Michael Groißmeier hat ein Buch mit Gedichten herausgebracht.   Foto: archiv
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Michael Groißmeier hat ein Buch mit Gedichten herausgebracht.   Foto: archiv

Neues Buch von Michael Groißmeier: „Die Aschenstadt. Dachau im Gedicht“

„Die Wunde heilt auch nicht die Zeit“

  • Claudia Schuri
    VonClaudia Schuri
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Dachau – Michael Groißmeier war ein Bub, zehn Jahre alt, als er die Fuhrwerke sah. Ein Blick, den er nie vergessen hat. Denn die Bauernwagen waren beladen mit halb verwesten Leichen – mit Menschen, die im Konzentrationslager Dachau ums Leben gekommen sind. „Das verfolgt mich bis heute“, sagt der 86-Jährige. „Aus einer Fracht von Toten winkte knöchernd eine Hand, als ob sie sich ein Stück Brot von mir erbitten wollte“:

So beschrieb der Schriftsteller in dem Gedicht „Brot, Mai 1945“ das traurige und unmenschliche Erlebnis. Es ist eines der Gedichte aus Groißmeiers aktuellem Buch „Die Aschenstadt. Dachau im Gedicht“.

Es ist keine leichte Lektüre. Im Gegenteil: Sie ist schmerzhaft, schonungslos, unbarmherzig und oft auch brutal. Die Gedichte in dem Buch sind zwischen 1973 und 2020 entstanden und haben eines gemeinsam: Sie behandeln die Zeit des Nationalsozialismus in Dachau.

Immer wieder befasste sich Groißmeier in den vergangenen Jahrzehnten mit dem Holocaust und dem Leiden der Gefangenen im Konzentrationslager in seinen Werken. „Mir geht es nicht aus dem Kopf, wie so etwas passieren konnte“, sagt er. Auch deshalb zeichnet er von Dachau das Bild einer noch immer von der dunklen Zeit gezeichneten Stadt. „In einer Stadt lebend, die geschwärzt ist von Asche, verglüht mir das Wort im Mund: Ich spreche Asche“, schreibt er zum Beispiel in seinem Werk „Aschengedichte“. Das Motiv der Asche als Symbol der Vernichtung greift er immer wieder auf.

Auch mit dem Thema Scham setzt er sich intensiv auseinander. „Ich bin der Meinung, dass wir uns von einem gewissen Scham nicht befreien können“, sagt er. „Es ist die Grundverpflichtung unseres Volkes, dass das Gedenken nicht verblasst.“ Bei ihm spielt die damalige Zeit nach wie vor eine wichtige Rolle in seinem Leben. Das zeigen auch einige sehr persönliche Werke.

Wie zum Beispiel das Gedicht „KZ-Friedhof auf der Leit’n“ aus dem Jahr 2020. Wieder berichtet Groißmeier dort von dem Zusammentreffen mit dem Fuhrwerken voller Leichen. „Ich hab verwestes Fleisch gerochen. Da ist der Glaube mir zerbrochen an Menschlichkeit, Barmherzigkeit“, schreibt er. „Die Wunde heilt auch nicht die Zeit.“

Das Buch

„Die Aschenstadt. Dachau im Gedicht“ von Michael Groißmeier ist im Allitera-Verlag erschienen und kostet zwölf Euro (ISBN 978-3-96233-244-0).

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