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11. Januar 2012: Der Tag, an dem Tilman Turck am Dachauer Amtsgericht ermordet wurde

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Von: Thomas Zimmerly

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Sargträger und Trauergäste begleiten am Donnerstag, 19. Januar 2012, den Sarg des ermordeten Staatsanwalts Tilman Turck von der Aussegnungshalle zum Grab am Münchner Nordfriedhof.
Sargträger und Trauergäste begleiten am Donnerstag, 19. Januar 2012, den Sarg des ermordeten Staatsanwalts Tilman Turck von der Aussegnungshalle zum Grab am Münchner Nordfriedhof. © dpa

Am kommenden Dienstag jährt sich der Mord an Staatsanwalt Tilman Turck zum zehnten Mal. Am 11. Januar 2012 hatte der Angeklagte Rudolf U. kurz vor der Urteilsverkündung im Prozess gegen ihn vor dem Dachauer Amtsgericht eine Waffe gezogen und den 31-jährigen Juristen erschossen. Die schreckliche Tat ist bis heute unvergessen.

Dachau ‒ Der 54-jährige insolvente Transportunternehmer Rudolf U. aus Karlsfeld steht am Nachmittag jenes 11. Januar 2012 vor Gericht. Keine große Sache. Er soll Arbeitsentgelt für seinen Fahrer veruntreut haben. Schaden: 44 000 Euro. Ein Routine-Prozess, der um 13.53 Uhr beginnt. Allerdings verhält sich der Angeklagte in der Hauptverhandlung von Beginn an unwillig, diskutiert mit seiner Anwältin. Der Grund: Er fühlt sich ungerecht behandelt.

Es ist 16 Uhr, als das Urteil fällt. Rudolf U. bekommt ein Jahr Haft auf Bewährung. Doch als Richter Lukas Neubeck (36) das Urteil verkünden will, zieht der 54-Jährige urplötzlich eine Pistole, die er illegal besitzt, aus der Jackentasche. Ohne Vorwarnung feuert er zwei Mal auf Tilman Turck. Der Richter, der Protokollführer und die Rechtsanwältin flüchten sich unter den Richtertisch. Als der Schütze das bemerkt, zielt er auf den Richter – und verfehlt ihn. Zwei Zeugen, ein Zollbeamter und ein Mitarbeiter der Deutschen Rentenversicherung, stürzen sich auf Rudolf U., drücken ihn zu Boden. Trotzdem schießt er weiter in Richtung des Richtertischs. Insgesamt sechs Schüsse krachen durch den Gerichtssaal. Als es den Männern gelingt, Rudolf U. die Waffe zu entreißen, ist noch eine Patrone darin. Richter Neubeck gelingt es, Hilfe zu holen. Polizisten nehmen den 54-Jährigen noch vor Ort fest. Der DN-Redakteur Christian Chymyn hatte nur wenige Minuten vor der Bluttat den Gerichtssaal verlassen.

Nach kurzer Zeit sind Rettungskräfte vor Ort, um den schwer getroffenen Tilman Turck zu versorgen. Sie tragen ihn aus dem Gebäude in einen bereitstehenden Rettungswagen und fahren ihn ins Krankenhaus. Alle Künste der Ärzte in der folgenden Notoperation dort sind leider vergebens. Der 31 Jahre junge Jurist stirbt. Von den beiden Schüssen wäre jeder allein tödlich gewesen, sagt Rechtsmediziner Oliver Peschl später im Prozess.

Nur drei Monate nach der schrecklichen Bluttat erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage gegen U. – wegen Mordes und dreifachen versuchten Mordes an Richter Lukas Neubeck, dem Protokollführer sowie der Anwältin des Schützen. Als Mordmerkmale nennen die Ankläger Heimtücke und Handeln aus niederen Beweggründen. Als Motiv: Rache. Die Anklageschrift ist 13 Seiten lang. 62 Zeugen sowie zehn Sachverständige sind geladen.

In der Untersuchungshaft müssen dem schwer zuckerkranken U. beide Beine amputiert werden, was die Eröffnung der Hauptverhandlung verzögert. Am 5. November 2011 schließlich kommt es zur Hauptverhandlung vor dem Schwurgericht München II. Rudolf U. wird zu jedem Termin in einem Bett liegend in den Sitzungssaal geschoben. Bald ist klar: Er bereut nichts.

„Sie haben Tilman nie getroffen. Er hat Ihnen nichts getan. Warum haben Sie ihn mir genommen?“ Mit diesen Worten richtet sich Gretchen Turck, die Ehefrau des Mordopfers während des Prozesses an den Angeklagten. Tilman, so fährt sie fort, das sei alles für sie gewesen: ihr Seelenverwandter, ihr bester Freund, ihre Familie, ihr Zuhause, ihre Zukunft.

