt sie Dreitages-Seminare für Schulklassen. Die Ereignisse vom 19. Februar 2019 werden ihr und ihren Schülern noch Jahre später im Gedächtnis bleiben.

Vor dem Eingangstor der Gedenkstätte bemerkte Gruberová aus dem Augenwinkel zwei Männer: Der eine hatte eine Kamera dabei. Der andere Mann hatte ein Mikrofon in der Hand und eine Matrosenmütze auf dem Kopf. „Ich habe ihn gleich erkannt“, sagt Gruberová. Die große und schlanke Statur des Mannes und die unverkennbare Matrosenmütze – Es war Nikolai Nerling. Gruberová kannte seine Ansichten bereits. Der ehemalige Berliner Realschullehrer hatte sich radikalisiert und verbreitete seitdem rechtsradikale Hetze in der Öffentlichkeit.

Er sei doch ein Rechtsradikaler, stellte sie Nerling zur Rede.

Ohne groß nachzudenken, ging Eva Gruberová auf Nerling und dessen Kameramann zu. Er sei doch ein Rechtsradikaler, stellte sie Nerling zur Rede. Was dieser unverblümt bejahte.

Da Eva Gruberová als Referentin kein Hausrecht hat, konnte sie den offen rechtsradikalen Nerling jedoch nicht des Platzes verweisen. Also brachte sie erst mal ihre Schulgruppe außer Reichweite des Volkslehrers. Dann rannte sie zum Verwaltungsgebäude. Dort informierte sie die Bildungsabteilung über die Anwesenheit der beiden Männer.

Sie konnte nicht glauben, was sie da sah

Auf dem Rückweg zu ihren Schülern habe Gruberová nicht glauben können, was sie sah: Nerling und sein Kameramann standen bei ihren Schülern. „Ich habe mich sehr unwohl gefühlt“, erinnert sich Paula Urbanek. Sie und ihre Mitschüler waren zu dem Zeitpunkt erst 14 Jahre alt. Und sie fühlten sich von beiden Männern bedroht. Ein Mädchen, so Gruberová, habe sogar am ganzen Körper gezittert. „Die Stimmung war sehr aufgewühlt.“ Die Jugendlichen waren bis dahin noch nie mit offen rechtsradikalen Personen in Kontakt gekommen.

„Ich hab’ eine totale Wut bekommen“, erinnert sich Gruberová. Die Workshopleiterin forderte Nerling auf, die Kontaktaufnahme zu den Schülern und das Filmen zu unterlassen. Damit Nerling dem Aufsichtspersonal nicht entkommt, führte sie eine hitzige Diskussion mit dem selbst ernannten Volkslehrer. „Er hat sich darüber lustig gemacht, was in Dachau geschehen ist, und er hat das Leid der Menschen relativiert.“ Gruberova habe das als „ungeheuer und wahnsinnig dreist“ empfunden.

Anzeige wegen Holocaustleugnung

Umso mehr freut es sie, wie die ganze Sache schließlich ausgegangen ist. „Er war in den anderen Gedenkstätten, wo es anders gelaufen ist, wo er seine Filmchen drehen konnte“, sagt Gruberová. „Aber in Dachau ist er auf die Nase gefallen.“ Von der Projektleiterin bekam der rechtsradikale Volkslehrer eine Anzeige wegen Holocaustleugnung, von der KZ-Gedenkstätte eine wegen Hausfriedensbruch.

Im Dezember 2019 wurde Nerling vom Amtsgericht Dachau zu einer Geldstrafe in Höhe von 10 800 Euro verurteilt. Ein Jahr später wurde das Urteil vom Landesgericht München in einem zweiten Prozess bestätigt . Dieses Urteil wäre nicht zustande gekommen, betont Gruberová, wenn die neun Schüler des Ebersberger Gymnasiums sich nicht bereit erklärt hätten, gegen Nerling vor Gericht auszusagen. „Das war sehr mutig und beeindruckend“, findet Gruberová. Denn bei Nikolai Nerling handelt es sich um einen der bekanntesten Prediger in der rechtsradikalen Szene. „Es freut mich, dass junge Leute erkennen, dass seine Einstellung mit Demokratie nichts zu tun hat.“

Schüler sollen Preis bekommen

Dass die Haltung der Schüler mit dem Dachauer Zivilcourage Preis gewürdigt wird, ist für die Projektleiterin „besonders beeindruckend“. Über ihre eigene Nominierung für den Preis sei sie anfangs jedoch erschrocken gewesen. „Für mich ist mein Verhalten selbstverständlich und nicht etwas, was eine Auszeichnung verdienen würde.“ Den Dachauer Preis für Zivilcourage will Gruberová daher nur annehmen, wenn es auch die Schüler tun. „Diese Gruppe, so Gruberová, „werde ich nie vergessen“.

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