Vogel an Nest
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Was tun gegen den Störenfried? Saatkrähe mit Nest. hab

Krähenplage treibt Anwohner um

Das große Krächzen

Sie sind laut und machen Dreck. Und sie gehen manchem deswegen auf die Nerven: Saatkrähen. Doch was tun gegen die Tiere? Das ist nicht einfach. Denn die Vögel sind auch schlau – und geschützt.

Dachau – Christine Reiner (Namen geändert) weiß nicht mehr weiter. Ihre ungebetenen Nachbarn setzen der 83-jährigen Dame zu. „Die machen einen Haufen Dreck.“ Zu allem Überfluss komme auch noch ein ohrenbetäubender Lärm dazu. Wer sind diese unerwünschten Störenfriede? Die Rede ist von Saatkrähen.

Reiner wohnt seit 50 Jahren in ihrer Wohnung an der Berliner Straße, Ecke Theodor-Heuss-Straße. Dort haben es sich seit ein paar Jahren Saatkrähen in zwei Bäumen bequem gemacht – für die Dachauerin alles andere als angenehm. Sieben Nester hat Reiner bisher gezählt. Das Gekrächze der Krähen sei so laut, man könne bei schönem Wetter nicht mehr auf dem Balkon sitzen. Auch die Hinterlassenschaften der Vögel geben Grund zu Ärgernis. Der Kot würde Autos, Dächer und Straßen ruinieren, meint Reiner.

Sie ist nicht die Einzige, die sich von den Vögeln gestört fühlt. Besonders zwischen März und Juni, der Brutzeit der Vögel, häufen sich die Beschwerden. An der Pollnstraße, Ecke Liegnitzerstraße klagen Anwohner ebenfalls über eine Krähenplage. Auch der Pfarrkindergarten St. Peter schlägt sich mit den unerwünschten Nachbarn herum. Die Hinterlassenschaften der Vögel würden den Außenbereich verschmutzen. „Die Kinder beschweren sich schon, dass sie sich nirgendwo mehr hinsetzen können“, sagt Birgit Rupprecht, Leiterin des Kindergartens. Darüber hinaus müsse man aufpassen, dass man keinen Stock auf den Kopf kriege. Doch am schlimmsten sei Rupprecht zufolge der Lärm. „Die Kinder haben sich mittlerweile schon an den Krach gewöhnt“, meint die 56-Jährige. Doch für ihre Mitarbeiter sei das ununterbrochene Gekrächze eine Zumutung.

Das Ehepaar König, das seit 60 Jahren an der Pollnstraße wohnt, ist mit den Nerven am Ende. „Früher hatten wir keine Probleme, erst seit ein paar Jahren“, stellt Kreszenz König fest. Heuer sei es besonders schlimm. Rund 20 Nester habe sie in den Baumwipfeln entdeckt. Wegen des Gekrächzes könne man kein Fenster mehr öffnen. „Wenn es wenigstens ein schönes Vogelgezwitscher wäre“, seufzt König. Am liebsten würde sie die Vögel „nehmen und auf ein Feld setzen“.

Wäre es nur so einfach. Da die Tiere auf dem Land aufgrund der intensiven Landwirtschaft mit Pestiziden nicht mehr ausreichend Nahrung finden, zieht es sie immer mehr in die Städte. „Die Krähen sind Flüchtlinge vor der chemischen Landwirtschaft“, sagt Roderich Zauscher, Vorsitzender des Bund Naturschutz Dachau. Die Vögel einfach zu verscheuchen, löse Zauscher zufolge das Problem nicht. „Vertreibungen führen nur zu Splitterkolonien.“ Dadurch würden sich die Vögel an weiteren Stellen in der Stadt ausbreiten. Vielmehr brauche es eine intakte Natur, um die Tiere wieder in ihren ursprünglichen Lebensraum zu locken. Für ihn ist die Krähenplage daher eine Folge von mangelndem Naturschutz. „Wir brauchen abwechslungsreichere Wälder und eine umweltfreundliche Landwirtschaft.“

Der Stadt ist die Krähen-Problematik nicht fremd. Es gebe jedoch „keine hundertprozentig wirksamen Maßnahmen, um Krähen konkret vor Ort am Brüten zu hindern“, erklärt Ariane Jungwirth, Leiterin der Abteilung Stadtplanung. Da Saatkrähen unter Naturschutz stehen, könne man lediglich präventive Schritte einleiten. Um die gefiederten Störenfriede abzuschrecken, habe man es bereits mit dem Aufhängen von CDs versucht – ohne Wirkung.

Seit einigen Jahren setzt die Stadt auf die sogenannte „Vergrämung“. Dabei werden die Nester entfernt und eine Ausastung der Brutbäume vorgenommen. Beides müsse allerdings außerhalb der Brutzeit geschehen, erklärt Jungwirth. Mehrmals pro Jahr wendet die Stadt die Vergrämung an – mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. „In einigen Bereichen werden Maßnahmen genehmigt, in anderen nicht“, so Jungwirth.

Für Birgit Rupprecht und das Ehepaar König stehen die Chancen allerdings schlecht. Da sich die Brutbäume an der Pollnstraße auf privatem Grund befinden, könne die Stadt hier ohne Einverständnis des Besitzers keine Präventiv-Maßnahmen anwenden. „Das ist keine Sache, die man einfach so nebenbei macht“, betont Jungwirth. Wegen der Vögel habe die Stadt Dachau jährlich einen finanziellen Aufwand in vier- bis fünfstelliger Höhe.

Der Fall an der Berliner Straße sei der Stadt bisher nicht bekannt. „Wir werden ihn jedoch in unsere Antragsliste für Vergrämungen aufnehmen“, versichert Jungwirth. Ob die Maßnahmen schließlich durchgeführt werden können, wird letztlich von der höheren Naturschutzbehörde entschieden. Verena Möckl

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