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Der Druck ist groß, die Zeit zu knapp, das Personal viel zu wenig: Pfleger haben gestern vor der Klinik demonstriert.

Patienten und Mitarbeiter kommen zu kurz

Demonstration der Pfleger am Dachauer Klinikum

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Der Pflegenotstand in der Dachauer Amper-Klinik nimmt kein Ende. Am Donnerstag demonstrierten einige Mitarbeiter vor dem Krankenhaus. Auch nach viel öffentlicher Kritik hat sich dort offenbar nicht viel geändert.

Dachau– Vor dem Eingang des Helios Amper-Klinikums Dachau halten Krankenschwestern selbstgemalte Plakate hoch. Sie wollen ein Zeichen setzen gegen den Pflegenotstand in ihrem Krankehaus. Auf den Plakaten steht „Wegen Personalnot – weniger Zuwendung“ oder „Wenig Personal = wenig Pflege“. Einige haben ein T-Shirt über ihre weiße Berufskleidung gezogen, mit der Aufschrift: „Mehr von uns ist besser für alle“. An den desaströsen Zuständen im Dachauer Klinikum hat sich offenbar noch nicht viel geändert. Schon im Oktober 2016 hatten die Dachauer Nachrichten herbe Missstände aufgedeckt.

„Es fehlen weiterhin 70 Pflegekräfte in dem Krankenhaus“, sagt Verdi-Sprecher Christian Reischl. Die Geschäftsleitung gehe dagegen nur von acht Stellen im Pflegebereich aus, die besetzt werden sollen, sagt Betriebsratsvorsitzender Claus-Dieter Möbs.

Diese Einstellung kritisiert auch Krankenpfleger Matthias Gramlich. „Es wird einfach ignoriert, dass es zu wenige Pfleger gibt.“ Auf seiner Station Kardiologie werden tagsüber eigentlich fünf Leute für 77 Patienten eingeteilt. „Aber oft sind wir nur zu dritt oder zu viert.“ Wenn ein Kollege krank wird, dann werde das nicht kompensiert. Die Geschäftsführung habe zwar einen Springer-Pool, „aber der ist immer verplant“, sagt er. Das Ergebnis: Ein Pfleger muss viel mehr Patienten betreuen als die im Bundesdurchschnitt üblichen 13 Patienten. Auf seiner Station seien es oftmals mehr als 22, so Gramlich.

Alle Aufgaben für den Patienten zufriedenstellend zu erledigen, sei für die Pfleger so nicht möglich. „Es sind einfach zu viele Patienten – und zu wenig Personal“, so Gramlich. Dem Patienten Medikamente geben, Getränke bringen, Wickeln oder auf die Toilette begleiten, mehr geht nicht. Für ein Gespräch bleibt ohnehin keine Zeit. Das betont auch eine Krankenschwester, die anonym bleiben will: „Der Patient kommt einfach zu kurz“, sagt sie. „Wenn ich jemanden auf die Toilette begleite, muss ich ihn antreiben, weil ich schon wieder zum nächsten muss.“

Aber nicht nur Patienten kommen im Helios-Amperklinikum zu kurz, sagt sie – auch die Mitarbeiter. Eine halbe Stunde Mittagspause habe sie jeden Tag, aber nicht einmal die kann sie am Stück nehmen. „Ich muss auf der Station bleiben und kann nie rausgehen, weil immer ein Patient klingelt und sonst niemand da ist.“

Auch Betriebsratsvorsitzender Möbs ärgert sich: „Die Personalsituation ist ähnlich geblieben.“ Nur die Hygienezustände im Klinikum seien seit Anfang des Jahres besser geworden, es wurden neue Kräfte eingestellt. Ein Reinigungsteam begutachtet etwa alle zwei Tage die Zimmer. Doch Pfleger gebe es weiterhin zu wenige. Das liege auch daran, dass es keine Kräfte auf dem Markt gibt. Für Krankenpflegerin Sabine Brack ist diese Situation im Klinikum ein Armutszeugnis: „Von Kollegen weiß ich, dass sie oft nur durch die Station sausen und schauen, ob noch alle am Leben sind.“ Zudem übernehmen viele Hilfskräfte im Krankenhaus, wie Pflegefachhelfer, Aufgaben, die sie gar nicht ausführen dürfen, wie zum Beispiel Tabletten verabreichen – „weil gar keine examinierte Krankenschwester da ist“, sagt Brack.

Sie ist bereits seit rund 27 Jahren im Dachauer Klinikum, doch seitdem Helios die Leitung übernommen hat, stehen die Mitarbeiter unter enormen Druck, die Stimmung unter den Mitarbeitern ist schlecht. „Es gibt einfach keine Anerkennung vom Arbeitgeber“, sagt Möbs.

Viele Krankenpfleger und -schwestern geben deshalb auf und suchen sie einen anderen Arbeitsplatz: „Die Fluktuation der Mitarbeiter ist enorm“, sagt Pfleger Gramlich. Zu wenig Zeit für den Patienten, Druck vom Arbeitgeber, Dauerstress auf der Station – das halten auf Dauer nicht viele aus.

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