1. Startseite
  2. Lokales
  3. Dachau
  4. Dachau

Emotionale Diskussionen nach der Gebietsreform im Landkreis Dachau: Die meisten Wunden sind verheilt

Erstellt:

Kommentare

Protest nach der Gebietsreform gab es unter anderem in Tandern. Die letzten aus dem Jahr 1978 übrig gebliebenen Protestschilder wurden im Jahr 2016 abgehängt, wie unser Foto zeigt. Der Streit und die Forderung „Wir kämpfen für unsere Selbstständigkeit“ gehörte da schon lange der Vergangenheit an.
Protest nach der Gebietsreform gab es unter anderem in Tandern. Die letzten aus dem Jahr 1978 übrig gebliebenen Protestschilder wurden im Jahr 2016 abgehängt, wie unser Foto zeigt. Der Streit und die Forderung „Wir kämpfen für unsere Selbstständigkeit“ gehörte da schon lange der Vergangenheit an. © ost

Vor genau 50 Jahren bekam der Landkreis Dachau seine heutige Form – im Rahmen der bayerischen Gebietsreform. Emotionale Diskussionen blieben nicht aus. Bei einem Frühschoppen erinnerten Zeitzeugen an die Anekdoten der damaligen Zeit.

Dachau – Früher hatten mehr als zwei Drittel der Gemeinden in Bayern weniger als 1000 Einwohner, über ein Viertel der Gemeinden sogar höchstens 300 Bewohner. Ziel war es, Zusammenschlüsse zu bilden, um wirtschaftlich und kommunal Aufgaben zu bündeln. So wurde festgelegt, dass eine optimale Landkreisgröße bei 80 000 Einwohnern liegen sollte, eigenständige Gemeinden mindestens 5000 und Verwaltungsgemeinschaften 1000 Einwohner haben sollten. Zu dieser theoretisch optimalen Planung kam in der Feinplanung aber nun der Mensch, und damit die ein oder andere Auseinandersetzung zwischen Gemeinden hinzu.

An emotionale Diskussionen und so manche Anekdote erinnerte Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler im Gespräch mit vier Zeitzeugen, die die Gebietsreform mitgestaltet hatten. Anlässlich des runden Geburtstags lud der Landkreis Dachau am Samstag zu einem Frühschoppen mit Volksmusik im Innenhof des Landratsamtes 70 Gäste ein. Josef Mederer, früherer Bürgermeister von Schwabhausen, jetzt Bezirkstagspräsident, der damalige zweite Bürgermeister Johann Zigldrum aus Hebertshausen, der frühere Gemeinderat und spätere Bürgermeister Heinz Eichinger aus Vierkirchen und Martin Winter aus Großberghofen riefen die intensiven, zum Teil auch sehr emotionalen Diskussionen von damals in Erinnerung. Denn in so mancher Gemeinde gab es andere Vorstellungen und heftigen Widerstand gegen die künftige Zuordnung. „Doch inzwischen sind die meisten Wunden verheilt“, stellte Bezirksheimatpfleger Göttler fest.

Sie gestalteten die Gebietsreform mit: Heinz Eichinger, Josef Mederer, Johann Zigldrum und Martin Winter (von links) im Gespräch mit Norbert Göttler (Mitte).
Sie gestalteten die Gebietsreform mit: Heinz Eichinger, Josef Mederer, Johann Zigldrum und Martin Winter (von links) im Gespräch mit Norbert Göttler (Mitte). © fh

Erinnert werden kann an den heftigen Gebietsreformstreit in der Gemeinde Hilgertshausen-Tandern mit einer abgewiesenen Popularklage von 1974 bis 1980. Auch Prittlbach wollte so lange gegen den Zusammenschluss mit Hebertshausen klagen, bis das ganze Geld aufgebraucht war. Heinz Eichinger erzählte von den zähen Verhandlungen zwischen den Gemeinden Vierkirchen und Weichs, die diese Zeit sehr geprägt hatten und schon weit fortgeschritten waren. Die Verwaltungsgemeinschaft wurde dann vom späteren Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß wieder aufgelöst. Heute herrscht bestes Einvernehmen zwischen den beiden nun selbstständigen Gemeinden.