Am 29. November fällt das Urteil gegen Rudolf U. Er ist schuldig des Mordes sowie des dreifachen Mordversuchs, urteilt das Schwurgericht München II. U. bekommt die höchste Strafe, die ein deutsches Gericht verhängen kann: lebenslänglich, mit besonderer Schwere der Schuld. Damit kann er nicht nach 15 Jahren aus dem Gefängnis entlassen werden. Der Vorsitzende Richter Martin Rieder sagt in der Urteilsbegründung, Rudolf U. habe den Staatsanwalt „kaltblütig ermordet“. Seit Jahren habe er eine Aversion gegen die Justiz entwickelt, „aus der blanker Hass wurde“.

Der Mörder stirbt, mittlerweile 56 Jahre alt, in der Nacht zum Sonntag, 9. Juni 2013, um 0.55 Uhr auf der Krankenstation der JVA Stadelheim an Multi-Organversagen.

Gedenken im kleinen Kreis mit der Familie

Wer heute die Gebäude des Amtsgerichts Dachau betritt, um dort etwa einen Strafgerichtsprozess zu verfolgen, sollte Geduld mitbringen, jedoch wenn möglich keinen Rucksack oder eine große Tasche. Die Kontrollen im Haus sind langwierig und sehr streng, die Wachtmeister und Sicherheitsleute penibel. Und der große Metalldetektor, durch den alle Besucher schreiten müssen, erledigt den Rest. Seit dem Mord an Staatsanwalt Timan Turck im Januar 2012, bei dem der Todesschütze seine Waffe einfach zur Verhandlung in seiner Jacke mitgebracht hatte, ist alles anders in den insgesamt drei Häusern des Amtsgerichts, in denen Publikumsverkehr stattfindet.

Vor der schrecklichen Tat konnte jedermann unbehelligt in die Gebäude spazieren. Und das war auch so gewollt. „Offen zu sein, das war der Gedanke der Justiz“, sagt der heutige Amtsgerichtsdirektor Aksel Kramer. „Doch das geht heute nicht mehr. Die Kontrollen müssen sein, zum Schutz des Personals, aber auch der Besucher.“

Bayerns damalige Justizministerin Beate Merk (CSU) kündigte unmittelbar nach dem Drama von Dachau eine Verstärkung der Sicherheitsmaßnahmen an, und zwar landesweit. Der Freistaat gab grünes Licht für 70 neue Wachtmeisterstellen. Weitere 50 folgten 2013 und 2014. In Dachau selbst wurden zwei zusätzliche Beamte eingestellt. Überdies tun heute private Sicherheitsleute Dienst. Auch die Gebäude wurden umgebaut. In vielen Eingangsbereichen wurden Pforten, Schleusen und Drehkreuze installiert sowie Fenstersicherungen oder abschließbare Büroflure geschaffen.

Das Sicherheitspersonal habe nach 2012 schon mal „Gegenstände entdeckt, die bedenklich erschienen“, sagt der Sprecher des Amtsgerichts Dachau, Richter Stefan Lorenz. Nagelfeilen etwa, oder auch mal eine Schere. Doch gab es fortan in der Kreisstadt keine gravierenden Vorfälle mehr, niemand fiel mehr groß wegen aggressiven Verhaltens auf. „Darüber sind wir sehr froh“, so Lorenz.

Der Mord von damals ist im Amtsgericht Dachau noch sehr präsent. Im Haus II, in dem sich seinerzeit alles abspielte und in dem am kommenden Dienstag, 11. Januar 2022, am zehnten Jahrestag des Todes von Tilman Turck, keine Verhandlungen stattfinden werden, ist eine Gedenktafel angebracht. Der Fall „steckt den Bediensteten noch in den Gliedern“, so Lorenz. Am Jahrestag wird in Dachau selbstverständlich an den ermordeten Staatsanwalt erinnert. „Nichts, was wir an die große Glocke hängen“, sagt Amtsgerichtsdirektor Kramer. Es wird ein stilles Gedenken werden, an Tilman Turck, der am 11. Januar 2012 auf schreckliche Weise sein Leben verlor.

Wie Dr. Andrea Leonhardt, Pressesprecherin des bayerischen Justizministeriums, mitteilt, findet am Dienstag pandemiebedingt und in Absprache mit der Familie des Verstorbenen ein Gedenken im kleinen Kreis statt. Dabei soll auch ein Kranz am Grab des Verstorbenen niedergelegt werden. Teilnehmen werden unter anderem Staatsminister Georg Eisenreich, der Präsident des Bayerischen Verfassungsgerichtshofes Dr. Hans-Joachim Heßler sowie der Generalstaatsanwalt in München Reinhard Röttle. Eisenreich wird sich danach zu einem Gespräch mit der Familie treffen.

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