Pfarrer Benjamin Gnan
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Dr. Benjamin Gnan, Stadtpfarrer in Dachau: keine Show nur von Hauptamtlichen mehr.

Im Landkreis Dachau fällt die Zahl der Seelsorger in den nächsten Jahren

Damit die Kirche im Dorf bleibt, auch wenn die Pfarrer weniger werden

  • Stefanie Zipfer
    vonStefanie Zipfer
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In einigen Jahren wird es im Landkreis wesentlich weniger katholische Seelsorger geben als heute. Grund dafür ist ein neuer Stellenplan des Erzbistums. Die Verantwortlichen vor Ort glauben, den Personalschwund dauerhaft nur mit Ehrenamtlichen auffangen zu können. „Wir werden von einer Zuschauer- zur Mitmachkirche“, sagt etwa der Bergkirchner Pfarrer Albert Hack.

Landkreis – Die Zahl der Gläubigen sinkt seit Jahren, entsprechend gehen die Steuereinnahmen zurück, und die Gewinnung neuer Priester wird immer schwieriger. Das Erzbistum München und Freising hat daraus seine Konsequenzen gezogen und im Januar einen Personal- und Stellenplan in Kraft gesetzt, der zum einen eine deutliche Reduzierung der Seelsorgeteams vorsieht und zum anderen für die verbleibenden Kollegen nur noch die Gewährleistung sogenannter Grunddienste vorsieht. Diese „Grunddienste“ sind laut Hendrik Steffens, Pressesprecher im erzbischöflichen Ordinariat, „insbesondere die Feier der Sakramente und Sakramentalien sowie seelsorgerische Begleitung“.

Für den Landkreis Dachau bedeuten diese Planungen beispielsweise, dass im Pfarrverband Bergkirchen-Schwabhausen, wo es heute noch einen Pfarrer, einen Diakon und einen Pastoralreferenten gibt, in wenigen Jahren nur noch eine halbe Priesterstelle und eine halbe Stelle für einen pastoralen Mitarbeiter vorgesehen sind.

Auch der Pfarrverband Petershausen-Vierkirchen-Weichs wird sich seinen Vollzeitpfarrer künftig mit einem anderen Pfarrverband teilen müssen. Das achtköpfige Seelsorgeteam in Dachau wird zwar seine Vollzeit-Pfarrstelle behalten dürfen, aber an anderer Stelle mit Sicherheit schrumpfen.

Albert Hack steht dem Pfarrverband Bergkirchen-Schwabhausen vor und sagt: „Wir sind nicht der ADAC!“

Pfarrer Albert Hack nennt den Stellenplan „furchtbar“ und eine „Katastrophe für die Menschen“. Andererseits gibt er auch zu: „Ich habe keinen besseren Plan.“ Denn es sei ja nicht so, dass die Diözese „aus Bosheit“ weniger Leute beschäftigen wolle. Im Gegenteil: „Wir würden ja jeden Mitarbeiter mit Handkuss nehmen!“ Aber die Kirche, glaubt Hack, spiele derzeit mit „im Konzert der sozialen Dienstleister“, deren Berufe im Bereich der Kinder-, Alten- und Krankenfürsorge auf dem Arbeitsmarkt gerade nicht sehr begehrt seien. Im Fall der katholischen Kirche, so Hack, komme halt auch noch dazu, dass „wir nach außen gerade nicht den besten Eindruck abgeben“.

Peter Dietz, Pfarrer in Weichs: Lücke künftig nur mit Ehrenamtlichen zu füllen.

Für Pfarrer Hack sowie seine Kollegen Dr. Benjamin Gnan aus Dachau und Peter Dietz aus Weichs ist daher klar, dass die Personallücke in der Seelsorge langfristig nur mit Ehrenamtlichen gefüllt werden kann. Dietz hat diese „traurige Entwicklung“ schon mehrfach und zuletzt auch in seinem jüngsten Pfarrbrief angekündigt: „Wenn die Corona-Pandemie vorbei und die Gremienarbeit wieder möglich ist, wird das eines der Themen sein, uns zusammen für diese kommende Zeit neu aufzustellen.“

Auch Gnan sagt klipp und klar: „Kirche ist in Zukunft keine Show mehr, die nur von Hauptamtlichen gemacht wird. Wenn ich noch christliches Leben will, dann muss ich mich auch einbringen.“ Hack formuliert es so: „Wir werden von einer Zuschauer- zur Mitmachkirche.“

Damit dies gelingen kann, ist zweierlei nötig: Die Kirche muss, so Hack, die Ehrenamtlichen mitmachen lassen, ihnen Freiheiten und Verantwortung übertragen. „Wir müssen den Leuten das Gefühl geben: Wir nehmen euch wahr und wir nehmen euch ernst, wir begleiten euch“, ergänzt Gnan.

Kirchensteuer vermittelt falschen Eindruck

Zum anderen, so der Dachauer Geistliche, müssen die Kirchenmitglieder ihr Selbstverständnis ändern: „Die Kirche lebt nicht von einer passiven Mentalität. Durch das Zahlen von Kirchensteuer habe ich meine Schuldigkeit als Christ nicht getan.“ Hack formuliert es pragmatischer: „Wir haben es über die Kirchensteuer geschafft, den Eindruck zu erwecken, wir wären wie der ADAC, nach dem Motto: Ich zahle, und wenn ich rufe, dann kommt der gelbe Engel!“

Dass im Landkreis Dachau in den vergangenen zehn Jahren im Vergleich mit anderen Landkreisen die Zahl der Kirchenaustritte noch relativ moderat ausfiel – laut Erzbistum gab es Ende 2009 noch 76 495 Katholiken, zehn Jahre später waren es noch 72 269 – liegt Hack zufolge an der guten Arbeit der Seelsorge vor Ort. Die Pfarrer im Landkreis „leisten sehr viel, manche stoßen jetzt schon an ihre physischen und psychischen Grenzen“. Neben der praktischen Personalentwicklung haben die Pfarrer in den Augen Gnans künftig – mehr als bisher – eine symbolische Funktion: „Als Garant der Einheit sind wir mehr denn je gefordert, wir müssen alle zusammenhalten!“   

Kirchengemeinden, hier Heilig Kreuz in Dachau, sind im Umbruch.

Gnan zufolge habe es auch Gedankenspiele gegeben, die Seelsorge in den Landkreisen des Erzbistums weg von der Fläche hin zu einzelnen Zentren zu bündeln. Im Fall von Dachau wären dies die Große Kreisstadt sowie Indersdorf gewesen. Doch am Ende habe man sich dagegen entschieden – sehr zur Erleichterung von Albert Hack. „Was wäre denn da passiert mit den alten Leuten? Fahren Sie mal mit dem öffentlichen Nahverkehr von Machtenstein nach Dachau, das ist ein Erlebnis!“

Hack will daher, egal was passiert, mit ganzem Herzen ein „Landpfarrer“ bleiben und die durch den Stellenplan sehr wahrscheinliche Krise beim griechischen Wortsinn nehmen. Im Griechischen steht „Krisis“ nämlich für den „Wendepunkt“ – hin zum Besseren.

In Dachau gibt es hierfür sogar schon ein praktisches Beispiel: Wegen Corona mussten Ehrenamtliche zum Ordnerdienst für die Gottesdienstbesucher abgestellt werden: Gnan zufolge kommt dieser Service super an, gerade „die Älteren sind glücklich, dass sie jetzt an der Tür so nett empfangen werden“.

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