Altomünster wollte nicht zu Schwaben: Viel zu berichten hatte auch Bezirkstagspräsident Josef Mederer, der damals in Altomünster wohnte und besonders betroffen war. Denn es ging nicht nur um die Entscheidung Dachau oder Aichach, sondern auch um den Bezirk Schwaben oder Oberbayern. „Ein Teil wollte beim Landkreis Aichach bleiben, ein weiterer Teil war bereits wirtschaftlich nach Dachau ausgerichtet“, berichtete Mederer, der erst später Bürgermeister in Schwabhausen wurde. Er erzählte mit einem Augenzwinkern von politischen Debatten in nahezu jedem Verein und an jedem Biertisch im Raum Altomünster. Diskutiert wurde die Infrastruktur, die Schulen und die verkehrliche Anbindung an Dachau und Aichach. Schlussendlich kam es dann aber zu einem eindeutigen Wahlergebnis für den oberbayerischen Bezirk und den Landkreis Dachau. Bis heute seien laut Mederer jedoch die guten Beziehungen in den Nachbarlandkreis geblieben.

Der damalige Gemeinderat Martin Winter aus Großberghofen konnte über den freiwilligen Zusammenschluss von fünf Gemeinden zur Gemeinde Erdweg am 1. Juli 1972 berichten. Erdweg habe Glück gehabt, denn es gab bereits einen Pfarrverband, und der erste Bürgermeister Ludwig Ostermair habe den freiwilligen Zusammenschluss sehr gut hingebracht: „Er hat dem Gemeinderat gute Kompromisse vorgelegt, und das Abstimmungsergebnis war meistens einstimmig“, so Winter. Die Arbeit war vom Willen geprägt, gemeinsam etwas leisten zu wollen zum Wohle aller früheren Gemeinden.

50 Jahre später beurteilten alle vier ehemaligen Kommunalpolitiker unterm Strich die Gebietsreformentscheidung als richtig mit Hinblick auf die Infrastruktur. Die Anforderungen an die Gemeinden seien erheblich gestiegen, waren sie sich einig.

In den vergangenen 50 Jahren ist der Landkreis Dachau stetig gewachsen. Hatte er vor der Reform im Jahr 1970 88 699 Einwohner, waren es mit dem Zuwachs an Gemeinden 1972 bereits 94 888 Einwohner. Heute wohnen 155 117 Bürger im Dachauer Land.

Franz Hofner

Landkreis Dachau war ein Gewinner der Gebietsreform

Im Zuge der Gebietsreform in Bayern wurde der Landkreis am 1. Juli 1972 vergrößert: Vor der Reform maß der Landkreis 439,19 Quadratkilometer, danach waren es 579,2. Im Vergleich zu anderen Landkreisen war Dachau ein „Gewinner“. 17 Gemeinden aus den Landkreisen Aichach, Friedberg und Fürstenfeldbruck wurden dem Landkreis Dachau zusätzlich zugeordnet. Einzig die Gemeinde Fahrenzhausen musste an den Nachbarlandkreis Freising abgegeben werden.

Neu zum Landkreis kamen die Gemeinden Altomünster, Hilgertshausen, Hohenzell, Kiemertshofen, Kleinberghofen, Oberzeitlbach, Randelsried, Stumpfenbach, Tandern, Thalhausen und Wollomoos (alle aus dem aufgelösten Landkreis Aichach) sowie die Gemeinden Höfa, Pfaffenhofen an der Glonn, Sittenbach, Unterumbach und Weitenried (alle aus dem aufgelösten Landkreis Friedberg) sowie die Gemeinde Ebertshausen aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck.

Auch interessant

Kommentare